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BLOG vom 09.01.2006


Nach dem Hexenschuss: Das Warten in der Arztstation
Autorin: Rita Lorenzetti
 
Mit scheinbar letzter Kraft hatte ich mich in die PERMANENCE im Zürcher Hauptbahnhof geschleppt. Die Tramfahrt war mir nicht mehr zuträglich. Aber Beine und Füsse wollten mich noch tragen. So erreichte ich dann zu Fuss die in Zürich beliebte Arztstation für dringende Konsultationen. Ein Hexenschuss hatte mich getroffen.
 
Da stand ich also schon kurz nach 7 h morgens, war aber nicht die erste, die Hilfe brauchte. Andere Leidende waren schon vor mir angekommen. Sie lasen die Zeitungen, schauten kaum auf. Ich konnte nicht sitzen. Die vorhandenen Stühle erwiesen sich für mich als viel zu tief. Darum wartete ich stehend, hielt ich mich an einer Säule fest und bewegte mich sachte, in der Meinung, ich sei ein vom Wind berührter Baum.
 
Mein Stehplatz beim Eingang bot mir viel Abwechslung und Einblicke in die Arbeit einer solch lebhaften, viel benützten Station. Alle Ankommenden schienen dankbar, dass sie freundlich angesprochen wurden. Nach etwa einer halben Stunde fiel mir eine Frau auf, die scheu an die Anmeldungs-Theke trat, sich erfassen liess, nur mühsam und sehr leise sprach. Auch sie setzte sich nicht. Sie stellte sich neben mich hin. „Wir leiden offenbar an Gleichem. Können Sie auch nicht sitzen?“, fragte ich. Sie hob die Hand, deutete auf die Brust und hechelte. Dann sagte sie leise. „Ich kann nicht mehr atmen.“
 
Zuerst dachte ich, ich sei weniger leidend als sie. Man sollte sie schnell behandeln können, doch wurde mir sofort auch klar, dass ich mit einem solchen Wunsch Unordnung ins Getriebe gebracht hätte. Es kommen ja hier nicht nur die so genannten Notfälle, sondern auch Patienten, die mehrmals erscheinen müssen und auf einen bestimmten Zeitpunkt bestellt sind. Es läuft hier auch nicht alles linear, denn die Unangemeldeten werden vielleicht geröntgt oder es werden Blutuntersuchungen nötig, und für die Resultate müssen die vorher Untersuchten und wieder Wartenden nochmals aufgerufen werden. Da stand ich also und fühlte die Beklemmung dieser mir unbekannten Frau. Diese Situation kenne ich, dachte ich dazu, auch wenn sie Jahrzehnte zurückliegt.
 
Und im gleichen Augenblick erinnerte ich mich an eine Reisebeschreibung einer Gruppe Europäer, die mit ortskundiger Führung in die Wüste gingen. Dort wurde eine Person krank. Als Erstes habe der arabische Reiseleiter die Hand der erkrankten Frau in die seine genommen und sie damit beruhigt. Soll ich das auch machen?, überlegte ich mir.
 
„Geben sie mir Ihre Hand!“ sagte ich, über mich selbst erstaunt. Die Frau hatte sofort Vertrauen. Meine Hand gab ihr Wärme und die für uns beide überraschende Geste lenkte sie ab. Der Atem floss plötzlich ausgeglichener, und meine eigenen Probleme verschwanden. Es floss etwas zwischen uns hin und her. Bald konnte sie ohne Angst sprechen. Ich hörte von grossen Problemen am Arbeitsplatz. Sie fühle sich wie eine Sklavin, arbeite in einem Hotel. Es würden ihr immer mehr Aufgaben wie etwas Selbstverständliches aufgebürdet. Sie wisse nicht mehr ein und aus. Das konnte ich verstehen. Ich erfuhr von ihr, dass sie schon 12 Jahre in der Schweiz lebe, aus dem Kosovo stamme.
 
Als ich dann nach einer weiteren halben Stunde aufgerufen wurde, bemerkte die Ärztin unsere Verbindung und stutzte einen Augenblick. Sie sprach mich aber nicht darauf an. Zu meiner grossen Überraschung meldeten sich in diesem Augenblick die eigenen Schmerzen und Blockaden mit voller Wucht zurück. Vorher warteten sie und verhielten sich geduldig. Nun war meine Zeit gekommen, und ich durfte über mein Leiden sprechen.
 
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