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BLOG vom 22.05.2015
Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ und unser Älterwerden
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Das Buch des Autoren und Publizisten Peter Gross, Prof. Dr. rer. pol., emeritierter Ordinarius für Soziologie an der Universität St. Gallen (HSG), mit dem Titel „Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?“ erwähnt das bekannteste Bild des Malers Arnold Böcklin, das dieser in 5 Versionen zwischen 1880 und 1886 gemalt hat. 4 davon haben den 2. Weltkrieg überstanden und hängen jetzt in Basel, New York, Berlin und Leipzig. Die 3. Version war im 3. Reich im Besitz von Adolf Hitler und hing sowohl im Berghof, der „Kleinen Reichskanzlei“ auf dem Obersalzberg, und ab 1940 in der „Neuen Reichskanzlei“ in Berlin, der Stadt, in der sie sich auch heute noch befindet.
 
Es handelt sich um „Die Toteninsel“. Es ist ein düsteres Bild, das eine steil aus dem Meer emporragende Felseninsel zeigt, mit Trauerzypressen bewachsen. In die Felsen, die ein kleines Stück Land umschliessen, sind Grabkammern eingelassen. Ein Boot steuert auf die Insel zu, darin eine Gestalt in einem weissen Gewand, ein Ruderer und ein weiss verhüllter Sarg. Die letzte Bestimmung ist eine Insel.
 
Für Peter Gross ist diese Darstellung eine Metapher für eine Überfahrt ins Totenreich, die er als Lebensspanne ansieht, die in den letzten Jahrhunderten immer länger geworden ist, denn die Menschen in den Industrieländern haben, gerechnet seit etwa 300 Jahren, eine verdreifachte Lebenserwartung. Für Gross symbolisiert das Bild ein Gleiten in das Neue, nicht das Sterben, und „das Gleiten dauert immer länger“.
 
Meines Erachtens hinkt der Vergleich, denn der Sarg, der zur Toteninsel hinüber gefahren wird, enthält bereits einen Toten, der das Leben hinter sich hat, und sich auf seiner letzten Reise befindet, zur endgültigen Ruhestätte. Was der Autor meint, ist, dass er auf dem Weg ins Totenreich ist, das noch vor wenigen Jahrhunderten ein für die meisten Menschen kurzer Weg war von der Geburt bis zum Lebensende, und heute, in der „Langlebigkeitsgesellschaft“, wie Gross sie nennt, ein Weg, der oft 7, 8 oder sogar mehr Jahrzehnte andauert.
 
Das Anliegen von Gross in seinen Büchern ist es, das Alter und das Altern nicht so negativ zu sehen, wie es heutzutage in den Metaphern „Vergreisung“, „Überalterung“ und in der Sorge um die Renten der sich jetzt noch im Erwerbsleben Befindlichen ausgedrückt wird. In seiner Argumentation hat auch eine Lebenspyramide, die irgendwann einmal auf dem Kopf gezeichnet werden muss, also bei der die ältere Generation die jüngere zahlenmässig übersteigt, eine ganze Reihe positiver Aspekte aufzuweisen, denn zu einer modernen, entwickelten Gesellschaft gehöre diese Entwicklung, nicht zu einer armen. Arme Menschen werden meist nicht alt und sie haben oft viele Kinder.
 
Es ist reine Spekulation, zu beschreiben, was der Diktator Adolf Hitler, verantwortlich für viele Millionen Tote, sich bei der Betrachtung des Gemäldes gedacht hat. Die düstere Stimmung, die dieses Bild ausdrückt, und die Endgültigkeit des Todes wird er nicht in Verbindung zu „seiner germanischen Rasse“ gebracht haben, die für ihn die Herrscher der Welt werden sollte, über alle anderen, die er als minderwertig ansah. Vielleicht kam ihm bei der Betrachtung des Bildes die Idee, die von ihm so verhassten Juden nach Madagaskar zwangsweise überzusiedeln, weit weg vom Deutschen Reich, wo sie dort wie auf einer „Toteninsel“ ihre letzte Bestimmung finden sollten. Diese Idee hat er verworfen und zur „Endlösung“ gewandelt, in den Konzentrationslagern und Ghettos als Todes- und Toteninseln in seinem Machtbereich. Wie auf dem Bild, war es ein kürzerer Weg für die Millionen Opfer. Ob er sich selbst dabei als Charon sah, der greise Fährmann der griechischen Mythologie auf der Fahrt über den Totenfluss Acheron in das Totenreich zum Hades? Wie erwähnt – reine Spekulation!
 
Und was empfinden die Betrachter der 4 Versionen in New York, Berlin und Leipzig, wenn sie vor diesem Gemälde stehen? Es wird keine Schreckensversion des Todes gezeigt, kein Sensemann ist zu sehen, nur ein Fährmann, eine verhüllte Gestalt und ein weisser Sarg. Vom Bild geht eine friedliche Stimmung aus.
 
Peter Gross schreibt:
„Die verhüllte Gestalt im dahin gleitenden Nachen von Böcklings Toteninsel verharrt im Dämmerlicht eines solchen, undefinierten Zustands, eines Übergangs von einem Ort des Lebens und der Geschichte in die fremde, andere, nachtschwarze Sphäre des Todes.“
 
Der Autor empfiehlt, diesen Übergang als Moratorium zu sehen, nicht alles sofort und jetzt (noch) machen zu wollen, sondern sich von etwas zu verabschieden, was letztendlich als nicht erstrebenswert angesehen wird und stattdessen Alternativen zu prüfen, „Auszeiten“ und „Innehalten“, wie er sie nennt, denn das heutige Altwerden komplettiert das Leben. 
 
Das Bild führt uns Ältere zu einer neuen Sinnfindung, sowohl in sozialer Hinsicht als auch in der Sicht auf die im Alter auftretenden Gebrechen.
 
Wir alle sind auf dem Wege zur letzten Ruhestätte!
 
 
Quellen
Gross, Peter: „Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau/D, 2013.
 
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