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BLOG vom 22.01.2005


Posttour ab Zürich-West

Autorin: Rita Lorenzetti

Durchs Fenster an der Pforte sehe ich auch heute wieder, wie es drinnen wimmelt. Ich hole die vorbereitete Posttour für meine Route in Zürich-West. Als so genannte Aushilfe arbeite ich nur am Samstagmorgen, stelle Briefpost zu.

Wie immer, werde ich sofort nach dem Eintreten in den Sog dieser hier arbeitenden Menschen mitgerissen. Es macht Spass, hinter den Kulissen zu erleben, wie Briefe und Zeitungen ihren Weg zu den Adressaten finden. Hier arbeiten Menschen, die schnell und gleichzeitig zuverlässig agieren können. Jede Tour ist ein kleines Reich. Die Zuständigen nehme ich als Individualisten wahr, die aber zu einem grossen Ganzen gehören. Und da füge ich mich als kleine Aushilfe ganz gern ein.

Das erste Wegstück ist stotzig (steil). Ich schiebe den Karren ruhig voran. Im ersten Drittel gehe ich auf einer kaum befahrenen Strasse. Es ist so still, dass ich im Sommer jeweils Pendulen-Schläge aus einer Wohnstube vernehmen kann.

Ich schätze die eingravierten Namen an den Briefkästen, muss aber auch Detektiv sein. Von Hand angeschriebene und vom Wetter verwitterte Klebeetiketten können einen verwirren. Dazu die vielen fremden Namen, von denen nicht sofort auszumachen ist, welches der Familien- und welches der Vorname ist. Doch schwierige Fälle prägen sich ein. Alle bekommen ihre Post.

Unterwegs spreche ich mit meinen Füssen und Knien und danke ihnen, dass sie mir behilflich sind. Tausende Schritte muss ich tun, auf und ab, auch in Gärten und Höfe hinein.

Im Altersheim hole ich die Post aus dem gelben Kasten und schleuse sie in den Zustellkanal. Unterwegs treffe ich wieder auf jenen Mann, der seit Monaten auf meinem letzten Wegstück, an Stöcken humpelnd, eine neue Beweglichkeit einübt.

Hunderte von Sendungen gingen durch meine Hand. Von allen geht eine ganz eigene Ausstrahlung aus. Schöne Briefe bewundere ich, auch wenn der Blick auf ihnen nur Sekunden oder Bruchteilen davon ruhen kann. Auch spezielle Briefmarken erkenne ich sofort. Postkarten aus fernen Ländern entfachen Reisefieber. Immer sind es Sendungen von und an Menschen. Was bringe ich Ihnen? Gutes oder schwer Verdauliches? Sicher bin ich oft Schicksalsträgerin, ohne dass ich es weiss.
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