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BLOG vom 14.10.2005


Reise nach Genf: Beobachtungen und Begegnungen

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich

Erst Tage danach ist mir aufgegangen, dass der Ausflug nach Genf ein Thema in sich trug, das uns vom Zufall zugespielt worden war. Was sich uns zeigte und ansprach, handelte durchwegs von Verbindungen, Beziehungen und vom Einswerden.

„Schau ein Hochzeitspaar!“ rief Primo, als wir an der Ampel standen. Aus dem Tunnel, aus dem sich der Autoverkehr neben dem Hauptbahnhof in die Innenstadt ergiesst, sausten 2 Velos an uns vorbei. Voraus ein Mann in feinem, dunkelgrauem Tuch, in der Brusttasche eine grün unterlegte weisse Rose. Hinter ihm, auf dem eigenen Rad, eine Frau mit einer hochgeschlossenen, edlen weissen Jacke. Den Brautstrauss aus weissen Rosen und grünen Blättern hatte sie auf dem Gepäckträger eingeklemmt. Die abfallende Strasse schenkte den beiden leichte, fast fliegende Fahrt. – Dieses Paar imponierte mir. Menschen von heute. Ohne Firlefanz oder rauschenden Auftritt, dessen Muster ja einer fernen Zeit entlehnt wären. Das könnten wir beide sein, dachte ich dazu und an unsere eigene Geschichte.

Stunden später standen wir am Zusammenfluss von Rhone und Arve. Wir haben ein Faible für solche Orte. Von Carouge herkommend, dieser charmanten Kleinstadt mit menschlichen Massen, kultureller Ausstrahlung und viel handwerklicher Kreativität, schlenderten wir der wilden Arve entlang bis zum Busbahnhof, der dort das Ende des Wegs markiert. Vielleicht 100 Schritte nebenan liess sich das Rhoneufer finden und bald auch die Landzunge, wo sich die Wasser treffen. Sie taten es in unserer Anwesenheit in beinahe schüchterner Art, indem sie sich berührten und wieder losliessen und so ein Zickzackmuster auf dem Wasser erfanden. Etwas weiter entfernt, beim Stützpfeiler des imposanten Bahnviadukts, wurde die Strömung stärker und das Ausufern in den jeweils anderen Fluss mächtiger. So sahen wir die beiden davonfliessen und sich mehr und mehr vereinigen. Bis zur ganzen Durchmischung wird es lange dauern, wenn das überhaupt möglich ist. Fest steht, dass die Arve in diesem Moment ihre Identität verliert. Die Rhone zeichnet fortan für sie beide. Primo bemerkte sofort, dass die Wände der beiden Flussbetten am Ort, wo sie einander treffen, ganz verschieden geartet sind. Die Arve trifft auf Moos, die Rhone wird von Wandermuscheln begleitet. Welche Polsterung erfindet nun die gemeinsame Wasserqualität auf dem weiteren Weg?

Auf der Heimfahrt im voll besetzten Zug trafen wir erneut auf das Tagesthema. Ein ungleiches Paar neben uns konnte beim besten Willen nicht übersehen werden. Das Rascheln im Proviantsack erinnerte an Nächte im Pfadfinderlager. Der Mann zauberte immer wieder kleine Leckereien daraus hervor, doch seiner Partnerin war fast nichts gut genug. Auch landschaftliche Schönheiten oder der über dem Kanton Fribourg legendäre Sonnenuntergang liessen sie kalt. Die Hinweise von ihm wurden einfach ignoriert. Und doch blieb er der Fröhliche und strahlte über den Gang zu uns hinüber aus. Noch jetzt beim Schreiben kann ich seine Gelassenheit und seinen Humor sofort abrufen. Er hat uns die Heimreise verschönert.

Wir haben keine Ahnung, wer uns jeweils beobachtet, wer von uns etwas weiterträgt und wem wir ein persönliches Erlebnis schenkten, ohne es zu wissen.

Als die Nacht hereingebrochen war, begleiteten uns der Mond und in seiner Nähe die Venus. Tanzend erschienen uns die beiden Himmelskörper, wenn die Bahn ihre Kurven fuhr. Auch sie zeigten uns Nähe.

Wieder zu Hause, fanden wir, das sei ein sehr schöner 43. Hochzeitstag gewesen.

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