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BLOG vom 25.12.2005


Weihnachtsbräuche (II): Das Küssen unterm Mistelzweig
Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Bevor ich das Brauchtum um den Mistelzweig mit all seinen erwünschten und unerwünschten Folgen näher beleuchte,  einige bekannte Stimmen zum Thema Weihnachtsbräuche:
 
Emil Baschnonga, unser Blogger und Aphoristiker aus London, informierte mich über die englischen Bräuche:
 
„Auch in England herrscht der universelle Missbrauch der ,Retail therapy’, der die vorweihnachtliche Freude eindämmt. Kinder wollen elektronisches Spielzeug, Mutti etwa ein Jahresabonnement für Massagen und Schönheitspflege. Der Vater hat die Nase voll und will überhaupt nichts anderes als seine Ruhe haben – ohne Socken im Geschenksortiment (Christmas stocking).
 
Der Adventskranz ist in England an der Wohnungstüre angebracht. Schon seit Tagen regnet es Nadeln von den überreich drapierten Weihnachtsbäumen. In einer Familie, die etwas auf sich hält, fehlt auch der Mistelzweig nicht, der oben am Türrahmen befestigt ist. Jeder Dreikäsehoch weiss, dass es Tanten und andere weibliche Familienmitglieder zu meiden gilt. Denn wer will schon nasse Küsse empfangen? Mitunter misslingen solche Ausweichmanöver, besonders, wenn man gross, also erwachsen geworden ist. Man kommt dann nicht mehr so leicht zwischen den Beinen durch. Der Mann erwischt, so will es die Unnatur, die falschen Damen vorgerückten Alters.
 
Auch in England entwickeln sich am Weihnachtstag teils feurige Familienfehden, besonders nach dem Festessen. Der vollgestopfte Magen, reichlich mit geistigen Getränken übergossen, rumort, und die Laune verschlechtert sich. Ein falsches Wort zündet, und es kommt zum wörtlichen Wutbrand. Der Tag nach Weihnachten wird ‚Boxing Day’ genannt. Lange dachte ich, es handle sich um das Boxen, wenn Schmähworte nichts mehr vermögen. Aber am Boxing Day entfliehen die Engländer der Familie und suchen Freunde und Bekannte heim. Die Mitternachtsmesse, sei nebenbei bemerkt, wird kaum mehr besucht. Der Alkoholspiegel ist viel zu hoch fürs Autofahren, und auf wankenden Beinen in die Kirche zu pilgern ist viel zu beschwerlich.“
Der Boxing Day hat tatsächlich nichts mit Handgreiflichkeiten streitsüchtiger Engländer zu tun, sondern stammt aus dem 19. Jahrhundert. Am 2. Weihnachtsfeiertag öffnete man in den Kirchen die Almosendosen (boxes) und verteilte den Inhalt an Bedürftige. An diesem Tag holten auch Dienstboten oder Lehrlinge in solchen Gefässen bei ihren Dienstherren bzw. Lehrherren eine Weihnachtsgratifikation ab (www.feiertagsseiten.de).
 
Geborgen in einer grösseren Ordnung
Die Zürcher Bloggerin und Feuilletonistin Rita Lorenzetti liess auf Anfrage ihre Erinnerungen wieder aufleben: „Es waren die Jahre des 2. Weltkrieges. Die Dunkelheit hatte eine enorme Macht. Jedes Licht, das entzündet wurde, muss den Erwachsenen etwas Zuversicht geschenkt haben.
 
Wenn das Wort Weihnachten fällt, denke ich immer zuerst an unsere Stube, eben an den geschmückten und im Kerzenlicht erhellten Christbaum und an unseren Vater, der uns zurief: ‚Es (das Christkind) ist gekommen!’ Dann durfte die Stube betreten werden. Aber auch die Lieder, die wir sangen, und die Gedichte, die wir Kinder für diesen Abend auswendig gelernt hatten, sind in guter Erinnerung. Der erste Teil des Festes berührte das Religiöse in uns, aber es gab auch den 2. Teil mit den Geschenken. Die Gaben lagen unter dem Christbaum, waren noch zugedeckt, also unauffällig gemacht. Wir sollten nicht zu schnell ins Materielle abgleiten.
 
Aus Mutters Familie galt auch bei uns dies: Das jüngste Kind durfte seine Geschenke zuerst erhalten. Von älteren konnte mehr Geduld verlangt werden. So war unsere Bescherung immer ein Ritual. Wir waren 5 Kinder. Das jüngste bekam seine Päckli zuerst. Alle schauten zu, wie sie geöffnet wurden. Jedem Kind und jeder Gabe wurde gleich viel Bedeutung und Zuwendung geschenkt.
 
Wir lebten sehr bescheiden und doch mit Kultur. Ich staune heute mehr und mehr, wie es den Eltern gelang, aus wenig viel zu machen und wie sie die beiden Pole Gemüt/Religiosität und Freude am Materiellen verbinden konnten. Ein solches Fest mit ihnen zu feiern, gab uns Geborgenheit und Aufgehobensein in einer grösseren Ordnung, für die es keinen Namen gibt.
 
Wir waren auch immer mit Feuereifer dabei, wenn im Advent die Guetzli ausgestochen und gebacken wurden. Zusätzlich war es  im Zürcher Oberland auch Brauch, für die Festtage Öpfelwegge (Apfelwecken) zu backen. Die Füllung wurde im privaten Haushalt vorbereitet. Der Bäcker nahm sie entgegen und packte sie in die von ihm vorbereiteten Teigstücke ein und buk sie. Ich erinnere mich gut, wie die vielen Wecken für die Grossfamilie in einer Zaine (geflochtenem Tragkorb) abgeholt und für die Festtage bereit gelegt worden waren.
 
Weihnachten war der absolute Höhepunkt des Jahres. Meine Freundin Ursula und ich waren im Januar jeweils richtig traurig, wenn der Baum abgeräumt wurde, weil die geheimnisvolle Weihnachtszeit in die Vergangenheit entwischt war. Wenn es wieder so weit war, schnitt Mutter die Schokoladenfiguren, die den Baum schmückten ab, verteilte sie uns Geschwistern. So wurde der Schmerz etwas gelindert. Dann wurde der Baum zerkleinert. Die Nadeln rieselten. Er wurde im Ofen in der Stube verbrannt. Der Duft des verbrannten Harzes kann ich immer noch als Erinnerung abrufen. Dann dauerte es sehr lange, bis das schöne Weihnachtsfest wieder angesagt war. Es gab kein vergleichbares Fest während des ganzen Jahres.
 
Als wir grösser waren, durften wir in die Mitternachtsmesse mitgehen und unsere Lieder mit allen andern, die gekommen waren, nochmals aus tiefster Seele mitsingen. Wenn am Schluss die elektrischen Lichter gelöscht wurden und nur noch die lebendigen am Christbaum brannten, war der Höhepunkt von Weihnachten erreicht, und wir fühlten uns alle wie eine grosse Familie.“
 
In der Stube und im Aquarium
Dr. med. Klaus Mohr schrieb in der „Reform-Rundschau“ (2005-12): „Die Weihnachtsbotschaft verspricht Frieden: für alle Menschen, die guten Willens sind. Das heisst: der gute Willen ist die Bedingung für den Frieden. Wer den guten Willen nicht hat, wird sich schwer tun, wird wahrscheinlich den Frieden nicht finden ... Weihnachten ist ein Geschenk und zugleich auch Aufforderung. Wir sind aufgefordert, uns zu entscheiden. Für das Richtige, gegen das Böse. Dabei finden wir inneren Frieden.“
 
Manchmal findet man auch Nonsens: Hier zur Abwechslung das Beispiel eines Blödsinns aus den USA: In der „Badischen Zeitung“ (BZ) wurde am 20. 12. 2005 ein Foto von einem Weihnachtsmann, der sich in einem grossen Schauaquarium mit Hilfe eines kleinen Unterwasserfahrzeugs herumfahren liess, abgebildet. Die Bildunterschrift: „James Bond? Nein, war nur ein Scherz. Es ist der Weihnachtsmann, vor dem man nicht einmal mehr unter Wasser sicher ist. Zumindest in Florida, wo alte Bräuche hemmungsloser verwurstet werden als anderswo. Den Fischen ists egal. Sie ziehen ungerührt ihre Kreise.“
 
Anika Moos, Erzieherin in Ausbildung aus Rheinfelden, liebt eher das Feiern im Trockenen und schrieb ebenfalls in der „BZ“ vom 21. Dezember 2005 Folgendes: „Es ist einfach schön, die Festtage mit der Familie zu verbringen und anderen eine Freude zu machen, auch wenn das Geschenke besorgen auf den letzten Drücker ganz schön anstrengend sein kann ... An Heilig-Abend schaue ich mir mit meiner Familie das Krippenspiel in Minseln an.“
 
Der Buchwunsch gibt es so etwas noch?
Lislott Pfaff, unsere Bloggerin und Lyrikerin aus Liestal (Schweiz), schreibt: „Ich bin eher ein Weihnachtsmuffel. Ich kann leider keine besonderen Ereignisse über diese Zeit mitteilen. Als Kind hat mich der Osterhase immer stärker interessiert als das ,Wiehnechts-Chindli’. Am meisten freute ich mich auf die Bücher, die ich an Weihnachten jeweils mehrfach geschenkt erhielt, da ich bei Verwandten auf die entsprechende Frage nach Wünschen immer sagte, ich hätte gerne ein Buch.“
 
Unbekannter Autor: „Der schönste Weihnachtsbrauch ist gleichzeitig der älteste von allen und noch immer lebendig: sich mit anderen von Herzen zu freuen.“
 
Kuss unterm Mistelzweig
Aber nun wird es höchste Zeit, dass ich mich ebenfalls noch dem schönen, ursprünglich aus England stammenden und von Emil Baschnonga eingangs köstlich geschilderten Mistel-Brauch zuwende. Auf diesen fuhren wir Jugendlichen in Süddeutschland früher unglaublich ab – und die Erlebnisse waren ähnlich wie beim Londoner Original:
 
Auch wir hängten zur Weihnachtszeit einen Mistelbusch über die Eingangs- oder Wohnzimmertüre und warteten geduldig auf eine schöne Maid. Kaum schritt die Angebetete über die Schwelle, konnte man sie ungefragt küssen. Überschritt ein nicht so sympathisches weibliches Wesen die Schwelle, übersahen wir den Brauch geflissentlich. So manche Besucherin blieb ungeküsst. Es gab jedoch Damen reiferen Alters, die vom Brauch wussten und einen Kuss strikte verlangten.
 
So geschehen mit einer Tante, die zu Besuch kam. Als sie den Mistelbusch bemerkte, schritt sie auf den Jüngling (ich war der junge Bursche) zu und forderte ihn in einem bestimmenden Ton auf: „Nun küss mich endlich!“ Was blieb mir anderes übrig als ihr zu Willen zu sein? Inniglich drückte sie mich, und es schmatzte, dass es (für sie) eine wahre Freude war. Bei zukünftigen Weihnachtsfesten wurde kein Busch mehr aufgehängt, wenn die Tante ihren Besuch angekündigt hatte.
 
Vor einigen Jahren beschwerte sich eine ehemalige Nachbarin mit folgenden Worten: „Ich verstehe nicht, warum ich trotz Mistelzweig nicht geküsst werde.“ Wer sie ansah, wusste warum.
 
In Kürnberg, das in der Nähe von Schopfheim D liegt, gibt es sehr viele Obstbäume mit Misteln. Anlässlich einer Wanderung, die uns durch den Ort führte, sah ich um die Weihnachtszeit Mistelbüsche vor oder neben so manchem Hauseingang baumeln. Nach einem alten Brauch soll die Mistel vor Unglück schützen. In der Pfalz ist man der Ansicht, die Mistel bringe demjenigen Glück und Zufriedenheit, der den Halbschmarotzer (die Mistel ist so einer) anfasst.
 
In der englischen Grafschaft Staffordshire kam früher keiner auf die Idee, den Weihnachtspudding zu geniessen, wenn die darunter brennende Flamme nicht von einem Mistelzweig genährt wurde (www.weihnachtsstadt.de).
 
Die Mistel hatte auch eine profane Bedeutung: Manche Bauern sahen in ihr ein probates Mittel, wenn eine Kuh beim Melken immer ausschlug. Sie glaubten, die Kuh sei verhext. Sie holten eine Mistelrute und schlugen ihr dreimal über das Fell. Und das soll auch ausserhalb der Weihnachtstage funktioniert haben.
 
Wir wünschen Ihnen einen schönen, friedlichen Tag – mit oder ohne Misteln und ihren Folgen!
 
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