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BLOG vom 23.03.2006


Mit Mark Twain und Hemingway im Schwarzwald wandern
Autor: Heinz Scholz
 
Wer wandert, der kann was erleben und auch erzählen. So erging es auch den amerikanischen Schriftstellern Ernest Hemingway und Mark Twain, die den Schwarzwald zu Fuss erkundeten. Einige Erlebnisse dieser prominenten Schriftsteller entdeckte ich in diversen Chroniken, die ich dann in meine Anekdotensammlung einfügte. Am Schluss dieser Abhandlung werde ich eigene Erlebnisse von meinen Schwarzwaldtouren einbringen.
 
Mark Twain und die Misthaufen
Mark Twain (Samuel Langhorn Clemens, 1835–1910) machte auf seinen Wanderungen durch die Wälder des Schwarzwalds eine bemerkenswerte Entdeckung bezüglich Misthaufen. Wörtlich hielt der Weitgereiste und kulturkritisch-satirische Schriftsteller fest: „Im Schwarzwald wurden wir mit diesem Düngemittel sehr vertraut. Unbewusst gewöhnten wir uns an, die gesellschaftliche Stellung eines Mannes nach diesem ins Auge fallenden, aufschlussreichen Kennzeichen zu beurteilen. Manchmal sagten wir: ‚Das ist offensichtlich ein armer Teufel.’ Wenn wir eine stattliche Anhäufung sahen, sagten wir: ‚Das ist ein Bankier.’ Wenn wir zu einem Landsitz kamen, der von einer alpenähnlichen Dungpracht umgeben war, sagten wir: ‚Zweifellos wohnt hier ein Herzog.’“
 
Wenn heute Mark Twain im Schwarzwald unterwegs wäre, würde er kaum noch Misthaufen finden. Die meisten Misthaufen wurden in die hinteren Regionen der landwirtschaftlichen Betriebe verbannt. Heute wird der Reichtum nicht nach der Grösse eines Misthaufens beurteilt, sondern nach ganz anderen Dingen.
 
„Die Weiber sind gar hässlich“
Albert Kreuzhage (1797–1848), Göttinger Universitätsrat und Schriftsteller, schrieb in seiner Episode „Vom Renchtal bis Furtwangen“ nicht gerade Erfreuliches über die Schwarzwaldmädels. Hier ein Auszug: „... Vor den Gasthäusern lustiges Volk. Die Männer sind hübsch, die Weiber meist hässlich und durch eine entstellende Kleidung verunstaltet. Sie tragen nämlich die Taille mitten auf dem Rücken, fast gleich unter der Achselhöhle, und statt einer schmalen suchen sie eine möglichst breite Taille zu haben. Deshalb sind die dicken faltigen wollenen Röcke fast unter der Achsel am Mieder befestigt und dann noch unter den Armen und besonders auf dem Rücken dick ausgepolstert, so dass sie alle bucklicht aussehen.“
 
Heute gibt es im Schwarzwald ganz attraktive Mädels. Das wurde nicht erst seit diversen Filmen („Schwarzwaldmädel“ oder „Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt“) bekannt. Auf meinen Schwarzwaldwanderungen sahen wir sehr ansehnliche Frauen, und ich kann bestätigen, dass diese hübscher waren als die Männer. Ein sarkastisch veranlagter Wanderfreund meinte einmal: „Die Schönen sind nicht die Einheimischen, sondern die Zugereisten.“
 
Was Ernest Hemingway im Schwarzwald erlebte
Als Ernest Hemingway (1899–1954), amerikanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger, in Begleitung zweier Frauen und eines Freundes durch das Oberprechtal wanderte, spürte er bei diversen Wirten eine Abneigung gegen Ausländer. Als er 2 Doppelzimmer haben wollte, antwortete der Wirt ziemlich unhöflich: „Ihr könnt hier überhaupt keine Zimmer bekommen, heute nicht und morgen nicht und nie, ihr Ausländer ...“ Da die Vier einen grossen Hunger hatten, fragte der Freund den unfreundlichen Wirt, wie weit es bis zum nächsten Gasthaus sei. Antwort des mürrischen Mannes: „Das müsst Ihr schon selber herauskriegen!“ Sie machten sich auf den Weg und fanden nach 6 Kilometern das Gasthaus Rössle. Hier bekamen sie eine ordentliche Mahlzeit, bestehend aus gebratenem Fleisch, Kartoffeln, grünem Salat und Apfelkuchen. Mit der Unterkunft waren sie nicht so zufrieden. Hemingway: „...Alle diese Gasthäuser sind weiss getüncht und sehen von aussen ordentlich und sauber aus, aber innen sind sie schmutzig, eins wie das andere. Die Bettlaken sind kurz, die Federbetten klumpig, die Matratzen hellrot, das Bier gut, der Wein schlecht. Beim Mittagessen müssen Sie vorsichtig sein und aufpassen, dass das Stück Brot, das Sie erwischen, nicht sauer ist...“
 
Das Aussehen des Wirts beschreibt Hemingway mit einem Vergleich zu einem Ochsen, und die Frau kam auch nicht gerade gut weg. Hemingway: „Seine Frau hatte ein Kamelsgesicht, genau die unverwechselbare Kopfbewegung und den Ausdruck äusserster Stupidität, die man nur bei Trampeltieren und süddeutschen Bauersfrauen beobachten kann.“
 
Das waren markante Worte eines Dichterfürsten. Übrigens habe ich Stupiditäten und Kamelsgesichter bei meinen Wanderungen nicht gesehen, auch fanden wir keine schlechten Betten vor. Im Gegenteil, alles war blitzsauber, der Wein und das Essen waren hervorragend.
 
Es hat sich offensichtlich einiges zum Vorteil verändert. Hemingway würde die Landschaft, die Gasthäuser und die Leute nicht wiedererkennen.
 
Nun noch einige eigene persönliche Beobachtungen:
 
Können Sie bezahlen?
Während unserer Wanderung auf dem Westweg von Pforzheim nach Basel (Juli 1984) wurden wir einige Male von den Wirten von oben herab behandelt. Als wir – Wanderfreund Toni, ein junger Richter (eine Zufallsbekanntschaft) und meine Wenigkeit – durchnässt im Hotel am Mummelsee ankamen, wurden wir von der Wirtin mit einem misstrauischen Blick empfangen. Sie gab uns zu verstehen, dass wir nicht so auf unsere Zimmer gehen könnten. Wir zogen die vor Nässe triefenden Anoraks aus, ebenso die durchweichten Schuhe. Dann waren wir in den Augen der Wirtin willkommen und durften unsere Zimmer aufsuchen. Als wir am Abend eine warme Mahlzeit einnahmen und auch Schankbiere genossen, gewahrte ich an der Theke eine Frau, die Bier zapfte und dabei in der Nase bohrte. Da verging so manchem Wandergesellen die Lust am Trinken.
 
In Hinterzarten wurden wir in einem Hotel von einem Kellner empfangen, der uns von oben nach unten musterte. Als wir nach freien Zimmern fragten, meinte er etwas verächtlich: „Können Sie auch bezahlen?“ Toni konnte sich nicht mehr zurückhalten und entgegnete etwas gereizt, dass wir dies könnten. Ich dachte insgeheim, wenn der wüsste, wie viel Kohle wir haben ...
 
In diesem etwas vornehmen Hotel wollten wir am Abend auch das Salatbüfett stürmen, aber es war kaum noch Salat da. Später behauptete die Frau, die Wanderer hätten den Salat verspeist. Wir sahen sehr hungrig aus. Während des Abendessens wurden wir von der Wirtin kaum eines Blickes gewürdigt. Irgendwie erwähnte Toni in einem Tischgespräch, dass ich einen Wanderbericht in der Zeitschrift „Natürlich“ oder im „Chrüteregge“ bringen werde. Dies hatte anscheinend die Dame des Hauses gehört. Am nächsten Morgen war sie so freundlich, dass man es schier nicht glauben konnte. Sie hofierte uns, so, als wollte sie alles nachholen, was sie am Vortage versäumt hatte.
 
Durchnässtes Paar
Lore Weber, Inhaberin des Landgasthofs „Am Rebhang“ in Huttingen (Markgräflerland), erzählte mir folgende Geschichte:
Eines Tages kam ein völlig durchnässtes Ehepaar in den Eingangsbereich ihrer Wirtschaft. In Höhe der Bar blieb das Pärchen stehen und sah sich um. An diesem Tag waren alle Plätze belegt. „Kommen Sie nur rein und trocknen sich ab. Wir finden schon ein Plätzchen“, bemerkte Lore. Die Frau war völlig aufgelöst und hatte Tränen in den Augen. Dann erfuhr Lore, dass das nasse Ehepaar in einer anderen Wirtschaft abgewiesen wurde, obwohl genügend freie Plätze vorhanden waren. Die Inhaber jenes gastronomischen Betriebes hatten wohl nicht begriffen, dass der Kunde König ist. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn dann die Umsätze rückläufig sind.
 
Nach der Speisung bedankten sich die beiden überschwänglich bei der Wirtin und stellten sich als Arztehepaar aus Freiburg vor.
 
Die wahre Gastfreundschaft zeigt sich dann, wenn Gäste mit ungewöhnlichem Aussehen oder völlig durchnässt eine Wirtschaft aufsuchen und freundlich hereingebeten werden.
 
Der Spruch „Kleider machen Leute“, der auf den römischen Rhetoriker und Schriftsteller Quintilian(us) zurückgeführt wird und auch Titel einer Erzählung von Gottfried Keller ist, hat noch immer seine Gültigkeit. Dennoch ist es manchmal nicht nachvollziehbar, wenn mehr auf Äusserlichkeiten geachtet wird. Das Verhalten bestimmter Wirte ist nicht rühmlich, weil man ja nicht unbedingt nach dem Äusseren beurteilen kann, ob ein Gast kapitalkräftig ist oder nicht. Ich persönlich kenne einen Millionär, der nicht gerade in feinen Klamotten herumläuft. Er sieht wie ein Penner aus. Er ist sehr sparsam und hat auch gute innere Werte.
 
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