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BLOG vom 23.09.2005


Zum Einklang zwischen Wort und Bild: Illustrierte Bücher

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Autor, London

Heute ist es für mich immer ein Privileg, ein künstlerisch wohlgestaltetes Buch in der Hand und in Ehren zu halten, in dem Text und Bild im Einklang sind. Einst schien mir das belanglos zu sein. Der Text allein genügte mir. Nichts lenkte mich dann von meiner eigenen Vorstellung des beschriebenen Geschehens ab.

Inzwischen bin ich teils zum Bibliophilen geworden und sammle illustrierte Bücher, die von den Meistern des Kleinformats bebildert worden sind. Sie sind mir ans Herz gewachsen, worunter viele französische Buchillustratoren aus der Art-Deco-Zeit. Darunter sind George Barbier (1882−1932), AE Marty (1882−1974) und viele andere, die hier wörtlich aufzuzählen, ohne ihre Illustrationen beizugeben, nur Langeweile auslösen würden.

Novellen, Romane und Poesie sind wahre Anziehungspunkte für Bilder als Lithografie, Radierung oder Holzschnitt. Viele sind mit einem erotischen Hauch versehen – an 1. Stelle wohl die Werke des flämischen Schriftstellers Pierre Louÿs, etwa „Les Chansons de Bilitis“ oder „Roi Pausole“, die von der griechischen Antike inspiriert sind. Andere Schriftsteller mit ausgeprägter künstlerischer Bild-Gefolgschaft sind Charles Baudelaire („Les Fleurs du Mal“), Voltaire („Candide ou l’Optimisme“), Paul Géraldy („Toi et Moi“). Auch hier muss ich von einer längeren Aufzählung absehen.

Am herrlichsten sind illustrierte Kinderbücher, worunter viele von englischen Illustratoren wie Randolph Caldecott oder Robert Browning; sie alle sind den lieben Kleinen zugedacht. Auch deutsche Illustratoren haben wacker mitgehalten, so Wilhelm Busch mit seinen Bildergeschichten, wie die Erinnerungen heraufbeschwörenden „Max und Moritz“ oder „Die fromme Helene“. Viele der Kleinen haben ihr Eigenes dazugetan, was die ernsthaften Sammler – mich ausgenommen – arg stört: zerrissene oder buntfarbig überkraxelte Seiten, Eselsohren, Spuren von schmutzigen Händen, die durch Bücherseiten wateten. Hier weiss ich, dass ein junger Leser eng am Buch beteiligt gewesen ist. Dennoch sind viele von ihnen gross geworden und haben seitdem die gute Gesellschaft von Büchern vergessen. Wie viele aus dem heutigen Nachwuchs kennen noch Andersons Märchen? Ein Tip an die Eltern: Holt die alten Märchenbücher vom Estrich, ehe sie ganz verstaubt und vergilbt sind. Ich wette, dass viele Kinder Euch dankbar sein werden, wenn sie den alten Zauber neu erleben.

Es gibt Bücher, die fast ganz ohne Text auskommen: Fotobücher von Kulturstädten. Nächste Woche verbringen wir ein verlängertes Wochenende in Florenz. Zu dieser Stadt habe ich, nach einigem Suchen, das Bilderbuch gefunden und mir Orte vorgemerkt, die ich unbedingt zum 1. Mal leibhaft sehen möchte.

Nochmals tauche ich aus der Studierstube im ersten Stock zu meiner „Bibliothek“ hinunter und trage einen kleinen Schatz, betitelt „Destiny – A Novel in Pictures“ von Otto Rückel geschaffen, hinauf. Rückel wirkte in München und war bekannt für seine Holzschnitte, das bevorzugte Medium auch des Holländers Frans Masereel oder des Schweizers Félix Vallotton.

Otto Rückels Bilder-Novelle − selbst die Seitenzahlen fehlen − ist in 17 Teile gegliedert: 1. Kindheit, 2. Der Vater, 3. Die Mutter, 4. In fremdem Dienst, 5. Der Verkäufer, 6. Das Kind, 7. Der Bucklige, 8. Liebe, 9. Rache, 10. Der Schneider – halt! – keine weitere Aufzählung mehr. Hunderte von Holzschnitten sind ihr beigegeben. Seine Holzschnitte schildern den leidlichen Lebensweg eines Mädchens, dessen Vater, ein Trunkenbold, vom Tram überfahren wurde, und das in ärgster Armut bei ihrer Mutter hauste, bis es sich als Magd verdingte und in schlechte Gesellschaft geriet, wo es um ihre Erwartungen und Hoffnungen geprellt wurde. Das ist wirklich eine so traurige wie ergreifende Geschichte, die sich wohl am besten in Schwarz-Weiss-Holzschnitten erzählen lässt. Verglichen mit einem literarischen Text kommt ihr „Thérèse Raquin“ von Emile Zola nahe.

Was will ich damit sagen? Destiny = Schicksal möchte ich am liebsten durch die Welt der Bücher als durch die grausame Wirklichkeit erfahren, sei es als Text oder als Bild allein – oder sei es ganz besonders im einzigartigen Zusammenspiel beider, im Lichten wie im Trüben, fühlen wir uns unmittelbar angesprochen und berührt. Dann ist kein Wort zu viel und kein Bild zu wenig.

Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Sammlerfreuden

16. 04. 2005: „Fundstücke: Zufälle vermehren die Sammlerfreuden“

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