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BLOG vom 21.01.2005


Entlassung – „eine elegante Lösung“

Autor: Heinz Scholz

Soeben konnte man es aus den Medien erfahren, unter anderem am Radio hören: Novartis erzielte 2004 den „8. Rekordgewinn in Serie“ (so die „NZZ“ am 20. Januar 2005). Der Reingewinn des Pharmakonzerns erhöhte sich auf rund 5,8 Milliarden USD. Eine unvorstellbare Zahl, die eine unvorstellbare Macht verkörpert. Ich erfuhr sie am eigenen Leib, diese Macht, vor genau 19 Jahren, am 20. Januar 1986. An diesem Tag wurde ich in Basel vom bedeutendsten Pharmakonzern der Schweiz, der Novartis-Vorgängerin Ciba-Geigy, auf elegante Weise ausgelagert. 

Eigentlich hätte ich Angst empfinden müssen, denn ich sass allein, ohne Verteidiger vor einem Dreiergericht, und dieses bestand aus Vertretern meiner Arbeitgeberin, des mächtigen Basler Pharmamultis. Eigentlich hätte ich Angst empfinden müssen, als ich als einzige Frau mit ergrautem Haar in diesem Büroraum vor den 3 Männern sass, die über mich zu Gericht sassen und das Urteil bereits im Voraus abgesprochen hatten. Aber sonderbarerweise empfand ich keine Angst – weshalb nicht, ist kaum erklärbar. Vielleicht war es das vage Unbehagen, das von den Männern ausging, eine verborgene Unsicherheit – es schien, als wollten sie die unangenehme Sache so schnell als möglich hinter sich bringen, um mich, den Stein des Anstosses und Grund dieser sonderbaren Gerichtssitzung, rasch loszuwerden. 

Sie gehörten alle zum höheren Kader, diese Manager: der stellvertretende Direktor sowie die beiden Vizedirektoren, und sie sassen im Büro des stellvertretenden Direktors, das so gross war wie 4 Prokuristenbüros zusammen. Sie sassen in der richtigen Anordnung, so wie es in den Kaderführungskursen gelehrt wird: Das Opfer des Gesprächs mit dem Gesicht zum Fenster, damit jede seiner Regungen erhellt und genau feststellbar sei, die Gesprächsführer gegenüber, um das Opfer gut beobachten zu können, ohne sich selbst dem enthüllenden Licht preisgeben zu müssen. Und es brauchte 3 Gesprächsführer für ein einziges armseliges Gesprächsopfer – sicher ist sicher, man weiss ja nie, was einem solchen Opfer alles einfällt. Es könnte zum Beispiel protestieren, das wäre schlimm, oder in Tränen ausbrechen, das wäre noch schlimmer. Man muss sich vorsehen, genügend Zeugen bestellen, damit Unvorhergesehenes rasch registriert und richtig darauf reagiert wird. 

An der gegenüberliegenden Wand stand ein imposanter Schreibtisch, und ich stellte mir vor, wie der stellvertretende Direktor mit seinem zerknitterten ET-Gesicht, hinter seinen dicken Brillengläsern hervor melancholisch in die leere Weite seines Büros hinausstaunend, an diesem Schreibtisch gesessen und überlegt hatte, wie er in diese unangenehme Situation hineingeraten sei. So wie sein Gesicht für die überreichlich vorhandene Haut zu klein war, so war seine ganze Person für das Übermass an Macht, das er besass, viel zu klein. 

Er war kein Managertyp, nein, das war er wirklich nicht, und von den Dreien spürte ich bei ihm das Unbehagen am stärksten. Mehr als beim Vizedirektor, der es gewohnt war und es genoss, über seine Opfer zu befinden, dessen starker Mund Machtbewusstsein ausdrückte und heimliche Verachtung für die Ohnmächtigen, aber auch die Fähigkeit zu heucheln, wenn es der eigenen Sache diente. Er sass in der lockeren Managerhaltung, die er sich angeeignet hatte, die Beine weit von sich gestreckt und die Füsse gekreuzt, am Tisch des Direktionsbüros, während der eine hierarchische Stufe höher stehende Kaderkollege als stellvertretender Direktor das Gespräch führen musste. Die vielen Falten des ET-Gesichts kamen in Bewegung, die Brauen über den dicken Brillengläsern waren erstaunt und etwas traurig hochgezogen, als der stellvertretende Direktor das Urteil verkündete. Später, als er mir höflich in den warmen Mantel helfen wollte – es war ein nebelfeuchter Januartag, der warme Winterkleidung nötig machte –, hielt er ihn mit den Ärmeln nach unten in seinen faltigen Händen. Es war für beide peinlich, aber für ihn mehr als für mich, da er mit dieser Ungeschicklichkeit seine Verwirrung eingestand. Ich nahm dies nicht ohne ein prickelndes Triumphgefühl zur Kenntnis. 

Der Vizedirektor hingegen, als Bereichsleiter mein Vorgesetzter, der nach dem Prozess mit mir in unsere Abeilung zurückkehrte, wies keine Anzeichen von Schuldbewusstsein oder einer ähnlichen Empfindung auf. Er war der geborene Opferer, zur Macht prädestiniert, die sein Lebenselixier war. „Ich darf Ihnen sagen, es ist eine elegante Lösung.“ Seine Unterlippe verzog sich zu einem Viereck, das Seriosität ausdrücken sollte. „Elegante Lösung“ war ein von der PR-Abteilung kreierter und vom Kader gerne übernommener Ausdruck. Ich war von der plötzlichen Verurteilung immer noch leicht betäubt und vergass deshalb zu fragen, wofür denn diese elegante Lösung ausgetüftelt worden war. Ich wusste zwar, was er meinte – ich hatte es meiner Arbeitgeberin gegenüber an political correctness fehlen lassen –, aber eine solche naive Frage wäre in der Gesprächsstrategie eines Grosskonzerns angezeigt gewesen. Leider verpasste ich die Chance für eine derart provokative Frage, und wir gingen den endlosen Korridor entlang, vorbei am Spalier der grün gestrichenen Türen der Managerbüros. Später konnte ich mich nicht mehr erinnern, was mein Vorgesetzter noch gesagt hatte. Ich wusste nur, dass ich dann in mein kleines Büro in der am Rande der Stadt gelegenen Aussenstation der Firma zurückgekehrt war, um mit dem Räumen meiner Siebensachen zu beginnen. Denn am nächsten Tag hatte ich den Büroschlüssel für immer abgeben müssen. 

Das gehörte zum Urteil: sofortige Räumung meines Büros. Es gehörte zu dem von der Macht diktierten Entscheid, mich von einem Tag auf den anderen von der Arbeit als medizinwissenschaftliche Übersetzerin freizustellen und mir das Gehalt noch während 4 Monaten zu bezahlen. Es war keine Kündigung, ich wurde nicht mittellos auf die Strasse gestellt, es war einfach eine „elegante Lösung“. Eine elegante Lösung für ein verschwiegenes Problem, das weder mündlich noch schriftlich umschrieben wurde. Sie wurde mir an dem eleganten Tisch des Direktionsbüros vom stellvertretenden Direktor mit dem ET-Gesicht und den erstaunt und etwas traurig hochgezogenen Augenbrauen kurz und bündig mitgeteilt, die elegante Lösung: meine Zwangspensionierung. 

Ich wusste, das war ein Verdikt, und es schien besser, keine weiteren Fragen zu stellen. Solche Fragen waren nicht beliebt, und für einmal benahm ich mich so, wie es erwartet wurde. Ich hörte auch höflich zu, als der für Personalfragen zuständige Vizedirektor mir die Höhe der Pension verkündete, mit der ich künftig mein Leben fristen könne oder müsse. Der Betrag war bescheiden, mehr als bescheiden, aber ich brach nicht in Tränen aus. Das musste den 3 Männern verdächtig vorkommen – sie schwiegen betreten, bevor sie mich baten, allfällige Fragen doch gleich zu stellen. Aber ich hatte keine Fragen, und deshalb hielt mir der stellvertretende Direktor den Mantel verkehrt hin.

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