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BLOG vom 11.03.2006


Maskeraden und die Bewandtnis mit dem Lodenmantel
Autor: Emil Baschnonga
 
In seinem Büchlein „Ce que je crois” („Woran ich glaube“) schrieb der französische Schriftsteller André Maurois (1885–1967): „Für mich besteht die Welt nur als innere Welt. Aber es braucht den seltsamen Karneval rund um mich, damit er meine Gefühle erweckt und meine Gedanken auslöst.“ Als Mitglied der Académie Française wusste er sehr wohl, dass er in diesem Karneval seine Rolle spielen musste.
 
Im gleichen Bändchen sind allerlei Briefwechsel und Gedankenaustausche eingefügt. Ein Beispiel davon entnehme ich der Zeitschrift „Adam – International Review“ – und zwar der 250. Jubiläumsausgabe (1955), die dem flämischen Poeten Emile Verhaeren (1855–1916) gewidmet ist. Der Inhalt dieses einzigartigen Magazins, damals in London veröffentlicht, ist teils in Französisch, teils in Englisch geschrieben. Die Titelseite ist mit einer von Jean Cocteau gezeichneten Widmungsillustration geschmückt.
 
Jetzt kann ich wieder ins Thema Gedankenaustausch einspuren, wie er einst zwischen Jean Cocteau (1889–1963) und André Maurois unter dem Titel „La Poésie sous la Coupole“ stattgefunden hat. Dieses „Coupole“ bezieht sich auf die Académie Française und nicht auf „La Coupole“, eine weltbekannte Pariser „Brasserie“, die damals viele Künstler anlockte. Der Vergleich liegt nahe: Beide „Coupoles“ können als Karneval, Zirkus oder Spektakel gelten.
 
In seiner Antrittsrede als neues Mitglied der Akademie trat Jean Cocteau wie ein Akrobat und Jongleur mit skurril wechselnder Gedankenmimik auf. „Wer kennt schon den wahren Charakter des Poeten; er selbst am wenigsten“, sagte er zum Auftakt seiner Rede. Einige Sätze später bekannte er (frei übersetzt): „Noch nie zuvor haben mich die Füsse unter die Kuppel (Coupole) getragen. Das ist die 1. Zeremonie dieser Art, der ich als Schauspieler und zugleich als Zuschauer beiwohne – ein Stück aus dem Theater-Repertoire der Träume.“
 
In seiner Antwort widmete André Maurois seine Worte dem Akrobaten Cocteau: „Sie haben oft im Zirkus ihre Arbeitsstätte gesucht. Sie haben Recht. Die Akrobaten sind die seriösesten Künstler, da weder das gespannte Seil noch das Trapez lügt. Wie ich Ihrem Jonglierakt auf den aufeinander gestellten Stuhlbeinen unter der Kuppel zuschaute, wurde mir mitunter schwindlig. Ihre wagemutige und brillante Darbietung beschlossen Sie, wie es sich schickt, mit einem Lächeln. ,Der Takt und die Kühnheit’, haben Sie geschrieben, ,ist zu wissen, wie weit man zu weit gehen kann’.“
 
Ich glaube, der Dichter hat es besser als der Maler. Emile Verhaerens Gedichtsentwürfe gleichen flämischen Schlachtfeldern. Zum Glück floss kein Blut, sondern nur Tinte. Er hinterliess wunderbare Gedichte, von seiner Vorstellungskraft und Beobachtungsgabe genährt. Skizzen und Entwürfe der Maler müssen auf Anhieb gelingen, sonst bleiben sie Sudelpapier im Vorstadium eines Werks.
 
Nicht auf dem Gesicht tragen die Dichter ihre Masken, sondern sie liegen in ihrer Hand, der die Feder hält oder in ihren Fingern, die in die Tasten tippen. Damit entlarven sie viel Spektakel auf der Welt.
 
So habe ich die Flamen gleich Verhaeren gesehen und erlebt*: 
Les gens d’ici sont malhabiles.
La tête lente et les vouloirs débiles.
Quoique tannés d’entêtement,
Il sont ladres, ils sont minimes
Et s’ils compten, c’est par centimes,
Péniblement, leur dénûment. 
Hier von mir verdeutscht, recht und schlecht, etwa so: 
Die Leute von hier sind einfältig.
Der Kopf langsam, das Streben debil
Obwohl von Starrsinn gegerbt.
Sie sind knickerig, sie sind kleinlich
Und wenn sie zählen, ist es in Centimes,
Peinlich entblössen sie ihre Mängel.*
Die Fasnacht ist vorbei. Die Masken aber sind bei weitem nicht abgelegt. Sie werden alltäglich mehrmals ausgetauscht, ausser wenn wir in der Badewanne plätschern und uns vollkommen unbeobachtet fühlen. Selbst dann schlüpfen wir gerne in geheime Rollen, etwa als Caruso oder Dirigent auftretend. Das ist genau der Augenblick, wenn ich die Menschen am liebsten beobachten möchte – mich ausgenommen.
*
Wir wissen: „Kleider machen Leute“ – und das beste Kleid ist auf die Maske abgestimmt, in der wir öffentlich auftreten. Wir müssen, anders ausgedrückt, etwas darstellen, sei es auf dem Betriebsfest, sei es auf Besuch bei Bekannten oder am Elternabend in der Schule unserer Sprösslinge. Wie ein Pfau schlagen wir dann das Rad, selbst wenn uns die Schwanzfedern fehlen.
*
Was hat das mit meinem Lodenmantel zu tun, werden Sie fragen. Vor 12 Jahren hatte ich den Mantel zu Hause vergessen. Ich fror in Paris wie ein Schlosshund. So betrat ich vor einem Treffen einen Kleiderladen gleich nebenan und kaufte mir kurz entschlossen einen Lodenmantel.
 
Auch vor 4 Wochen war es auf dem Flohmarkt kalt. Aber dies hielt mich nicht von meiner Pirsch am Samstagmorgen ab, denn ich trug diesen alten Lodenmantel. Keck sprach mich ein älterer Mann an und verliess seinen Standplatz. Er befühlte meinen Mantel. „Die Leute hier kennen solche Mäntel nicht“, meinte er. Nach dem Vorspiel kam ich ihm auf den Sprung. Er habe einen qualitativ viel besseren Lodenmantel aus Salzburg, nur dreimal getragen, weil ihn seine Frau nicht mochte.
 
Erst letzte Woche begegnete ich ihm wieder. Er winkte mir zu und hob stolz den Lodenmantel von der Kleiderstange. Ich hatte keinerlei Absicht, einen 2. Lodenmantel zu kaufen, aber befühlte höflichkeitshalber den Stoff. „Damit können Sie sich jederzeit im ,Dorchester' sehen lassen“, setzte er sein Verkaufsgespräch fort. „Sehen Sie, reinste Schurwolle mit Alpaka, von oben bis unten gefüttert, die beste Marke!“
 
Es kam soweit, dass ich meinen alten Lodenmantel ablegte, und in den (fast) neuen schlüpfte. Wie gut er mir sass, wie weich er sich fühlte, und leicht er mir von den Schultern floss! Dennoch war ich entschlossen, den aufdringlichen Kerl abzuwimmeln.
 
Aber sein Verkaufsgeschick siegte, wie er den Preis aus eigenem Anhieb beachtlich senkte. Er war kürzer als ich, und mir war klar, warum seine Frau seinen Mantel nicht mochte. Er reichte ihm bis zu den Schuhen.
 
„Wie viel geben Sie mir für meinen alten Mantel?“ fragte ich ihn im Rückzugsgefecht. Davon wollte er nichts wissen: „Damit kriege ich zu Hause nur viel Ärger“, winkte er entschieden ab. Also denn, stopfte er meinen alten Mantel in eine Tragtasche und stolz ging ich in meinem (fast) neuen Lodenmantel von dannen. Ich raffte den Rücken und fühlte mich wie neugeboren. Ich dachte die Qualität müsste jedermann ins Auge springen. Aber der Flohmarkt war nicht der Ort dafür.
 
Meiner Frau gefiel mein Lodenmantel auf Anhieb. Sie war innerlich wohl froh, dass ich für einmal etwas Nützliches gekauft hatte, was sehr selten vorkommt.
*
Auf Biegen und Brechen muss ich jetzt meinen Lodenmantel in Einklang mit diesem Essay bringen. Also: Er hat, erstens, mein Lebensgefühl beachtlich gehoben, da ich, zweitens, jetzt etwas darstellte und, drittens, nicht nur innerlich, sondern auch äusserlich. Ich warte jetzt auf die Einladung ins Coupole zur 1. Antrittsrede als „Académicien“, wobei ich im Lodenmantel auftreten werde. Welcher Karneval, welche Masquerade, welcher Spektakel!
*
* Ich habe eben damit begonnen, in einer Novelle einen waschechten Flamen in Szene zu setzen. Selbstverständlich trägt er einen Lodenmantel …
 
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