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BLOG vom 07.11.2005


Die Integration ist gescheitert: Elendsleben in Gettos

Autor: Emil Baschnonga

Jetzt, im Verlauf der Krawalle der Jugendlichen in Frankreich, wird wieder mit Zahlen gewürfelt – 10 % der Bevölkerungen sind Nordafrikaner. Sie leben in armseligen Mietskasernen in Vorstädten verbannt und sind zumeist arbeitslos. Wiederum ist der Islam ins Zentrum gerückt. Die Integration ist gescheitert.

Im Mai 1968 griff die Studentenrevolte im Pariser Rive Gauche auf die Bevölkerung über. Streiks der Arbeiter legten die Wirtschaft lahm. Intellektuelle erhitzten sich in Debatten. Aufgestauter Hass setzte sich über Rassen, Alter und Klassen hinweg. Alles wurde angeklagt. Dieser Riesenprotest verpuffte beinahe über Nacht – er war zu weitfächrig. Die Polizei schlug brutal zu. Die Republik hatte wieder einmal gewonnen.

Wird es diesmal dem Aufstand der Jugendlichen anders ergehen? Mit dem Handy setzen sich die Aufständischen mit Protestzellen im ganzen Land in Verbindung. Jede Zelle will die andere im Krawall übertreffen.

Ich bin diesen trostlosen Stätten nach Geschäftsbesuchen jeweils auf dem schnellsten Weg wieder entronnen, und dies nicht nur in Frankreich. Für die Leute, die dort darben, aber gibt es kein Entrinnen. Sie sind im Getto eingekesselt. Trifft ein Reisender etwa im Brüsseler Gare du Midi ein und geht zu Fuss zum Zentrum, fühlt er sich unbehaglich im Elendsviertel. Sie sind ebenfalls von Menschen nordafrikanischer Herkunft oder aus dem ehemaligen Belgisch-Kongo bevölkert.

Einmal traf ich spät nachts erschöpft im Gare du Midi ein und hatte keinen Mumm mehr, ein Hotel zu suchen. Stattdessen ging ich in eine als Hotel gekennzeichnete Elendsherberge gegenüber dem Bahnhof, denn anderntags früh musste ich weiterreisen. Ich konnte nicht schlafen: Es hatte Kakerlaken, die Matratze stank, es war kalt. So sass ich für einige miserable Stunden in meinen Lodenmantel gewickelt mit hochgezogenen Beinen auf einem Sessel und wartete auf die Tageshelle. Der Kaffeeausschank im Bahnhof erschien mir wie ein Paradies. Ich habe etliche ähnliche Erfahrungen hinter mir, auch in Paris, beim Gare du Nord, als anlässlich der SIAL-Messe kein Zimmer mehr zu haben war, und ich einzig dort abstieg, um am nächsten Tag früh von diesem Bahnhof zur Messe zu fahren. (Punkto Hotel-Reservierungen bin ich oft nachlässig, einfach darum, weil ich immer wieder gute Hotels auf Anhieb gefunden habe.)

Wem solches – selbst auf Stunden beschränkt – nicht widerfahren ist, kann sich schlecht vorstellen, wie Leute am Rande der Gesellschaft vegetieren müssen. Sie alle haben einen Fernseher und sehen zu, wie die vom Leben Begünstigten prassen.

Regt sich in ihnen Neid? Ich glaube kaum; denn die meisten finden sich mit ihrem Schicksal fraglos ab, besonders wenn sie sich seit Jahren an ihr Jammerdasein gewöhnt haben und nichts anderes kennen. Nicht so die Halbwüchsigen mit dürftigem Schulsack. Sie werden leicht drogensüchtig und gewalttätig, um ans Geld fürs Gift zu kommen. Sie wollen aus dem Getto ausbrechen. Viele Bürger sind empört und nennen sie Halunken, „scum“ (Abschaum) und „crapule“ (Lumpenvolk), die hinter Schloss und Riegel gehören. Aber hinter Schloss und Riegel sind sie ja aufgewachsen, von der Gesellschaft geächtet, und sie lungern Tag und Nacht herum. Es braucht nicht viel, um sie aufzuwiegeln.

Was lässt sich dagegen tun? Immer gibt es hilfsbereite Menschen, die sich mit Opfermut gegen Armut und Missbräuche einsetzen und Not lindern helfen. Eine schlimme Nachricht löst die andere ab: Katastrophen und Hungersnot werden rasch an den Rand gedrängt und vergessen. Reformversuche verlaufen im Sand. Wer erinnert sich noch an den G8-Rummel (das Gipfeltreffen fand vom 6. bis 8. Juli 2005 im schottischen Gleneagles statt)? Afrika hungert weiter.

Verschiedentlich wurde empfohlen, am „Guy Fawkes" und dem „Bonfire Night“ in England, eingedenk der Bombenanschläge, zurückhaltender mit dem Feuerwerk umzugehen. Es knallte lauter denn je!

Wird sich der Aufruhr in Frankreich legen oder sich auf andere Länder im Lauffeuer ausdehnen? Heute sind wir weltweit vernetzt und augenblicklich darüber „im Bild“, was vorfällt. Es ist vorstellbar, dass das Bollwerk des Kapitalismus abbröckeln, oder weitaus schlimmer, gesprengt werden könnte. Wäre es folglich nicht besser, die Exzesse einzudämmen? Wo sind die waschechten Staatsmänner, Dichter und Denker als Wegbereiter zu wenigstens kleinen, wenn auch kaum wahrnehmbaren Verbesserungen unterwegs zur Renaissance? Das wäre ein Grundstein zur Hoffnung.

Hinweis auf Blogs zum Thema G8, Armut und Gewalt 
06. 08. 2005: „Und sie sagten kein Wort ...: Beispiel Niger“ 
07. 07. 2005: „Wieder Terrorismus in dieser besten aller Welten“ 
07. 07. 2005: „Bomben in London City: Die Olympiade der Gewalt“

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