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BLOG vom 30.06.2005


Es fehlen richtige Eltern und nicht etwa Kinderkrippen

Autor: Walter Hess

Die gesellschaftlichen (sozialen) Zustände sind heutzutage, im Nachgang zum bisherigen permanenten Zerfall der Familien, nicht mehr eben die erfreulichsten. Viele moderne Eltern wollen Kinder, möchten aber mit diesen möglichst nichts zu tun haben und zudem für die Auswärtsbetreuung möglichst nichts zahlen. Vor jenen Eltern aber, die in der Kinderbetreuung eine vornehme und grundlegende eigene Aufgabe sehen und noch immer die Mehrheit bilden, zöge ich den Hut, würde ich einen solchen tragen. Die uniformierten Medien schreien nun nach Bundesgeldern (Steuergeldern) und weiteren öffentlichen Mitteln – wer da nicht mitmacht, ist ein Hinterwäldler aus dem Ewiggestern. Was eine rechte Gemeinde ist, richtet Sammel- und Einlagerungsplätze für Kleinkinder ein ... Schliesslich ist auch das Reststoffwesen so organisiert. 

Die Studie des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) „Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel“ (NFP 52) zeigte, dass 50 000 Plätze (für 120 000 Kinder) in Kinderkrippen fehlen. Laut meiner persönlichen Interpretation fehlen aber entsprechend viele Mütter und/oder Väter, die bereit sind, ihre Kleinkinder ins Leben zu begleiten, so wie es Rita Lorenzetti im Blog vom 21. Juni 2005 („Kinder, Eltern, Schule: Den Nachwuchs outsourcen“) treffend beschrieben hat. Denn mag eine Kinderkrippe noch so gut und professionell geführt sein, die Betreuer werden dort niemals so einfühlsam auf ein Kind eingehen können wie das einer Mutter oder einem Vater möglich ist, und mögen die Namen der Betreuungsinstitutionen noch so traulich klingen: „Spatzennäscht“ (Wettingen) oder „Schmetterling“ (Zürich). 

Die Auflösung der Familien mit ihrer Nestwärme bedeutet den Zerfall der Gesellschaft. Und je mehr die Kinder in die Kollektivbetreuung durch kommerzielle Institutionen ausgelagert werden, desto intensiver und schneller zerfällt diese Gesellschaft. Ich habe dieser Thematik unter dem Oberdach der Geschehnisse im Rahmen der neoliberalen Globalisierung in meinem Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ ein ausführliches Kapitel gewidmet. 

Laut der NLF-Studie, welche die wesentlichen Aspekte umgangen hat und aus der die Autorinnen und Autoren falsche Schlüsse gezogen haben (Nachfragebefriedigung statt Nachfragesteuerung), steigt das Bedürfnis nach Kinderbetreuung mit dem Einkommen: Steigt der Lohn um 10 %, nimmt die Nachfrage um 5,6 % zu. Solche Zusammenhänge müssten doch zu denken geben: Das Einkommen steht über dem Wohl der Kinder und der Gesellschaft. Zudem ist es angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt absolut unnötig, dass beide Elternteile in den Arbeitsprozess flüchten, um der Erziehungs- und Hausarbeit zu entgehen. 

Bereits der bisherige Zerfall der Familien und deren Folgen müssten gewisse Einsichten wecken: Die Jugendkriminalität und -verwahrlosung nehmen zu. Bereits Kinder leiden unter den Zivilisationskrankheiten, müssen zunehmend ärztlich betreut werden, sind oft nicht mehr unterrichtsfähig und Jugendliche sind nicht mehr belastbar (siehe Ergebnisse der Rekrutenprüfungen). 

Die tragische Geschichte des gesellschaftlichen Niedergangs begann mit der Lächerlichmachung der Hausarbeit, als in der Mitte der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts die Haushaltmaschinen aufkamen; der in diesem Zusammenhang in den USA aufkeimende und sich global verbreitende Feminismus war diesbezüglich ein wirkungsvolles Propagandaelement. Die Küchen, einst Zentrum des häuslichen Geschehens, wurden immer kleiner, sind bald einmal auf nahrungszerstörende Mikrowellen-Geräte reduziert, als ob es nicht schon genügend Elektrosmog gäbe! Wird im Hause kaum noch auf eine gesunde Ernährung geachtet und das Vorkochen der Industrie überlassen, die lange Haltbarkeiten erzielen und deshalb die Lebendigkeit der Lebensmittel nachhaltig zerstören muss, stellen sich Krankheiten ein – und dafür hat man ja wiederum das Krankheitsgewerbe mit der Pillenindustrie. Sind die Menschen nicht mehr in den Arbeitsprozess einzugliedern, muss die Invalidenversicherung einspringen. Wir haben immer die passende Lösung parat. 

Solche Irrwege führen in die soziale Katastrophe, deren Dimensionen viel grösser sind als man sich in seinen kühnsten Fantasien ausmalen kann. Wenn schon Kleinstkinder im Kollektiv zu angepassten Mitgliedern der Massengesellschaft erzogen werden, dann ist auch die intellektuelle Weiterentwicklung eines Volks langfristig unterbunden. Die Vermassung ist genau die ideale Voraussetzung für den Verlauf der neoliberalen (allein auf das Wirtschaftlichkeitsdenken ausgerichteten) Globalisierung. Sie ist auf verdummte, vermasste Menschen angewiesen, die alles gut finden und jeden Blödsinn mitmachen, auch wenn dieser ihre eigenen Interessen tangiert; das globale Dorf funktioniert nur unter dieser Grundvoraussetzung. Dass die Vereinheitlichung der Erde unter US-Kontrolle über Privatisierungen, Fusionen in allen Bereichen, Zusammenschlüssen von Ländern (z. B. EU), die weltweite kulturelle Nivellierung unter dem pausenlosen Terror des US-Schmarrens (Songs, Musicals, Hollywood-Filme, Gewaltverherrlichung in Comics, Übernahme von volksverdummenden Fernsehformaten, Mediengleichschaltung in Bezug auf Aufmachung und Inhalt) und die zunehmende Überwachung des Volks in allen Bereichen (bis zu den biometrischen Daten) überhaupt bereits so weit gedeihen konnte, müsste ein hinreichendes Alarmzeichen sein. Doch dieses wird nicht mehr erkannt, weil das Mitlaufen zur Verhaltensmaxime und das kritische Denken abgeschafft beziehungsweise ausser Kraft gesetzt worden sind. 

Eine Gesellschaft, die ihren Nachwuchs mit Verachtung straft, die ihr Heil in Kinderkrippen, Arztpraxen, Spitälern und ähnlichen Anstalten sieht, die Bildung und Weiterbildung untergewichtet, die Freizeitkultur auf amerikanische Verblödungen ausrichtet, die Gefängnisse ausbaut, die Menschen frühpensioniert, die Alten in Heime abschiebt statt sie in den Arbeits- und Lebensalltag einzubeziehen und sogar mit den Jungen nichts anzufangen weiss – eine solche Gesellschaft ist im Niedergang begriffen und hat wirklich rein gar nichts begriffen. Sie hat es unterlassen, ihre Fundamente zu betreuen und stabil zu erhalten. Sie hat ihre Fundamente ausgehöhlt und findet immer noch eine weitere Möglichkeit für den Einsatz des Abbruchhammers. 

Von Johann Wolfgang von Goethe stammt dieses Zitat. „2 Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ 

Die Wurzeln sind gerade in Auflösung begriffen, und eigene Flügel brauchen sie auch nicht mehr: Nötigenfalls werden sie in Sammelbehältern herumtransportiert.

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