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BLOG vom 24.04.2009


Im Zeichen des Turmalins: Abschied von Eugen Joseph Uhl
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Er habe die Zeit ausgeschöpft, so gut er nur konnte, habe der Welt offen, aber auch kritisch gegenübergestanden. Die Pfarrerin sprach von Eugen Joseph Uhl (23.11.1924‒07.04.2009), von dem Freunde und Verwandte in der Kirche Laufen in Dachsen ZH beim Rheinfall am 16. April 2009 definitiv Abschied genommen haben.
 
Der Lebenslauf
Eugen Uhl war eine in jeder Beziehung aussergewöhnliche Persönlichkeit. Als ich ihm vor wenigen Jahren in Uhwiesen im Zürcher Weinland erstmals begegnete, fiel mir an dem stattlichen, kräftigen Mann zuerst sein Luftröhrenschnitt auf, mit dem ihm nach einer Fehldiagnose und infolge einer Diphtherie als Kind das Leben gerettet wurde. Das Loch im Hals erforderte von ihm eine ganz andere Atemtechnik und erschwerte ihm das Sprechen. Nach wenigen Minuten waren diese Merkmale von der Ausstrahlung einer starken Persönlichkeit mit ihrem umfangreichen Wissensfundus überdeckt.
 
Sein Vater war vom Elsass in die Schweiz eingewandert und arbeitete in der ehemaligen Alusuisse als Meister, und die Mutter stammte aus dem Aargau. Die Familie wohnte zuerst in Neuhausen SH am Rheinfall und später im nahen Dachsen ZH. Eugen Uhl eignete sich viele Fähigkeiten an und fiel vor allem durch seine gestalterischen Talente auf. Er besuchte die Fachhochschule für Gestaltung in Zürich und absolvierte eine Grafikerlehre. Seine besondere Zuneigung galt den Edelsteinen. Er erhielt Gelegenheit, eine Goldschmiede-Klasse zu besuchen und fand dort einen besonderen Diamanten: seine spätere Lebenspartnerin Alice Bachmann, eine liebenswerte Person mit einer ausgesprochenen mütterlich-gütigen Ausstrahlung, in deren Nähe man sich geborgen fühlt.
 
Eugen Uhl zeichnete für die AMAG-Werbung schnittige Autos, und diese Aufgabe führte ihn auch nach Paris. Mit ihm zusammen lebte seine Frau ein Jahr lang dort, und sie arbeitete als Goldschmiedin für eine Pariser Firma, die im Auftrag des Christian-Dior-Unternehmens Schmuck herstellte. Dann wechselte Eugen 1952 als Technischer Zeichner und Instruktor zur Swissair. 1954 heirateten Alice und Eugen. Sie bezogen an der Mühlebachstrasse in Zürich eine gemeinsame Wohnung. Dort stand ihnen auch eine Werkstatt zur Verfügung; später liessen sie sich am Grossmünsterplatz nieder. Nach 1956 trat Eugen Uhl als Grafiker und PR-Beauftragter ins Pharmaunternehmen Cilag AG in Schaffhausen ein und wurde auch in die Geschäftsleitung berufen; die Cilag ist heute in die Gruppe Johnson & Johnson integriert.
 
Alice Uhl hatte inzwischen ein Goldschmiedeatelier an der Olgastrasse in Zürich eingerichtet, wo ihr Mann seine Edelsteinsammlung unterbringen konnte, die auch eine Grundlage für die Schmuckherstellung war. Eugen hatte sich ein unwahrscheinlich weit gefächertes Wissen über edle Mineralien angeeignet. Während eines Gesprächs darüber hat er mir einmal ein grossformatiges Buch über den Turmalin gezeigt, an dem er wesentlich mitgewirkt hatte, ein Standardwerk. Vielleicht hatte sich der Stein auch auf ihn ausgewirkt: Der Edelstein weckt und stärkt die Lebenskräfte.
 
1973 kaufte das Ehepaar, das sich inzwischen über 2 Nachkommen (Pierre, 1956, und Jacqueline, 1960) freute, in Uhwiesen ZH (Bezirk Andelfingen) ein Bauernhaus, das in ein Wohnhaus umgebaut wurde. Jenes Strassendorf (Gemeinde Laufen-Uhwiesen) zeichnet sich durch seinen üppigen Bestand an teilweise sehr alten Fachwerkbauten aus; der Rheinfall befindet sich zur Hälfte in dieser Gemeinde.
 
1981 wurde Eugen vom Kehlkopfkrebs befallen, der einen weiteren chirurgischen Eingriff erforderte, und Eugen musste wieder sprechen lernen – er schaffte dies dank seiner Willensstärke und konnte auf technische Hilfsmittel verzichten. Seine Leistungen waren auch in dieser Hinsicht erstaunlich.
 
1993 zogen Alice und Eugen definitiv nach Uhwiesen, wo selbstverständlich wieder eine Goldschmiedewerkstatt eingerichtet wurde. Eugen frönte nunmehr seinem Sammlerhobby, besuchte Museen, Auktionen, Antiquitätenmessen und Flohmärkte, war oft mit dem Zug unterwegs und benützte manchmal einen Wartesaal als Übernachtungsgelegenheit. Beim Haus in Uhwiesen entstand, vor allem auf Veranlassung einer naturverbundenen Untermieterin, ein üppig blühender Garten mit ganzen Rosenbäumen, Pfingstrosen, Lavendel usf., wie er in dieser Farbenpracht nur selten zu sehen ist; Eugen pflegte einen kleinen Gemüsegarten. Er und Alice waren begeisterte Leser der bis Mitte 2002 von mir geleiteten Zeitschrift „Natürlich“, und ich stand häufig mit ihnen in Kontakt, empfing von ihnen Impulse, wie von unzähligen anderen Lesern auch; sie alle waren meine besten und nachhaltigsten Lehrmeister.
 
Eugen schlief ian der Nacht zum 07.04.2009 in seinem eigenen Bett nach einigen Fieberschüben und einem Unwohlsein friedlich ein, wie er es sich gewünscht hatte; er wollte keine lebensverlängernden Massnahmen mehr. Da rundete sich einfach alles. Dementsprechend breitete sich in der einfachen Kirche Laufen, von deren Empore Orgelmusik erklang, eine von Schicksalsergebenheit geprägte, andachtsvolle Stimmung aus. Diese passte zum Spruch des Reformators Huldrych Zwingli, der über dem Bogen zum Chorraum mit dem Glasbildfenster gross an die Wand gemalt ist und zum Rhein Bezug nimmt: „Warlich, warlich, Gottes Wort wirt so gwüss sinen gang haben als der Ryn / den mag man ein Zyt wol schwellen, aber nit gstellen.“
 
Die Kirche
Auf der Kirche sitzt ein Dachreiterturm. Das Kirchenschiff mit dem hölzernen Tonnengewölbe stammt aus der vorreformatorischen Zeit und das spätgotische Chor von 1516. Dann, 1895/96, kam eine Vorhalle hinzu. Die Empore wurde vergrössert. Der heutige Innenausbau stammt von den Renovationen 1948 und 2001.
 
Auf der Kanzel, 1792 zusammen mit Pfarrstuhl und Rückwand des Herrschaftsstuhls von Obervogt Hans Casper Spöndlis initiiert, sprach die Pfarrerin Regula Reichert besinnliche Abschiedsworte, ohne Sentimentalität, von Ruhe getragen. Sie sagte sinngemäss, ein Leben sei nicht einfach eine Abfolge von Jahreszahlen, sondern müsse als geschichtliche Einheit betrachtet werden. Die Geschichte, die Vergangenheit mit all dem Schönen und ihren Schmerzen zu ergründen, sei sinnvoll und zweckmässig; sie diene als Wegweiser zu weiteren persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, mithin dem künftigen Leben.
 
Das Schloss
In der Umgebung der Kirche, die von den Bäumen des Kirchgartens begleitet ist, war zu erkennen, dass die Geschichte in der Gegenwart tatsächlich fortdauert. Das Schloss Laufen (der Begriff bedeutete früher „Stromschnelle“) hoch über dem Rheinfall war eine einzige Baustelle – die bewegte Baugeschichte wird also fortgesetzt. So sollen an jener grossartigen, kühnen Lage ein neues Besucherzentrum mit Souvenirladen, eine Ausstellung, ein Bistro und Kinderspielplatz entstehen; noch bis Ende Mai 2009 ist der Zugang zur Aussichtsplattform versperrt. Von dort sieht man üblicherweise, wie sich der hinabstürzende Rhein tief in die eiszeitliche Schotterebene eingefressen hat. Im Frühjahr 2010 sollen ein Besucherzentrum, ein neuer Erlebnispfad und das neue Restaurant vollendet sein – Tourismus total.
 
Obschon ich die Gegend gut kenne, irritierten mich die vielen Strassensperrungen und wirren Umleitungen; ich merkte erst spät, dass ich die vielen abgedeckten Wegweiser „Rheinfall“ auf der linken Rheinseite trotz der orangefarbigen Abdeckbänder hätte befolgen sollen. Man darf gelegentlich nicht einmal in Wegweiser Vertrauen haben, besonders wenn sie manipuliert sind.
 
Das Dorf
Eine Sehenswürdigkeit ist das ganz in der Nähe gelegene Dorf Dachsen mit den herrlichen Riegelbauten (Fachwerkbauten) zwischen dem Cholfirst und dem Rhein wegen der Einheitlichkeit aus Fassadengestaltung und Dachform. Im Dorf befindet sich der Gusseisenbrunnen aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein Unikat im Kanton Zürich.
 
Im Gasthaus „Riegelhof“ neben der ehemaligen Kapelle, ein Rechteckbau aus dem 15. Jahrhundert mit verschindeltem Dachreiter, traf man sich zu Apfelkuchen und Kaffee. Im familiären Kreis tauchte manch eine Erinnerung an den Verstorbenen und seine facettenreiche Persönlichkeit auf – vor allem auch an seine Art, Gutes zu fördern und Schwieriges im Griff zu behalten. Ein wertvolles Vermächtnis – diesmal eine Wegweisung, der man trauen darf. Und in Krisenfällen kann ein Turmalin mit seinen lebhaften Blau- und Rottönen als Blitzableiter dienen, bildhafte Träume anregen und bei jeder Gelegenheit neue Freundschaften stiften.
 
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