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Heute neu aus dem Blogatelier
BLOG vom 25.05.2016
Fit und fidel nach Büro- und Kirchenschlaf

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 

„Wer die ganze Nacht geschlafen hat, darf sich am Tage auch ausruhen!“ besagt ein kubanisches Sprichwort. Die Verbreitung dieses geflügelten Wortes wurde übrigens 1960 von Fidel Castro unter Strafe gestellt.
Im Textatelier.com habe ich schon einmal den Büro- und Kirchenschlaf  beleuchtet. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse über den Büroschlaf und amüsante Episoden über Menschen, die auch tagsüber ein Schlafbedürfnis haben. Bevor ich ins Detail gehe, soll ein Leserbrief von L. S. aus Aarau, zitiert werden. Walter Hess kommentierte diesen Brief so:

Das Blog über den Büroschlaf vom 25. 04.2005 („Aufgewerteter Büroschlaf: Wer schläft, schafft gut ...“) hat eine erfrischende Reaktion aus der Neuen Aargauer Bank (NAB) an der Bahnhofstrasse 49, CH-5001 Aarau, ausgelöst:

„Ich habe das heutige Blog gelesen. Ich kann Dir mitteilen, dass wir auf der NAB bereits seit Jahren über einen Ruheraum verfügen. Es befinden sich dort 2 herrlich weiche Lederliegen. Ich als regelmässiger Besucher dieses Zimmers lobe diese Institution über alles. Ein Nickerchen von 30 Minuten wirkt bei mir Wunder. Ich lasse mich auch nicht durch die Bauarbeiten nebenan stören. Eher im Gegenteil. Du siehst, die NAB (Aarau) ist auch da federführend. Meine Kollegen von anderen Banken staunen ungläubig, wenn ich von dieser Einrichtung berichte.“

In Amerika und Asien, besonders Japan, ist die Wonne des Büroschlafs längst verbreitet. Nur in Deutschland ist der Mittagsschlaf tabuisiert. Schläfer werden oft als Faulenzer abgestraft. In der Schweiz ist es anders, wie der Leserbriefschreiber berichtete. Inzwischen haben Kraftfood in Bern und Pricewaterhouse-Coopers (PWC) und IBM in Zürich Ruheräume eingerichtet.

Richard Gerd Bernardy, der ja in Indien als Lehrer tätig war, schrieb mir in einer E-Mail vom  15.05.2016 dies:
„In Indien können die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Gelegenheit schlafen: im Bus, mitten auf dem belebten Bürgersteig,
unter Unterführungen, vermutlich auch im Büro.“

Büroschlaf führt zu mehr Kreativität
Nun gibt es eine Rechtfertigung für alle müden, schläfrigen Arbeiter und Angestellten. Laut Untersuchungen führt ein Nickerchen nämlich zu mehr Kreativität und Geistesblitzen. Dies wurde jedenfalls vor Jahren schon von Wissenschaftlern der Harvard Universität ermittelt.  Ein kurzer Mittagsschlaf senkt auch die Unfallgefahr und steigert die Lebensqualität. Auch beugt das Nickerchen dem Burnout-Syndrom vor. An diesem Syndrom leiden angeblich insbesondere Lehrkräfte, leitende Angestellte und Beamte.

Das kennen wir alle: Nach einem ausgiebigen Mittagessen überfällt uns ein bleierner Zustand. Dieser Zustand wurde als „Fressnarkose“ und „Suppenkoma“ bezeichnet. Ich verspürte das auch in meiner aktiven Zeit bei Novartis in Wehr (Baden). Was unternahm ich mit einigen Kollegen? Wir machten einen 15-minütigen Sparziergang nach dem Essen an der frischen Luft. Da wurden wir alle wieder munter.

Wie lange soll ein Mittagsschlaf dauern? Ein 15 Minuten dauerndes Dösen reicht aus. Amerikanische Schlafforscher ermittelten, dass ein Mittagsschlaf die Leistung um 35 % steigerte. Wer jedoch die Tiefschlafphase erreicht, braucht jedoch länger, um wieder fit zu sein. Also nur dösen.

Peinlich wird es jedoch für einen Arbeitnehmer, wenn er während der Arbeit einschläft. Vor Jahren schlief ein Beamter an seinem Schreibtisch ein. Er fiel mit dem Kopf vornüber und verletzte sich im Gesicht an Schreibutensilien. War es ein Arbeitsunfall?

Manche pennen auf dem Klo oder im Auto oder besuchen eine „Chill-Out-Lounge“. Die Betreiber bieten eine „Fast-Food-Entspannung“ an. In Düsseldorf und in Zürich gibt es öffentliche Ruheräume, indem die Müden einen Kurzschlaf bekommen. Rainer Schulze erklärt dies in der Online-Ausgabe der „FAZ“ so: „Solche Studios sind eine serviceorientierte Variante der Nap-Shops – Zelte oder Boxen, die für die Dauer eines Nickerchens angemietet werden können -, wie sie in Japan schon lange üblich sind.“

Nickerchen in der Kirche
Auch während den Messen und Predigten schlafen arbeitsame Menschen ein. Als regelmässiger, von den Eltern angetriebener, damals noch sehr junger Kirchgänger sah ich den einen oder anderen Landwirt während der langweiligen Predigten oder monotonen Gebeten in Morpheus Arme sinken. Besonders auffallend verhielt sich ein vor mir sitzender Landwirt. Wohl von seiner schweren Arbeit ermüdet, nutzte er jedes Mal den Kirchenbesuch zu mehreren Nickerchen. Es war immer nur ein Sekundenschlaf, denn sobald sich sein Kopf nach unten bewegte, brachte er ihn wieder ruckartig in die Ausgangsstellung zurück. Das wiederholte sich einige Male. Aber es gab noch andere Schläfer. Wurde der Pfarrer in seiner Predigt etwas lauter, richteten sich einige Köpfe aufgeschreckt wieder nach oben.

Der frühere Pfarrer von Ensingen (heute Stadtteil von Vaihingen) veranlasste, dass auch die Eisenbahnbediensteten den Gottesdienst besuchen mussten. Ein Rangiermeister, der eine Nachtschicht hinter sich hatte, nickte während der Predigt ein. Der Pfarrer bemerkte dies und rief unwirsch: „Ach, wie weit, wie weit ist`s noch ins Himmelreich.“ Der Eisenbahner schreckte auf und erwiderte: „Drei Wageläng!“

Folgende Bobachtung wurde immer wieder gemacht: Die Schlummernden waren nach dem Kirchenbesuch erfrischt und erquickt und steuerten frohen Mutes eine Wirtschaft zum Frühschoppen an.

Anton Hippin, Besitzer einer Schuhmacherwerkstatt in der Nähe von Beuggen bei Rheinfelden, war ein Mensch mit heiterem Humor. Sein Witz war von übersprudelnder Güte. Als während einer Predigt sein Nachbar einschlief, stiess er ihn mit dem Ellenbogen an und flüsterte ihm zu: „Man sagt einem doch anständigerweise Gute Nacht, ehe man schlafen geht.“

Sogar Richter schliefen ein
In Sitzungen des Kirchenzensurkonvents in den Jahren 1713 und 1714 wurde bitter beklagt, dass immer mehr Leute im Gottesdienst einschliefen. Sogar Richter begaben sich in Morpheus Armen. Es wurde deshalb beschlossen, diese Unsitte abzuschaffen. 3 Männer wurden beauftragt, während des Gottesdienstes herumzugehen, um die Schläfer zu ermitteln und zur Anzeige zu bringen. Das waren keine guten Zeiten für Kurzschläfer.

Die Rache des Küsters
Eine kleine Gemeinde im Südbadischen bekam einen neuen Pfarrer, mit dem sich partout keine herzliche Zuneigung entwickeln konnte. Die Folge war, dass immer weniger Bewohner in die Kirche kamen. Besonders an Regentagen liess sich kaum einer blicken. Da hatte der Kirchendiener eine glänzende Idee. Er liess die Glocken länger läuten. Auf die Frage eines Besuchers, warum er dies tue, antwortete er: „Wenn die Leute schon nicht in die Kirche kommen, dann sollen sie auch nicht schlafen.“

In Huttingen (Landkreis Lörrach) beklagte sich eine Frau, die in einem Gasthof übernachtete, wegen Störung des morgendlichen Schlafes so (dies konnte ich im Gästebuch lesen): „Es war hier sehr gemütlich, das Essen lecker und die Bedienung freundlich. Aber dem Pfaffen sollte man verbieten, morgens um 6 Uhr schon seine Glocke zu läuten.“

Richard Gerd Bernardy bezeichnet den Kirchenschlaf als Kontemplation, wenn man von „göttlichen Kräften“ erfasst wird!

Wirtin schlief oft ein
Michael Frautz, Erforscher der Gasthaus-Historie im Landkreis Lörrach, berichtete über Originale unter den Wirtsleuten. Weit bekannt war beispielsweise „Luisli“ Kallfass, Wirtin vom Gasthaus „Zur Krone“ in Tegernau. Die schlichte Frau mit Mutterwitz arbeitete unermüdlich und schlief manchmal über den Tresen ein. Die Gäste hauten sie nicht übers Ohr. Sie legten ihre Zeche samt Trinkgeld immer auf den Tisch und verabschiedeten sich so leise, dass sie weiterschlummern konnte.

Auch bei diversen Vorträgen wird so mancher Zuhörer in Morpheus Armen entrückt. Während eines Vortrages von Frank Hiepe und mir über Heilpflanzen in Dossenbach döste eine Bäuerin in der 1. Reihe ein. Sie war wohl infolge der landwirtschaftlichen Tätigkeit so müde, dass unser Vortrag sie ins Reich des Schlafes brachte. Die Veranstalterin meinte später zu uns: „Das war keine von uns, die war aus Maulburg.“

Literatur
Scholz, Heinz: „Geschichten aus Baden-Württemberg“, Archiv.
Schulze, Rainer: „Büroschlaf: Nur ein Viertelstündchen“, www.faz.net (15.05.2016).

 


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