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BLOG vom 29.10.2005


Das Flair der Flohmärkte: Trödel, Bücher, Kuhglocken

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

Flohmärkte haben in unserer modernen Zeit keineswegs an Attraktivität verloren, gibt es hier doch unglaubliche Dinge aus Grossmutters Zeiten, aber auch viel Trödel zu sehen.

Die heutigen Flohmärkte, die es inzwischen in fast jeder Stadt gibt, werden nicht nur von privaten, sondern immer mehr von professionellen Verkäufern genutzt. Dies wird von vielen Besuchern nicht so gern gesehen, weil diese die Preise verderben. Ausserdem sausen sie vor Marktöffnung überall herum und kaufen die besten Stücke günstig auf, die sie dann teuer veräussern.

Auch ich habe ein Faible für solche Märkte. Ich lasse mich immer von der Faszination eines solchen Flohmarktes anziehen. Ist es die Sehnsucht nach Nostalgie? Ist es die Entdeckungslust? Für mich kommen beide Möglichkeiten in Betracht. Es ist immer wieder faszinierend, in alten Fotoalben zu blättern, verstaubte alte Bücher, die eine oder andere alte Ansichtskarte oder vergilbte Briefe zu entdecken.

Vielfach ergibt es sich, dass man Bekannte und überaus interessante Typen kennen lernt. Flohmärkte sind auch Orte mit amüsanten Begebenheiten, wie die folgende Geschichte beweist.

Der arme Schlucker

Als ich auf einem Flohmarkt in Schopfheim D als Freund älterer Bücher in einer Bücherkiste wühlte, hörte ich eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Ich blickte zum wühlenden Nachbarn, und siehe da, es war ein Unternehmer, den ich von früher her kannte. Vor Jahren tauschten wir nämlich Briefmarken. Der vielfache Millionär erzählte mir seine neuere Lebensgeschichte: Er hat inzwischen seine Fabrik dem Sohn übergeben, seine 12 Wohnungen verkauft, und nun sucht er Käufer für seine Gemäldesammlung. Die Briefmarkensammlung hat er auch schon veräussert. „Da habe ich nicht das bekommen, was sie wert war“, klagte er mit einem Gesichtsausdruck des Bedauerns.

Nach diesem Gespräch stürzte er sich wieder in das Gewühl des Flohmarkts. Kurz darauf traf ich ihn wieder an einem anderen Bücherstand. Er hielt 3 Kunstbücher in der Hand und meinte zur Verkäuferin gewandt: „Kucken Sie mal, wie viel die kosten. Mehr als 20 Mark zahle ich nicht!“ Als die Frau die Preise verglich und 40 Mark verlangte, rief er ihr in einem bestimmenden Ton zu: „20 Mark!“ Die Frau zögerte, hatte jedoch mit dem etwas ärmlich gekleideten Menschen Erbarmen und gab ihm die Bücher für diesen Preis. Als er am Nachbarstand wieder handelte, was das Zeug hielt, meinte eine Besucherin zur 1. Verkäuferin gewandt: „Muss das ein armer Schlucker sein!“ Ich dachte mir im Stillen: „Von Reichen kann man sparen und handeln lernen.“

Als ich mich im September in Bad Säckingen mit Eva Hess traf (sie übergab mir einige Flyers aus dem Textatelier.com-Verlag), sah ich den „armen Schlucker“ zu seinem klapprigen Auto gehen. Ich sprach ihn an, und dann erzählte er mir, dass er immer noch in seine Firma arbeiten muss (er geht auf die 80 Jahre zu), um Geld zu verdienen. Dann sagte er etwas, was mir schier die Sprache verschlug (Eva war Zeugin): „Ich muss leider weiter arbeiten, ich bekomme so wenig Rente, dass ich dann keinen Porsche mehr fahren kann.“

Zu Erklärung sei gesagt, dass er schon früher gerne Porsche fuhr. Eine rasante Fahrt über Autobahnen und Landstrassen nach Mühlhausen (Elsass) zu einem Briefmarkenhändler blieb mir unvergessen. Auch bei diesem Händler handelte er, als ginge es um Kopf und Kragen.

Nachttöpfe und Waschzuber

Am 5. 10. 2005 besuchte ich in Rheinfelden D einen Flohmarkt. Dort entdeckte ich an einem Stand etliche Kuhglocken aus der Schweiz, daneben alte Fotoapparate, Waschzuber, Wärmflaschen, Waffen aus alter Zeit, Uhren und Steinguttöpfe (8 bis 10 Euro) mit blauem Blümchenmuster. Es waren allesamt Originale und vielleicht 50 bis 100 Jahre alt. Als ich den Verkäufer fragte, woher er die schönen Sachen habe, meinte dieser: „Ich komme oft zu Haushaltsauflösungen. Die meisten Nachfahren der Verstorbenen haben an diesen Dingen kein Interesse, sie wollen alles verscherbeln.“ Oft erkennen die geldgierigen Erben nicht, welch kostbare Stücke sie aus den Händen geben oder auf Flohmärkten selber verkaufen. Vor Jahren kaufte einmal ein Pariser Flohmarktbesucher ein Bild, das sich als ein Meisterwerk entpuppte und einige Hunderttausende France wert war. Aber das sind wohl eher die Ausnahmen.

Zurück zum Rheinfelder Flohmarkt: An einem anderen Verkaufsstand sah ich eine ungewöhnliche Figur. Ein Porzellanmännchen sass auf einem Nachttopf. Sein gequälter Gesichtsausdruck verriet, dass er wohl mit einer gewaltigen Verstopfung zu tun hatte. Der Verkäufer war wohl ein Freund der Nachttöpfe, denn er hielt etliche mit Blümchen verzierte zum Verkauf bereit.

Ich dachte beim Anblick dieser Töpfe an die Nachkriegszeit zurück. Damals wohnten wir auf einem Bauernhof in Bayern. Die Toilette war ein Plumpsklo und befand sich auf dem Hof neben dem Misthaufen. Damit wir nicht immer während der Nacht über den Hof laufen mussten, benutzten wir eben Nachttöpfe.

Auch bei den Waschschüsseln hatte ich nostalgische Erinnerungen. Während eines Urlaubes in Wildbad-Kreuth D hatten wir auf unseren Zimmer eine Schüssel mit einem Krug Wasser stehen. Dieses Waschlavoir gebrauchten wir dann für unserer „Katzenwäsche“.

In alten Büchern wühlen

Auf der Suche nach alten Büchern wurde ich an diesem Tage fündig. Ich entdeckte ein 80 Jahre altes Buch von Albert Schweitzer (1875–1965). Der weltberühmte Arzt und Nobelpreisträger schilderte in dem frühen Werk „Zwischen Wasser und Urwald“ seine ersten Erfahrungen, die er im Urwaldhospital in Lambarene hatte. Das Buch ist mit etlichen Schwarz-Weiss-Aufnahmen ausgestattet. Beim Durchblättern des Buchs entdeckte ich eine Blumenkarte von 1952. Die Karte, die auf der einen Seite blaue Enzianblüten zeigte, war auf der Rückseite mit einer Steuermarke (Notopfer 2-Berlin) und einer 10-Pfennig-Posthornmarke versehen. Der Text auf der Karte war belanglos. Es handelte sich um eine Grussbotschaft, die an die Geschwister Bachmann in Kirchzarten D gerichtet war.

Man kann auf so einem Flohmarkt immer etwas entdecken und ein Schnäppchen machen. Das etwas stockfleckige Buch von Albert Schweitzer, das einer Else Bachmann gehörte (der Name steht auf der 1. Innenseite) konnte ich für 2 Euro erstehen.

Auf einem früheren Flohmarkt erstand ich die 33. Auflage des Buchs „Meine Wasser-Kur“ von Sebastian Kneipp aus dem Jahre 1891 für einige Euro. Der Umschlag dieses Buches war jedoch in einem desolaten Zustand. Ich kaufte das Buch trotzdem, da ich auf den Inhalt scharf war. Etwas später ergatterte ich das wesentlich besser erhaltene Buch „Volks-Gesundheitslehre – Ein Leitfaden für Gesunde und Kranke“ von Sebastian Kneipp für etwa 15 Euro. Dieses aus dem Jahre 1894 stammende Werk enthält die Bücher „Meine Wasser-Kur“, „So sollt ihr leben!“ und den „Pflanzen-Atlas“. Dieses Buch schenkte einst der treue Ehemann C. Ruff „seiner lieben Frau zum Namenstage“ (in Schönschrift im Buch nachzulesen).

Nun will ich weiterhin auf Entdeckungsreise gehen. Ich bin sicher, das eine oder andere Schnäppchen wird bald mein sein. Versuchen Sie doch auch einmal Ihr Glück!

Hinweis auf weitere Blogs mit Bezug zu Flohmärkten

14. 09. 2005: „Schweizerreise ‚Zum alten Knochen’ mit ‚Herrgöttchen’“

05. 06. 2005: „Der Ziertisch – oder: Die chinesische Geduldsprobe“

16. 04. 2005: „Fundstücke: Zufälle vermehren die Sammlerfreuden“

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