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BLOG vom 16.10.2005


Grüsse von Königin Viktoria: Renaissance in Belfast?

Autor: Emil Baschnonga

Mit dem 1. Flug am 11. Oktober 2005 erstmals in Belfast eingetroffen, hatte ich das Glück, dass die Geschäftssitzung innerhalb einer Stunde erledigt war. Somit hatte ich ganze 6 Stunden Zeit, die Hauptstadt der nordirischen Provinz nach Lust und Laune zu durchstreifen. In London war die Temperatur auf 22 ºC geklettert; hier in Belfast war der Thermometerstand unter 10 ºC gesunken, und ein feiner Nieselregen hielt den ganzen Tag über an.

Belfast war einst eine reiche Hafenstadt mit Schiffswerften, beherrscht von wenigen Familien. Höchst armselig lebte die Bevölkerung, und viele Leute wanderten nach Amerika aus.

Ein Zeugnis des einstigen Reichtums ist das gigantische Ratshaus aus der viktorianischen Zeit – und wie es sich gehört, ist es mit der plumpen Königin Viktoria (1819–1901) in Stein vor dem Haupteingang verunziert. Kaum drinnen, schaute ich zum mächtigen Dom hoch und wollte die Marmortreppe besteigen. Eben hatte sich eine Gruppe um ihre Führerin versammelt, der ich mich anschloss. Dies schien mit der einzige Weg zu sein, um das prunkvolle Ratshaus mit dem hohen Dom zu besichtigen. Es ist innen im Renaissance-Stil mit 4 verschiedenfarbigen Marmorarten aus Italien verkleidet.

Ich merkte, dass meine Abstecher ringsum der Führerin missbehagten, aber von den steifen Porträts der Ratsherren und anderer Prominenz wollte ich nichts wissen. Stattdessen entdeckte ich eine Reihe von herrlichen Bronzen aus der französischen Jahrhundertwende, ungleich anmutsvollere Frauengestalten als die alte Viktoria draussen, worunter eine Figur von Henri Michel Chapu an der Klagemauer des Sieges – Victory – im 1. Weltkrieg, der so viele junge Irländer hingerafft hatte. Eine 2. Holde stand vor der Bronzetafel, die nur die Prominenz unter den Kriegsopfern namentlich festhielt. Die 3. und letzte Figur, die ich hier erwähne, erinnert an den Rückzug der britischen Truppen aus dem Kriegsschauplatz Mons (Belgien, 1914).

Ich schiebe hier meinen Schnappschuss vom Todesengel draussen auf der rechten Gebäudeflanke ein. Der Tag war trüb und der Engel mit ausgebreiteten Armen dunkel, wie auch die Blätter eines traurigen Baums, die ihn umflorte.

In einem Festsaal war ein riesiger, blutroter Teppich ausgebreitet, den nur eine Mannschaft rollen kann, von einem schwedischen Teppichhersteller mit 100-jähriger Garantie angefertigt. Das gewobene Wappenbild trägt die Inschrift: “PRO TANTO QUID RETRIBUAMUS“ – frei übersetzt: Gebt jenen, die uns so viel gegeben haben …

Wieder draussen an der Luft, galt mein Augenmerk den Leuten. Man bemerkt wenig glatzköpfige Männer. Von keltischer (wiewohl stark vermischter) Abstammung sind viele Irländer mit einem dichten, dunklen Haarpelz gesegnet, der besten Regenschutz sichert. Wenn man nicht genau zuhört, glaubt man, sie sprächen noch immer Gälisch. Den eigenartig auf und ab schwingenden Tonfall ihrer Ursprache haben sie ins Englische gerettet. Man muss die Ohren spitzen, um sie zu verstehen.

Die Tragik von Irland ist, dass es eine gespaltene Insel ist: Nordirland ist vom teuflisch mörderischen und konfessionell gespaltenen Bürgerkrieg und Attentaten auf die britische „Kolonialherrschaft“ gebrandmarkt – schon über viele Jahrzehnte hinweg. Erst jetzt scheint sich langsam ein Frieden zwischen den zersplitterten Fraktionen anzubahnen.

Belfast ist keineswegs mit dem „freien Dublin“ vergleichbar, das mit einer weitaus reicheren Geschichte aufwarten kann als das verarmte (und neuere) Belfast, das seinen Höhepunkt erst im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung erreicht hatte – und nachher verarmte die Stadt gleich wieder. Die beiden Teile von Irland sollten vereinigt werden. Punktum.

Trotz des Regens ist der Irländer eine Frohnatur. Er ist hilfsbereit, aufgeschlossen und sehr gesprächig – und er hat sogar den Ruf, heissblütig zu sein. Ich fragte den Buschauffeur, wo genau das Zentrum von Belfast sei. Der gute Mann setzte mich genau am richtigen Ort, zwischen 2 Haltestellen, ab und gab mir obendrein eine ausgezeichnete Wegleitung, obschon er die Autos hinter seinem Bus aufhielt.

Hin und wieder musste ich mich dem hartnäckigen Nieselregen entziehen. Eine Zufluchtsstätte war die Belfaster Kathedrale. Ich war dort der einzige Besucher. Sofort kam der Küster auf mich zu und drückte mir den „Visitor’s Guide“ in die Hand, und er wollte wissen, von wo ich komme. „Von wo aus der Schweiz?“ wollte er wissen. Ich antwortete: „Aus Basel.“ Das beschwor bei ihm Erinnerungen herauf. „Ja“, erinnerte er sich, „ich habe die Stadt 1947 besichtigt, eine schöne Stadt.“ Am Ende unseres Gesprächs machte ich meinen Rundgang durch diese eher klotzige und schmucklose Kathedrale. Ausgerechnet ein Ehepaar aus Bern war darin aufgetaucht. Der Küster rieb sich vergnügt die Hände, als wir in unserer Mundart sprachen, und fand, dass diese ganz irisch klinge …

Guinness-Bier und Bier überhaupt gehört in Irland sozusagen zur „Landeskultur“, und dass dabei Whisky mithält, ist wohl dem Wetter zuzuschreiben. Gerne schaue ich mitunter von der Strassenebene empor und entdeckte dabei einige kleine architektonische Kleinode aus der Art-Deco- und Nouveau-Periode. Mehr noch: An einer Ampel war eine kleine Verbotstafel angeheftet, worauf rund um einen rot durchkreuzten Bierkrug geschrieben stand: „It is an offence to drink alcohol in public places in this area – Maximum penalty £ 100.“ Dieses Verbot hat wohl seinen guten Grund, besonders am St. Patrick’s Day …

Immer wieder musste ich in eines der vielen Kaffeehäuser ausweichen: Die Mappe hing zunehmend schwerer an meinem Arm, und mir war kalt; ich war durchfeuchtet von meinem Bummel durch Belfast.

Am Nachmittag, etwa um 3 Uhr, hatte ich die Wahl, entweder zum Flughafen zu fahren oder noch etwas für mich zu entdecken. Wieder einmal kam mir der Zufall zu Hilfe. Genau gegenüber dem „Donegall Square“, beim Ratshaus, entdeckte ich die „Linen Hall Library“. Diese altmodisch eingerichtete Bibliothek, 1788 gegründet, birgt Schätze aus Irlands Geschichte in Wort und Bild. Ich schnupperte dort herum und entdeckte ein Bändchen mit dem Titel „Images and Reflections“. Es enthält eine Auswahl von Kurzessays moderner Autoren. Ich setzte mich damit in einen bequemen Ledersessel und begann zu lesen. Ich zitiere daraus einige Stellen, die ich in der Originalsprache* belasse, zur Erinnerung an meinen Abstecher in Belfast:

Gedanken eines Auswanderers: If I had of known I would have kept this picture on the mantelpiece ... As the engines churned and churned it was as if we were on the land and the land on either side was distant, foreign. I couldn’t believe that we were going … and I thought my heart would break (Gerald Dawe, August 2000).

 

Einmal gab es hier eine Gemeinschaft: Holy war would occasionally flare when neighbours killed for religious belief, then nursed each other through times of grief, Church pews full, and cupboards bare (John Campbell).

 

Im Pub: … Do you have any idea of the welcome and warmth of a really good pub in the early afternoon of a wet winter’s day? There is a low tongue and groove ceiling, a coal fire in the grate and tall stools at a dark wooden bar. … Then you sit and finger the glass and raise it steaming to your lips and the rain lashes away in the street outside as if it will never stop … „Will you have another one Mr. Ross? Indeed I will Joe … Indeed I will” (Robert Glendinning, aus „Summerhouse“).

Arbeiterschicksal: … father himself was tough, with strong hands and arms and a deep chest. Yet I’d often seen him come home exhausted after a twelve-hour shift in winter, his face raw with the wind. And he would collapse on the sofa with hardly enough energy to unlace his boots and pull off his oil-soaked grimy dungarees. This overtime’s too much, and I’m daft to do it, boy (John Boyd, in „Out of My Class”).

*

Ein breites Bilderband, an einem Gebäude angeschlagen, trägt die Aufschrift „A Renaissance for Belfast“ und hat mich zu diesem Blog inspiriert. Ich hoffe, dass Belfast diese Wiedergeburt erleben wird.

Ganz zum Abschluss, im Bus zurück zum City Airport, entdeckte ich die moderne Stahlskulptur einer weiblichen Figur bei der „Queens Bridge“ über den Fluss Lagan; sie hält einen Reifen über dem Kopf. Sie ist stolze 19 Meter hoch und überschaut den „Thanksgiving Square“. Sie verkörpert Licht und Hoffnung für Belfasts Zukunft und ist dem Opfermut der Frauen gewidmet.

Friede wäre die beste Renaissance, die Nordirland endlich voll und ganz verdienen würde.

P.S. Wenn es Ihnen Freude macht, lieber Leser und liebe Leserin, werde ich Ihnen die zitierten Texte gern übersetzen.

Hinweis auf weitere Stadtbeschreibungen von Emil Baschnonga

 

30. 09. 2005: „Beispielhaftes Florenz: Kultur und gediegene Lebensart“

02. 09. 2005: „Londons Steine des Anstosses: Riesenkiesel, Statue“

14. 06. 2005: „Randnotizen aus Münster D – bis zum ewigen Kalender“

 

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