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BLOG vom 19.10.2005


Runde Hochfirstwanderung: Hexenringe und Schwabenteller

Autor: Heinz Scholz

Am vergangenen Samstag, 15. Oktober 2005, unternahm ich mit meinem Wanderfreund Günter eine herrliche Herbstwanderung, die vom heilklimatischen Kurort Lenzkirch über den Sommerberg, die Balzenwaldhütte (1141 m) zum Hochfirst (1192 m) führte. Und von dort ging es über Saig und Hiera wieder nach Lenzkirch zurück. Lenzkirch liegt etwa 10 km vom Titisee entfernt im reizvollen Ursee- und Haslachtal. Man findet hier noch Überbleibsel aus der Würmeiszeit, da sich damals die Gletscherzungen bis östlich von Lenzkirch vorschoben. Es sind überall Moränen zu sehen. Teilweise wurden diese Moränen (Gletscherschutt) zur Kiesgewinnung herangezogen.

Hexenringe im Wald

Beim Aufstieg zum Hochfirst entdeckte ich in einem Wald als Nichtpilzsucher einen Hexenring mit vielleicht 4 Meter Durchmesser. Es handelte sich hier um die ringförmige Anordnung der Fruchtkörper von Pilzen. Wie entsteht eigentlich ein solcher Hexenring? wird sich so mancher fragen.

Das Myzel des Pilzes wächst ringförmig nach aussen, während die inneren Teile absterben. Das Alter eines Hexenrings kann man übrigens genau bestimmen. Voraussetzung ist jedoch, dass man die jährliche Wachstumsrate und den Durchmesser eines solchen Myzels kennt. Die jährliche Wachstumsrate kann von einigen Zentimetern bis zu einem Meter schwanken. Bestimmte Hexenringe wie beispielsweise in Colorado USA sind 400 bis 600 Jahre alt. In Frankreich sind Hexenringe, die über 100 Jahre alt sind, bekannt.

Früher glaubte man, dass an solchen Orten die Hexen einen Tanz aufführen würden.

Laut Prof. Dr. Walter Baumeister, Herausgeber des rororo-„Pflanzenlexikons“, können die wichtigsten Pilze einen Hexenring bilden. Dann betont er, dass sich 2 Ringe verschmelzen können, aber nur bei der gleichen Pilzsorte.

Farbenprächtige Bäume und BSE-Rinder

Beim Aufstieg zum Hochfirst überquerten wir ab und zu eine Lichtung oder eine Almwiese, auf der hornlose Kühe grasten. Ihnen schien das saftige und kräftige Gras zu schmecken, blickten sie doch kaum auf, wenn Wanderer vorbeiflanierten. Günter meinte noch, dass die auf der Bürgenstock-Wandertour (siehe Blog vom 29. 09. 2005: „Bürgenstock: Bekam hier James Bond das grosse Zittern?“) angetroffenen grasenden Kühe freundlicher und zutraulicher gewesen seien. Einige kamen zu den Wanderern getrabt und schauten ganz neugierig drein.

Da fiel mir ein Erlebnis von einer Wanderung nahe Sisseln BL (Schweiz) ein: Als wir an einer Kuhweide vorbeigingen, rannten plötzlich die 5 Jungtiere mit hängenden Zungen, weit aufgerissenen Augen und eckigen Sprüngen den Hang herunter in Richtung Wanderer. „Das können nur BSE-verseuchte Rinder sein – geht in Deckung!“, rief unser Wanderführer. Aber zum Glück stoppten die Kühe vor einem Weidezaun. Sie waren nur neugierig oder wollten etwas zum Fressen. Es gibt also in der Schweiz sehr freundlich und neugierige Rindviecher ...

Die Natur hat im Herbst eine unglaubliche Farbenpracht zu bieten. Wir sahen die herbstlichen Blätter in allen Farbnuancierungen. Ein wunderschöner Kontrast war eine Buche mit gelblich verfärbten Blättern und die daneben stehende prächtige Rotbuche mit ihren rostroten Blättern. Ich dachte mir, wie wäre die Welt doch langweilig, wenn die Blätter gleichmässig grün, grau oder weiss wären!

Ich empfinde die wunderbare herbstliche Verfärbung des Waldes immer als faszinierend. Besonders schön sind die Blätter, wenn man sie im Gegenlicht betrachtet. Wir erkennen die einzelnen Blattadern und sehen, dass nicht immer das ganze Blatt von der herbstlichen Färbung betroffen ist. Vielfach, entlang den Adern, sehen wir noch die grüne Chlorophyllfärbung, oder an anderen Stellen befinden sich noch grüne Farbtupfer.

Wie entsteht eigentlich die Laubfärbung? Darüber berichtete ich schon früher in dem von Bruno Vonarburg herausgegebenen „Chrüteregge“, den es leider nicht mehr gibt (– aber den ehemaligen Herausgeber und Naturheilpraktiker zum Glück gibt es schon noch): „Die bei der Laubfärbung zutage tretenden prächtigen Farben werden durch den Grad des Chlorophyllabbaus, durch Neubildung von Carotinoiden, Anthocyanen, Flavonoiden usw. verursacht. Dieser Prozess wird Vergilbung genannt.“ Auslöser dieses Prozesses ist die Abnahme der Intensität und Dauer der Sonneneinstrahlung und die sinkenden Temperaturen. Die Pflanze bereitet sich auf den Winter vor.

Dies soll zur Erklärung genügen, da ich ja noch etwas über die anderen Ereignisse auf dieser Wanderung berichten möchte.

Auf dem Hochfirst

Auf dem Hochfirst befindet sich nicht nur das Berggasthaus Hochfirst, sondern auch ein 25 m hoher Turm, der seit einigen Jahren verschiedene funktechnische Anlagen des Südwestfunks trägt. Er kann jedoch auch bestiegen werden. 123 Stufen führen auf eine Plattform, von der man den Südschwarzwald und bei klarem Wetter den Hegau, die Schwäbische Alb und die Alpenkette erblicken kann. Wir verzichteten auf den Aufstieg, da die Fernsicht getrübt war und wir von einem anderen Aussichtspunkt einen herrlichen Blick auf den Titisee und den Feldberg hatten.

Eine vielleicht 50-jährige Frau, die wohl ungeübt im Erklimmen von Türmen war und mit dem Auto zum Berggasthof gefahren war, äusserte nach der Besteigung: „Das war aber anstrengend, ich bin ganz fertig, mir ist jetzt noch ganz schwindlig.“ Völlig aufgelöst sank sie unter Stöhnen auf eine Bank in der Nähe des Turms.

Schwabenteller und Flammkuchen

Was wäre eine Wanderung ohne Brotzeit; sie wäre unvollständig! Wir kehrten in „die urige Gaststätte über dem Titisee“, wie der Berggasthof im Prospekt genannt wird, ein und genossen die badische Küche (mit Entlehnungen aus dem Elsass und aus Schwaben; diese Fremdgänger!). Günter ass Schäufele (geräuchertes Fleisch aus der Schweineschulter) mit Rotweinsosse, Sauerkraut und Kartoffelbrei (9,40 Euro), ich liess mir einen Flammkuchen mit Speck und Bergkäse (7 Euro) schmecken. Im Angebot waren u.a. eine Schlachtplatte und ein Schwabenteller (obwohl hier keine echten Schwaben weit und breit waren). Der Schwabenteller bestand aus Krautknöpfle, Bratwurst, Maultaschen und Speck (8,80 Euro).

Als Getränk wählten wir einen „Neuen Süssen“ (teilvergorener Traubenmost).

Als Besonderheiten wurden Honiglikör und Waldhonig-Schnäpsle von der Firma Ernst Seiter aus Bahlingen angeboten.

Nach dem sättigenden Mahl ging es wieder auf die Wanderpiste. An einem Baum in der Nähe der Wirtschaft entdeckte ich an einem Baum ein Schild mit der Aufschrift „Letzte Tankstelle vor Kappel! Der Wirt“. Nun wussten wir Bescheid, dass wir lange keine Wirtschaft mehr sehen würden. Aber wir hatten ja in unseren Rucksäcken eine Notreserve an Getränken dabei.

Wieder in Lenzkirch

Dann ging es auf einem anderen Weg zurück über Saig nach Lenzkirch. Dort angekommen, kamen wir noch mit einem Einheimischen ins Gespräch. Und so erfuhren wir, dass etliche Firmen Fusionen eingegangen sind und Entlassungen vorgenommen haben. Der Arm der Globalisierung reicht also bis in die kleinsten Gemeinden. Unverständlich für alle, dass Firmen in der Region trotz Gewinnen einen solchen Prozess einleiteten. Nun leben viele aus dieser Gegend vom Fremdenverkehr oder mussten sich neue Arbeitsstellen in weiter entfernten Gebieten suchen.

Der Niedergang von Firmen wurde mir besonders bewusst, als wir am ehemaligen „Hertie-Erholungsheim“, das sich in einem desolaten Zustand am Rande von Lenzkirch befindet (kurzfristig diente es als Auffanglager für Russlanddeutsche), vorbeigingen. Das ehemalige Grosskaufhaus Hertie wurde ja vor Jahren von Karstadt-Quelle geschluckt.

„Wir haben neben anderen kleinen Firmen noch eine Privatbrauerei“, berichtete stolz der redselige Einheimische. Es ist die Brauerei Rogg, die in der 6. Generation geführt wird, und die einzige im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist. Es ist gut zu hören, wenn es noch Betriebe gibt, an denen der Fusionswahn vorbei gegangen ist.

An der Strasse „An der Haslach“ entdeckte ich den Angelhof, der um 1700 erbaut und 1967 renoviert wurde. Über der Eingangstür las ich folgenden Spruch:

„Dies Haus ist mein, und doch nicht mein, beim Nächsten wird`s nicht anders sein, den Dritten trägt man auch hinaus, nun frag ich mich, wem gehört dies Haus.“

Auf Wanderungen kann man also etwas erleben (nicht nur bei Bahnreisen), wie schon oft festgestellt. Man kommt mit Leuten ins Gespräch, erfährt von ihren Freuden, Sorgen und Nöten, sieht wunderschöne Landschaften und kann sich genussvolle Speisen und Getränke in alten Gaststätten einverleiben und erfährt etwas über geschichtsträchtige Orte. Es ist ein Zeitvertreib, um die Seele baumeln zu lassen und um wieder Kräfte für geistige Arbeiten zu sammeln. Kein Wunder, wenn dann daraus jeweils wieder ein Blog entsteht.

Infos im Internet
www.lenzkirch.de
www.saig.de
www.sbo.de/lenzkirch/
www.berggasthaushochfirst.de
www.der-schwarzwaldimker.de
www.brauerei-rogg.de

Weitere Wander-Blogs von Heinz Scholz
29. 09. 2005: Bürgenstock: Bekam hier James Bond das grosse Zittern?
23. 08. 2005: Am Belchen-Fuss: Parasolpilze und Grosse Schirmlinge
01. 08. 2005: Unwetter-Spuren: Todtmoos-Wanderung mit Hindernissen
09. 05. 2005: Erdmannshöhle: Tropfsteine für Basler und Soldaten

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