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BLOG vom 03.08.2005


CCTV: Der elektronisch überwachte Mensch in London

Autor: Emil Baschnonga

In der Zeitung las ich, dass genau im tristen 13-stöckigen Wohnblock „Curtis House“ in New Southgate (London), wo anscheinend die Terrorbomben hergestellt wurden, eine Mieterin im 6. Stock hinter Plastikblumen versteckt eine CCTV-(Closed Circuit Television)Kamera installiert hatte. Schade, meinte ein Polizist, dass sie nicht im 9. Stock wohnt, wo die Terroristen hausten …

Das beliebte Ausspionieren der Nachbarschaft hinter Gardinen hervor wird nach und nach durch CCTV ersetzt. Diese Kameras kosten wenig und sind im Nu installiert. Jedermann kann sich eine solche leisten. Sie ersetzt ein langweiliges Fernsehprogramm.

In jedem Laden, an jeder Strassenecke, vor bald jedem Hauseingang und auf allen Autobahnen lauern uns diese Überwachungsgeräte auf. Trotzdem nehmen die Ladendiebstähle zu und schlüpfen Terroristen durch die Linsen in die Binsen. Nur der Autofahrer wird oft erwischt, selbst wenn er die zulässige Geschwindigkeit nur ein bisschen übertrifft, denn oft sind diese Bussenfallen listig versteckt.

Die CCTV-Hersteller haben Hochkonjunktur und streichen tolle Gewinne ein. Ich wusste nicht, dass diese Kameras jetzt schon die privaten Haushalte durchdringen. Ertappte ich früher einen Gaffer hinter den Gardinen, war ich versucht, ihm – oder ihr – eine lange Nase zu machen. Täte ich dies vor einer Kamera, würde ich wohl bald dingfest gemacht und abgeführt. Vielleicht sollte ich den Kameraaugen zujubeln und etwas vortanzen, damit jene Bedauernswerten, die gelangweilt hinter dem Bildschirm verschanzt sitzen, wenigstens etwas Spass haben.

Aber genau hier endet mein Sinn für Spass. Für mich ist die CCTV-Seuche mit den Graffiti-Schmierereien vergleichbar, nein, sie ist viel schlimmer noch, weil sie in die Privatsphäre des Menschen eindringt. Jedermann ist von vornherein ein Verdächtiger. Bleibe ich vor einem Schaufenster stehen, besonders bei einem Juweliergeschäft, bin ich schon ein potenzieller Räuber, desgleichen, wenn ich eine Bank betrete.

„Das muss man heute in Kauf nehmen“, werden Sie vielleicht sagen, „da wir in einer heillos durcheinander gewirbelten Welt leben, wo Schandtaten aller Art vorherrschen.“ Dagegen lässt sich wenig einwenden. Die alte chinesische Weisheit, wonach eine offene Türe der beste Schutz vor Dieben sei, möchte ich heute beileibe nicht befolgen und sie niemand anraten.

Nun ist es schon so, dass jemand, der etwas Übles ausheckt, sich etwas einfallen lässt, um die CCTV-Anlagen schachmatt zu setzen – von der Farbspritzpistole bis zu ausgeklügelten elektronischen „Entschärfern“. Das spielt den CCTV-Fabrikanten in die Hände, indem sie im Gegenzug sich etwas Neues und wesentlich Teureres einfallen lassen.

In einem der einst typischen englischen Cafés – Käff ausgesprochen – stand bei der Kasse unübersehbar angeschlagen: „In God we trust – you pay cash!“ Vielleicht trifft dieser Satz den wunden Punkt: Misstrauen statt Vertrauen beherrscht mehr und mehr unser Handeln und Wandeln. Ich persönlich glaube, dass etwas mehr Vertrauen, innerhalb gewisser Grenzen, durchaus gerechtfertigt wäre. Schliesslich ist die grosse Mehrheit der Bürger noch immer rechtschaffen genug, um dieses zu rechtfertigen. Und diese Mehrheit gilt es zu schützen, statt sie mit CCTV anzupöbeln.

Dies ist reinster Idealismus, ich weiss, aber dennoch … es wäre menschenwürdiger.

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