Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     22. Januar 2018, 01:38 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 28.09.2005


Von Köln in Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen

Autorin: Rita Lorenzetti

In der Grossstadt angekommen und sogleich aus ihr herausgeführt, sehe ich zuerst lange nur grüne Busch- und Waldstreifen, welche die Autobahn von Köln Richtung Aachen begleiten. Manchmal winken einige der grossen Windräder. Das Land ist flach. Der Horizont tief. Die Landschaft erscheint, oberflächlich betrachtet, als etwas immer Gleiches. Erst als wir auf die Landstrasse abzweigen, um das Dorf Ameln zu erreichen, öffnen sich mir die Seelen der Orte. Bäume, die die Strassen säumen, stehen wie zu einer Perlenkette aufgereiht da und markieren Geborgenheit. Dörfer und Kirchtürme werden sichtbar. Die dunklen Backsteinbauten haben Stil und gehören seit langer Zeit hierher. Hier leben Menschen. Und wir werden aufmerksam auf den nun etwa 20 Jahre alten Berg, der die Landschaft verändert hat. Er wurde aus dem so genannten Abraummaterial, unter dem die Braunkohle hervorgeholt werden konnte, aufgebaut. Als mein Mann und ich vor 25 Jahren hier zum ersten Mal durchkamen, fanden wir nur flaches Land. Nun steht ein Berg in der Landschaft, wie wenn er schon immer da gewesen wäre. Grün. Auf vielen Wegen begehbar. Er sei zum beliebten Erholungsgebiet geworden, erfahren wir von unseren hier ansässigen Freunden. Hier könnten sie im Winter sogar rodeln (schlitteln).

Die Insel Hombroich (im Umfeld von Düsseldorf) lassen wir uns dann nicht nur beschreiben. Wir besuchen sie. Wir finden eine Auenlandschaft von grossem Ausmass. Ein Format, wie ich es noch nie gesehen habe. Unberührte Natur, wenn wir von den Bauten absehen, die, wie es heisst, „parallel zur Natur“ hier eingefügt worden sind. Kunst und Natur als 2 Welten, die nebeneinander bestehen. Bäume, wie sie die Auenlandschaft hervorbringt, aber auch Bäume von Menschenhand als gestaltete Flächen gepflanzt. Schlichte und strenge Architektur, die Kunst aufnimmt und Räume, in denen wir singen können und eine verblüffende Akustik erleben. Eine alte Parklandschaft gehört zu diesem Gelände, in dem wir uns während 6 Stunden aufhalten, ohne uns eine Minute zu langweilen. Viele gepflegte Wege und hinter jeder Wegbiegung ein anderer Kunstaspekt. Zum Beispiel auch Steinsetzungen. An der Wand des Steinhauerateliers lese ich „Kunst ist Seelsorge“.

In der Insel-Cafeteria können wir uns verköstigen. Erstaunt stellen wir fest, dass das Essen im Eintrittspreis inbegriffen ist. Wunderbar! Und die Menschen, die in der Schlange dafür anstehen, sind alle geduldig, freundlich und von der Stimmung auf dieser Insel wie verzaubert.

Als ich an der Theke, wo ich eine Tasse Tee holen kann, mit der jungen Frau, die dafür zuständig ist, ins Gespräch komme, erfahre ich, dass sie Innenarchitektin ist und hier eine Teilzeitstelle innehat. Es seien hier viele Persönlichkeiten aus unterschiedlichster Herkunft und Kulturen anwesend (Bildende Künstler, Sänger, Musiker, Dichter, Gärtner usw.) und ebenfalls an anfallenden Arbeiten und Visionen beteiligt. „Vielleicht ist die Insel nur zu erleben, nicht zu beschreiben“, heisst es im einführenden Bericht über Hombroich auf der Homepage.

Hombroich ist wirklich etwas Anderes. Etwas Spirituelles. Es liegt etwas Achtsames über allem. Ein Ort für den mündigen Menschen, scheint mir. Ohne Hinweise, ohne Beschilderungen. Alle Wege dürfen vorerst einmal Überraschungen sein. (Ein Faltblatt mit einem Plan der gesamten Anlage ist dann aber doch hilfreich.) Dieser natürliche Ort wirkt ausgleichend auf alle, die zu Besuch gekommen sind.

„Die Insel ist urweiblich.

Sie gebärt, hält zusammen, stützt, dient und lässt frei. Sie ist kein Muss, sondern ein Darf. Sie ist nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.

Sie fordert jeden zur täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie ist kein männliches Feld für Organisation, Hetzjagd, Anhäufung, Macht und Demonstration.“

(Von einem Mann geschrieben: Karl-Heinrich Müller)

Beim Verlassen des Geländes am Abend empfinde ich die Parallel-Welten Kunst und Natur als nicht nebeneinander stehend. Für mich ist hier die Natur die grosse Gastgeberin, die die Versuche der Menschen, das Leben zu verstehen und es mitzugestalten, aufnimmt, unterstützt und begleitet.

Hinweise

Ich verweise zudem auf meinen Beitrag „Die Aue“, der im Textatelier.com unter „Glanzpunkte“ (Nr. 79) aufgeführt ist.

 

Ein weiteres Blog zum Reisen in Deutschland

06. 06. 2005: „Was mich auf der Fahrt durch Deutschland beeindruckt hat“

Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier