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BLOG vom 06.09.2005


Vom Lausbuben zum nützlichen Glied der Gesellschaft

Autor: Emil Baschnonga

In Ludwig Thomas „Lausbubengeschichten: Die Verlobung” legte der Professor Bindinger – Bräutigam der Marie (Schwester des Lausbuben) – „die Hand auf meinen Kopf und sagte: ‚Wir wollen ein nützliches Glied der Gesellschaft aus ihm machen.’“

Damit der Leser und die Leserin ja keinen falschen Eindruck von mir gewinnen mögen, versichere ich, dass ich mich in meinem Geschichtlein bloss der Ich-Form bediene, weil das ein Blog ist. Denn es ist alles erfunden, wenn nicht sogar erlogen, und es hat überhaupt nichts mit mir zu tun (sonst wäre ich ja nie ein nützliches Glied der Gesellschaft geworden). Ich vertrete die Ansicht, dass man ein Tagebuchblatt auch einmal mit Lügen vollstopfen darf, wenn man es mit der gebührenden Fantasie tut. Also:

Ich hatte mühelos den Ruf erworben, ein fauler Bengel zu sein. Darauf war ich eigentlich ganz stolz, weil ich trotzdem nie in der Schule sitzen geblieben bin, obschon ich viele Armutszeugnisse heimtrug. Mein Deutschlehrer und zugleich Klassenmeister hiess Kestenbaum und war ein Junggeselle in der Spätblüte des besten Mannesalters.

Ich fand ihn, wie Ludwig Thoma gesagt hätte, „fad“, wiewohl er ein peinlich übertrieben reines Baseldytsch sprach, das mir so sehr in die Ohren stach, dass ich sie verschloss. Viel lieber hätte ich dem „Fährimann" zugehört. Er radelte mit Hosenklammern zur Schule und zwar auf einem alten rostroten „Göppel“ – ein ausgedientes Raleigh-Markenvelo. Offensichtlich war er stolz darauf, sich als Kauz aufzuspielen. Aus allerlei gerechtfertigten Gründen habe ich ihm wiederholt einen „Platten“ beschert, sozusagen sein Ego entlüftet und mich nach Schulschluss gefreut, wie er die lecke Velopumpe ansetzen musste. Ich wusste, dass er einen Hang zum Schwitzen hatte.

Herr Kestenholz packte hin und wieder die Lust, diesen oder jenen Schüler mit seiner robusten psychologischen Analyse vor der ganzen Klasse zu entblössen. Er bediente sich dabei einer sarkastischen Grobfeile. Bei solchen Anlässen erwachte ich aus meinem Dämmerzustand und spitzte die Ohren. Ich unterzog dabei Kestenholz meiner eigenen und eigenwilligen Analyse, redlich vom Lesestoff von Sigmund Freud unterstützt.

Eines ärgerte mich langsam, aber sicher mehr und mehr: Warum knöpfte er mich nicht vor? Im Unterricht beachtete er mich kaum, obwohl ich gute Aufsätze schrieb. Irgendwie schien mir nachträglich, dass ich zeitweise ein Störfaktor in seinem Weltbild gewesen bin, den man am besten in Ruhe lässt.

Ich wurde beinahe bleich, als er eines Tages unvermutet mich zur psychologischen Zielübung erkürte. „Nehmen wir den Franz zum Beispiel“, begann er sachte. Das war immer gefährlich, wenn er sachte begann und sich nach und nach stimmlich in Schwung brachte wie ein Pfarrer auf der Kanzel. „Dieser Franz sitzt da, als ob er nicht da wäre. Man hat den Eindruck, dass er dumm ist. Ich weiss, fuhr er mit müde abwinkender Handbewegung fort, es fällt schwer, diesen Eindruck zu widerlegen.“ Damit gewann er die erste Lachsalve der Klasse. Ich verbiss meinen Ärger und schaute ihm gespielt gelassen und treuherzig ins Gesicht, wie er unentwegt seinen Verriss fortsetzte, worüber ich mich nicht äussern will. Die Klimax konnte nicht ausbleiben. Aber ich liess mich nicht von ihm aufwiegeln. Kestenholz hielt plötzlich inne. Wir schauten einander in die Augen. Ich blinkte nicht, sondern starrte ihn an. Bis auf den heutigen Tag weiss ich nicht, was ihn bewogen hat, zu sagen, man wisse einfach nicht, was Franz eigentlich denkt. „Er ist listig und hintergründig und gibt nur vor, naiv zu sein.“

Da drehte ich mich vom gekränkten Stolz augenblicklich geheilt nach meinen Klassenkameraden um und wusste mich von meinem Tiefstand plötzlich im allgemeinen Ansehen hoch gewertet.

Wie gesagt, das ist alles frei erfunden und erlogen. Auch den Aufsatz, den ich in der Folge schrieb. Der aufgegebene Titel „Warum Kleider Leute machen“ war geduldig, und ich konnte damit etwas anfangen, indem ich mich nach der äusseren der inneren Kleidung der Leute zuwandte. Mit feinstem Schmirgelpapier unterzog ich dabei indirekt Kestenholz meiner eigenen und eigenwilligen Nachbehandlung.

Seither kamen wir beide besser miteinander zurecht, was sich im Notenbild widerspiegelte. Ich war also auf dem besten Weg, ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden.

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