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BLOG vom 01.11.2005


Fussball-Geschichten: Schlafende, wasserscheue Spieler

Autor: Heinz Scholz

Im 1. Teil meiner Fussball-Geschichten versprach ich, eine Fortsetzung zu schreiben. Da man Versprechen halten sollte, folgt jetzt ein weiteres Blog, in das auch persönliche Erlebnisse eingestreut sind. Zunächst möchte ich einige Vorkommnisse mit dem „Schwarzen Mann“ (so wurden Schiedsrichter früher genannt, weil sie schwarz gekleidet waren), dem „Pfeifenmann“ oder dem „Unparteiischen“ erwähnen.

Unglaublich, was sich Schiedsrichter herausnehmen, aber auch was sie einstecken müssen, wenn sie Fehlentscheidungen treffen. Dann rumort die Volksseele; es gibt Ausschreitungen, Pfiffe, aber auch Würgereien. Hier einige Beispiele aus vergangener und heutiger Zeit:

Während meiner Fussball-verrückten Zeit – mein Stiefvater nahm mich mit 8 Jahren schon auf den Fussballplatz des Dorfvereins mit – erlebte ich Schiedsrichter, die unfreiwillig für Heiterkeit sorgten. In einem Vorspiel der Reservemannschaften des SV Kaisheim (Bayern) und des gastgebenden Vereins von Möttingen (Ries) war der „Pfeifenmann“ durch ständige Zurufe von Besserwissern derart verunsichert, dass er nicht mehr klar denken konnte. Er gab anstelle einer Ecke an der Torauslinie einen Einwurf (Einwürfe gibt es ja nur an der Seitenlinie, wenn der Ball ins Aus gegangen ist). Obwohl der Schiedsrichter von den Spielern auf diesen Fehler aufmerksam gemacht worden war, nahm er die Entscheidung nicht zurück. Mit stolzgeschwellter Brust liess er den Einwurf ausführen.

Ich kann mich noch gut an ein Fussballspiel erinnern, während dem ich als Zuschauer wegen einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters dermassen in Rage geriet, dass er mich des Feldes verwies. Ich war deshalb so ausser mir, weil die Fehlentscheidung des Pfeifenmannes zu einem Tor des Gegners geführt hatte.

Ein anderes Mal wurden mein Stiefvater und ich wegen lautstarker Äusserungen gegen den Schiedsrichter verwarnt. Wir gehörten damals zu den lautesten Protestierern, aber nur, wenn es um Ungerechtigkeiten ging. Später konnte ich mich als Sportreporter für die „Donauwörther Zeitung“ abreagieren. Die jeweiligen Berichte über den SV Kaisheim (Bayern) wurden in der Regel zu Hause, nachdem ich einen Melissentee getrunken hatte und ruhiger wurde, geschrieben. Da konnte ich so manchen schwachen Schiedsrichter gewissermassen „in die Pfanne hauen“, indem ich ihn hart kritisierte.

Aber nicht nur in meiner näheren Umgebung gab es Vorfälle solcher Art, sondern noch weit drastischere in den höheren Spielklassen im In- und Ausland. Hier einige Berichte, die ich in meiner Broschüre „Reportersprüche“ niedergeschrieben habe (die Kuriositäten ereigneten sich vor 1983!).

Die Rache der Anhänger

Die perfekteste Rache übten Anhänger der italienischen „Squadra azzurra“ an Schiedsrichter Aston, dem englischen Leiter des WM-Spiels Italien gegen Chile in Santiago. Das Spiel war überhart. Die Italiener wurden benachteiligt, und sie benannten eine Anstalt für Geisteskranke in Mailand „Aston Villa“.

Bisher gab es nur in Südamerika mit der Pistole schiessende Schiedsrichter (und auch Zuschauer). Italien hat in den 1980er-Jahren gleichgezogen. Beim Spiel Pomesia gegen Ostiense gab es Publikumsausschreitungen, als der Schiedsrichter einen Spieler der Heimelf zu Recht vom Platz stellte. Der Pfeifenmann beendete ausserdem die Partie 4 Minuten zu früh. Als die Zuschauer auf ihn eindrangen, griff Franco in die Tasche, zog eine Pistole und schoss damit mehrmals in die Luft.

Ebenfalls in den 80er-Jahren berichtete das deutsche Boulevardblatt „Bild“ über das Fussballfeld eines dörflichen Sportvereins. Das Besondere an diesem Platz war, dass ein Weg quer durchs Spielfeld führte. Ähnliches erlebte ich in einer bayerischen Gemeinde in der Nähe von Nördlingen. Dort führte ein landwirtschaftlicher Weg diagonal von der Torauslinie bis zur Seitenlinie. So blieb es nicht aus, dass manchmal ein reger landwirtschaftlicher Verkehr während des Spiels herrschte. Das Spiel musste öfters unterbrochen werden, damit die für uns sturen Landwirte ihr Heu heimfahren konnten.

Wasserscheu und ein gefangener Hase

Die Fussballmannschaft des Vereins „Rudar“ verliess in einer damals jugoslawischen Provinzstadt unter Protest das Spielfeld, weil der Unparteiische den Torwart dringend ersucht hatte, nicht länger mit aufgespanntem Regenschirm im Fussballtor zu stehen.

Beim Fussballspiel CSSR gegen Vorwärts Frankfurt a. d. Oder D (6:2) fiel ein kurioses Tor. Kurz nach Spielbeginn lief ein Hase auf das tschechoslowakische Tor zu. Torwart Miklosko warf sich mit einem sehenswerten Hechtsprung dem Hasen in den Weg. Während er das zappelnde Tier bei den Ohren hochhob, vergass er seine eigentliche Aufgabe: Er war so mit der Hasenjagd beschäftigt, dass er den Ball erst sah, als dieser schon im Netz gelandet war. Wohl selten haben Zuschauer einem Torwart solchen Beifall gespendet, der gerade vorher ein Tor kassiert hatte (dpa-Meldung).

Die Stürmer zweier serbischer Amateurmannschaften trafen das Tor nicht. Schützenkönig wurde ein Zuschauer. Der Fan, der das lustlose Gekicke eine Stunde lang über sich ergehen lassen musste, hatte die Nase voll, zog eine Pistole aus der Tasche und durchlöcherte den fliegenden Ball mit einem wohlgezielten Schuss.

Schnelles Tor und schlafender Torwart

Brasiliens ehemaliger Fussballstar Rivelino schoss in einem Meisterschaftsspiel (Corinthians gegen America Sao Paulo) das wohl schnellste Tor, das je bei einem Fussballspiel gefallen ist. Das Tor wurde wie folgt erzielt: Corinthians hat Anstoss, der Ball kommt zu Rivelino, der sieht, dass der gegnerische Schlussmann neben seinem Tor kniet und betet (Torwart Irandir absolvierte diese „Andacht“ vor jedem Spiel). Rivelino nimmt Mass und schiesst den Ball von der Mittellinie über die gegnerische Abwehr hinweg ins Tor. Erst der Torschrei von 60 000 Menschen schreckte Irandir auf. Nach 5 Sekunden stand es bereits 0:1.

Beim Halbfinale um die Afrika-Meisterschaft in Kairo zwischen den Nationalmannschaften von Ägypten und Tansania legte der tansanische Torwart ein Zauberpapier mit roter Schrift in sein Tor. Das Zaubermittel sollte Tore des Gegners abhalten. Ein ägyptischer Zuschauer durchschaute dies, schlich sich an und entfernte den Zettel. Der Torwart nahm während des Spiels die Verfolgung des Diebs auf und erbeutete den Zettel. Das Zaubermittel half trotzdem nicht, denn Ägypten gewann den Match mit 1:0.

Beinahe unglaublich erscheint ein Vorfall, der sich in der brasilianischen Stadt Baloja zugetragen hat. Dort empfing die lokale Fussballmannschaft FC Baloja das Team von Valmalena zu einem Pokalspiel, das die Gastgeber völlig einseitig gestalteten. Gegen Ende führten sie 18:0, als den Gästen aus einem vermeintlich harmlosen Weitschuss der Ehrentreffer gelang. Alle Zuschauer wunderten sich, dass der gegen einen Torpfosten gelehnte Keeper der Platzherren nicht eingriff. Erst hinterher stellte sich die Ursache seiner Untätigkeit heraus: Der Torwart war stehend eingenickt. Dösend hatte er den ungewöhnlichsten Verlusttreffer seiner Karriere hingenommen.

Und noch ein Vorfall aus neuer Zeit: Wie die „Badische Zeitung“ vom 11. 10. 2005 berichtete, stürmte ein Spieler in Bad Tölz D nach einer Schiedsrichter-Entscheidung, mit der er nicht zufrieden war, auf den Schiri los und würgte ihn so lange, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Der Würger von Bad Tölz wurde am darauf folgenden Montag vorläufig festgenommen.

Und noch ein Schlusswort: Heute verfolge ich interessante Fussballspiele am Fernsehen, ich bin also nicht mehr live im Stadion. Als ich vor 2 Jahren einmal ein Fussballspiel des SV Schopfheim (heute Kreisklasse A, damals Bezirksliga) ansah, kam mir wieder mein Gerechtigkeitssinn in die Quere. Ich regte mich über den arroganten Schiedsrichter so auf, dass mein Blutdruck in ungeahnte Höhen schoss. Da hatte ich die Nase voll. Heute nehme ich es gelassener, indem ich manchmal dem Training meines 5-jährigen Enkels Manuele beiwohne. Es ist immer wieder eine Freude anzusehen, wie die Kleinen mit einer Begeisterung bei der Sache sind und das Fussballspiel dennoch nicht allzu ernst nehmen.

Und wenn bei einer Fernsehübertragung mein Temperament durchgeht, sagt meine Frau immer: „Reg Dich doch nicht auf, es ist doch nur ein Spiel.“ Und da hat sie Recht, oder?

Hinweis auf weitere Sport-Blogs

23. 10. 2005: „Sportreporter als Mundakrobaten: Kurios, furios und heiter

25. 08. 2005: „Der mit Bush radelte: Der Mythos Armstrong ist am Ende“

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