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BLOG vom 27.10.2005


ANUGA: Achtung Nahrung und Genuss -- Abstand halten

Autor: Emil Baschnonga

Ehe diese riesige Weltmesse, die den Fressalien und der Trinksame gewidmet ist, in meine aufnahmefähige Erinnerungslücke rutscht, halte ich dieses Spektakel als Blog fest. Die ANUGA (Allgemeine Nahrungs- und Genussmittelausstellung) findet alle 2 Jahre in Köln statt.

Zuerst ab London mit dem Eurostar und dann ab Brüssel mit dem Thalys erreichte ich das Messegelände in Köln Deutz am Sonntag, 9. Oktober 2005. Ich kenne die Schliche, um mich sofort ins Pressezentrum einzuschleichen – die einzige Oase, wo ich in Ruhe meinen Routenplan mit dem 1640-seitigen Katalog abstecken und dann die Broschüren der Aussteller aus den Gestellen fischen konnte. Ich hatte an der ANUGA geschäftlich zu tun. Aber auch ganz privat bin ich immer neugierig, zu sehen, was dort aufliegt.

Insgesamt stellten 5930 Aussteller ihre Angebote auf einer Gesamtfläche von 286 000 m2 aus. Man läuft sich dort leicht die Füsse wund. Aus Erfahrung weiss ich, dass es immer wieder Zwischenhalte braucht, bei Ständen, die freundliche Aufnahme bieten in Form von bequemen Sesseln und Kaffee, viel Kaffee.

Mein berufliches Revier besteht aus frischer und tiefgekühlter Kost (Fertiggerichte und Snacks und „Finger food“), Gewürzen und Kräutern, Spezialitäten aller Art, Produkte für den Ausser-Haus-Verzehr (also die Gastronomie) und neuerdings auch Bio- und vegetarische Produkte. Diese Produkte-Palette hat sich dieses Jahr auch auf küchenfertige Salate, Gemüse und Obst ausgedehnt.

Zur Provenienz der Aussteller sei Folgendes bemerkt (Anzahl in Klammern beigefügt): Italien (1027) führte, gefolgt von Deutschland (934), Spanien (447), China (334), Griechenland (210), Belgien (203), Niederlande (196), Frankreich (198), Türkei (163), USA (148), Polen (127), Grossbritannien (122), Österreich (113). Die Schweiz war mit 58 Ausstellern vertreten – etwas mehr als Indien, Singapur und Marokko. Sogar Burkina Faso (ein afrikanischer Armutsstaat) war dort mit 4 Ausstellern mit dabei. Selbst das „American Indian Food“ hatte seinen Messestand.

„Convenience-Produkte“ sind die Wachstumstreiber, worunter Fertiggerichte und Snacks, also Lebensmittel-Schnellprodukte, die etwa von Mikrowellen aufgewärmt werden können – für die „zeitarmen“ Konsumenten. Ein 2. Wachstumstreiber sind gegenwärtig die so genannten „Wellness“-Produkte für Leute, die dem „gesunden Essen“ zuneigen.

Auf diesen und anderen Sektoren rechnen sich viele Hersteller zu den „Trendsettern“, obwohl sie meistens Neuauflagen von längst eingeführten Produkten mit geringfügigen Änderungen auftischen und somit zu den „Trend-Mitläufern“ zählen. Wahre Innovation ist auch im Lebensmittelbereich so selten wie anderswo.

Worauf achtet der Konsument am meisten? Laut Erhebungen und in dieser Reihenfolge werden zuerst Preis, dann Geschmack und Haltbarkeit genannt. Qualität hat ebenfalls einen hohen Stellenwert.

Ich muss mich jetzt wirklich im Zaum halten, damit dieses Blog nicht zur Marktstudie ausartet (davon liegen mehr als genug auf). Im Herstellungsbereich sind es die sehr vielen kleinen, neuen Hersteller, meistens Familienbetriebe, die das ganze Jahr hindurch wie Pilze aus dem Boden schiessen. Diese beherrschen heute die ANUGA. Haben sie Erfolg und wachsen sie zu grösseren Brocken heran, werden sie zur Zielgruppe der Grossunternehmen, die auf Ankäufe erpicht sind, um ihr Produkte-Portfolio zu ergänzen oder geographisch abzurunden.

Im Auftrag von grösseren Unternehmungen bin ich manchmal auf solchen Messen auf der Pirsch nach geeigneten Übernahmekandidaten. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn ab der 3. Generation treten leicht unternehmerische Ermüdungserscheinungen auf. Das weitere Wachstum scheitert an mangelnder Investitionskraft, verbunden mit Kapitalschwäche. Die Nachfolger wollen das Leben geniessen statt weiter zu schuften im zunehmend härteren Wettbewerb. Bis zu einem gewissen Grad werden durch solche Zukäufe Arbeitsplätze zeitweilig gesichert, ehe diese früher oder später wegrationalisiert werden, etwa durch das Zusammenlegen von Produktionsstätten. Aber für Nachwuchs und neue Arbeitgeber ist dank der vielen Neueinsteiger gesorgt – und das Produktionsrad dreht sich weiter in den übersättigten Teilen unserer Welt, während in anderen Hungersnot herrscht.

Welche Produktkategorien sind mir diesmal an der ANUGA in die Augen gestochen, wenn nicht in die Nase? Bei weitem ist nicht alles, was appetitlich aussieht, auch geniessbar. Viele Kostproben, die mir gereicht werden, lehne ich ab. Ich will mir den Magen nicht verderben. Leicht leidet die Zunge an nicht immer reinrassigen Zusatzstoffen, von der Gesundheit ganz zu schweigen. Vielen Würsten und Schinken misstraue ich, es sei denn, sie kommen aus einem verlässlichen „Handwerksbetrieb“. Auch Fertiggerichte – von Grossküchen nach Formel X hergestellt – sind mit Vorsicht zu geniessen. Die Hersteller sind flexibel, wenn Käufer Produkte mit Qualitätsabstrichen verlangen, solange sie davon allwöchentlich eine gewisse Mindestmenge abnehmen.

Sieht man sich das Riesenangebot von Tausenden von Produkten an, wird einem sofort klar, dass der Mensch ein Allesfresser ist. Immer mehr wird in diese Gerichte gestopft, um den Gaumen zu reizen. Ich würde sagen, um ihn abzuhärten, bis er nicht mehr zwischen einem vorgefertigten und einem echten Kartoffelstock unterscheiden kann. Auffallend ist auch die Anzahl der immer exotischeren Saucen, die eigentlich den Geschmack der Mahlzeit übertünchen und verteufeln. Zugegeben, es gibt auch lobenswerte Fertiggerichte. Vielen Alleinstehenden ist damit geholfen, die für sich selbst nicht kochen wollen. Nur muss man wählerisch und dazu bereit sein, einen Aufpreis für einwandfreie Qualität zu bezahlen.

Bio-Kost hingegen – und das stimmt tröstlich – gewinnt langsam mehr und mehr Anhänger, obwohl sie noch immer im Nischenbereich angesiedelt ist. Hier kann der echte ursprüngliche Geschmack von Esswaren wieder entdeckt werden. An der diesjährigen ANUGA hat sich die Standfläche für gesunde Kost bekömmlich vergrössert.

Wo denn ist an der ANUGA der eingangs erwähnte Spektakel? Wie ich mich durch das Besuchergewühl durchschlängle, werde ich selbst zum Teil dieser endlosen Völkerwanderung mitten im Sprachenwirbel. Genau das ist der Spektakel, dem ich nach meinem Pflichtpensum entrinnen will.

Die Sonne senkt sich, und erleichtert sehe ich auf der anderen Seite der Brücke den Kölner Dom. Inzwischen bin ich hungrig geworden – ausgerechnet an der ANUGA. In Bad Honnef speisten wir im kleinen Freundeskreis in einem lokalen Restaurant. Der Koch war ein Türke, der weiss, wie man einheimische und auch italienische Gerichte gut zubereitet. Ich wählte etwas mit Salzkartoffeln. Das hat mir geschmeckt und mich für den nächsten ANUGA-Tag gestärkt.

Hinweis auf weitere Exkursions-Blogs von Emil Baschnonga

16. 10. 2005: „Grüsse von Königin Viktoria; Renaissance in Belfast?“

30. 09. 2005: „Beispielhaftes Florenz: Kultur und gediegene Lebensart“

02. 09. 2005: „Londons Steine des Anstosses: Riesenkiesel, Statue“

14. 06. 2005: „Randnotizen aus Münster D – bis zum ewigen Kalender“

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