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BLOG vom 26.06.2005


Das Bibersteiner Schloss hat sein „Stöckli“ erhalten

Autor: Walter Hess

Zu den behäbigen Berner Bauernhäusern gehört neben einem Speicher (Vorratsgebäude) auch ein so genanntes „Stöckli“, in dem die alt gewordenen Bauersleute sozusagen auf Vorrat untergebracht waren. Das Bauernhaus als solches wurde den Jungen überlassen; aber die Eltern waren noch für sie da und konnten ihnen bei Bedarf zur Hand gehen. Das war eine ausserordentlich sinnvolle Einrichtung in einer Zeit, in der noch alle Generationen in die Alltagsarbeiten einbezogen wurden, die keine 40-Stunden-Woche, Ferienpausen und dergleichen kannten. Die Alten hatten nicht nur ihren Platz, sondern auch eine erfüllende Aufgabe.

Das Schloss Biberstein im 1803 gegründeten Kanton Aargau hat eine gewisse bernische Vergangenheit: Im Schwabenkrieg setzte das mächtige Bern zur Verteidigung der eidgenössischen Gebiete am Jurasüdhang einige Soldaten ins Schloss, und später, 1535, kaufte der Stand Bern den Johannitern das Schloss ab, an dem man offenbar Gefallen gefunden hatte. Das ist nachvollziehbar. Bern hat nun keinen Einfluss auf das Geschehen im und ums Schloss mehr, abgesehen davon, dass Bern für die Schweiz dasselbe wie Brüssel für die EU bedeutet: Von dort kommt alles Gute, vor allem viele national gültige Gesetze, Verordnungen, Regelungen. Selbstverständlich ist die Regulierungswut in der Schweiz im Vergleich zur EU minim, aber immer noch mehr als ausreichend, zumindest für mein persönliches Empfinden.

Seit 1987 ist das Schloss Biberstein ein Wohnheim für behinderte erwachsene Menschen und ein feudales, zweckmässiges Zuhause für diese. Der Komfort wurde ständig verbessert. Früher gab es eine nur ungenügende Heizung. Licht, Strom und fliessendes Wasser waren spärlich vorhanden, obschon der reine Dorfbach durch das Schlossareal rauscht und genau dort zu einem kühnen Sprung in die Tiefe ausholt. Mit einem Kostenaufwand von 9,69 Mio. CHF wird der Schlosskomplex seit einigen Monaten erweitert und erneuert. Und heute Sonntag konnte das „Stöckli“, ein zweigeschossiger Flachdachbau (unten Beton, oben überkragendes Holz in orange-brauner Einfärbung und Imprägnierung) öffentlich besichtigt werden.

Der vom Schloss abgetrennte, unverschnörkelte Neubau (2,61 Mio. CHF plus 750 000 CHF für die Landkosten) fügt sich in den Südhang ein und stört das Schlossbild kaum. 8 ältere Personen, vor allem solche mit schwereren körperlichen Behinderungen, finden darin ein schönes, geräumiges und helles Daheim mit viel Holz, Natursteinen und komfortablen Nasszellen; auch Behandlungsräume sind vorhanden. Der gemeinsame Ess- und Aufenthaltsraum im Parterre mündet in eine parkähnliche Landschaft. Auf der einen Seite sind Tierstallungen, auf der anderen das mächtige Schloss, nebenan das riegelbauartige Bäckerhäuschen, aus dem den Besuchern am Sonntag frische Salzbrezeln verteilt wurden. Im "Stöckli" gibt es einen Lift – alles ist für den Rollstuhlverkehr eingerichtet. Und die neue Ölheizzentrale im „Stöckli“-Untergeschoss dient auch dem Schloss, so dass dort die Elektroeinzelspeicheröfen demnächst ersetzt werden.

Wer ins „Stöckli“ eintritt, sieht sich zuerst einem grossformatigen Wandgemälde „Lebensfülle“ gegenüber, das von Adelheid Hanselmann, Olten und Zürich, geschaffen worden ist. Wie auf einem Spitzenstoff breiten sich verschiedene stilisierte Blumen aus, und eine markante Schraffur haucht ihnen Leben, Bewegung und räumliche Tiefe ein. Die Schraffur verbindet die einzelnen Komponenten zu einem Netzwerk, welches die Lebensabschnitte Jugend, Erwachsenenalter und Lebensabend versinnbildlicht. Auch die sozialen Beziehungen sind hier angedeutet.

Demnächst wird auch der Riegelbau, in dem bisher das Schlosslädeli untergebracht war, umgebaut und das Schloss gerät ebenfalls in eine weitere Renovationsphase. Die Schlossgeschichte wird um ein weiteres Kapitel angereichert und ist eigentlich nie abgeschlossen, wie es sich für solch wuchtige Bauten nun einmal gehört.

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