Textatelier
BLOG vom: 14.07.2005

Der Ampèresteg in Zürich: Vorurteil und Auswirkung

Autorin: Rita Lorenzetti

Letzte Woche haben wir eine neue Brücke bekommen. Den Ampèresteg für Fussgänger und Velofahrende über die Limmat. Er verbindet Zürich-West mit Wipkingen.

Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.

Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.

Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!

Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.

Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.

Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.

Hinweis auf weitere Blogs von Meier Pirmin
Meinrad Lienert (1865 – 1933) – Ein Schweizer Erzähler (I)
Mystisches und Volksfrommes aus der Welt der Heilpflanzen und gesegneten Sträucher
Hans Küng – Warum die katholische Kirche nicht zu „retten“ ist
Wie weit ist Astrologie eine Beratungswissenschaft?
Was uns Albrecht Goes, Kurt Marti und andere «Pfarrer»-Dichter zu sagen haben
Flavio Cotti – Sein Profil waren Bildung und Kultur
Adventsgedanken eines wohlmeinenden Kirchenkritikers
Föderalismus oder Wie werden in der Schweiz die Kinder gemacht?
Erwin Jaeckle – Aphorismen eines Publizisten u. Parlamentariers
Pierre Wenger – Ein wegweisender Geschichtslehrer
A propos tote Fische und Pandemie
Das Lokale ist das Genaue
Rückblick auf den Autor Siegfried Lenz
Kant – zu Lebzeiten umstritten und heute abermals
Ein „Achtzehnbittengebet“ als Hommage an Klaus von Flüe