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BLOG vom 18.04.2006


Zaghaftes Blühen: Die Suche nach dem verlorenen Frühling
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Irgendwie reicht es einfach.“ Oder: „Wir haben genug von diesem Winter.“ Oder: „Ich habe jetzt die Schnauze voll von diesem Schmuddelwetter.“ Diese oder jene Aussprüche höre ich nach diesem langen Winter fast täglich. Auch ist es mit dem „Frühlingserwachen“ (= sexuelles Erwachen) und der Frühjahrsmüdigkeit wohl noch nichts. Aber diese „Frühlingsboten“, die uns Menschen jährlich heimsuchen, können ja noch kommen.
 
In höheren Lagen des Südschwarzwalds mit seinen hohen Bergen gab es seit November jeden Tag Schnee. Am Fuss des Belchens (1414 m ü. M.) in der Nähe der Seilbahn liegen noch 90 cm Schnee, und auf dem 1493 Meter hohen Feldberg sind die Schneemassen noch gewaltiger. Und der Schnee bleibt noch lange liegen, da es bisher keinen merklichen Wärmeeinbruch gegeben hat. Für Skifahrer ist diese weisse Landschaft natürlich ein Paradies. Es kommen sogar Urlauber aus dem Ruhrgebiet, um die Abhänge mit ihren Skiern hinunterzusausen.
 
Für Wanderer ist die „weisse Pracht“ eine Horrorvorstellung. Wer will schon im tiefen Schnee den Wanderweg suchen! Aber es gibt jetzt eine Möglichkeit für den ungeduldigen Wanderer, der den Frühling herbeisehnt: Er kann sich Schneeschuhe ausleihen, diese überstreifen und sich auf die Piste machen. Vielfach dürfte die Sicht jedoch „vernebelt“ und die Freude durch Schneetreiben und unangenehme Windböen getrübt sein. Aber einem „angefressenen“ Scheeschuhläufer dürfte dies nichts ausmachen.
 
In diesen tristen, nassen Apriltagen rufe ich mir immer wieder einen Vierzeiler aus dem Werk „Die Sehnsucht nach dem Frühling“ von Hoffmann von Fallersleben (1798−1874) in Erinnerung:
„Schöner Frühling, komm doch wieder,/ Lieber Frühling, komm doch bald! Bring uns Blumen, Laub und Lieder,/ Schmücke wieder Feld und Wald!“
 
Begegnung mit Frühlingsboten
Als ich am Ostersamstag, dem 15. April 2006, mit Toni Fitting eine Wanderung im schneefreien Markgräflerland unternahm, war ich auf der Suche nach dem verlorenen Frühling. Ich hielt Ausschau nach früh blühenden Pflanzen. Von grün knospenden Blättern der Bäume sah man nur wenig, dafür hob sich das zarte Grün der Wiesen von der sonst grauen Landschaft ab. Aber dann kam doch Freude auf: Am Wegrand entdeckte ich einige Frühlingsboten. Es waren 8 Pflanzen an der Zahl, die sich vorsichtig aus dem Laubboden herauswanden. Auf den Wiesen entdeckte ich nur wenige Gänseblümchen, am Wegrand waren die Schlüsselblume, der Huflattich, das schöne Lungenkraut und Scharbockskraut sichtbar. Auch sah man junge Brennnesseln hervorspriessen. Erfreut war ich auch, als ich unter den kahlen Bäumen Bestände des Bingelkrauts und das weisse Blütenmeer der Buschwindröschen entdeckte. Mir wurde warm ums Herz. Waren dies die Vorboten eines Frühlings? Kaum waren mir diese Gedanken gekommen, fing es zu regnen an, und der Regen begleitete uns dann die restlichen 2/3 des Wegs. Triefend nass, trotz Regenschutzjacke und Haube, erreichten wir bei diesem tristen Wetter unser Auto. Da vergingen uns jegliche Frühlingsgefühle.
 
Zu Hause vertiefte ich mich in diverse Bücher, um Interessantes über die Pflanzen, denen wir begegnet sind, zu erfahren. Hier meine Ausbeute:
 
Vom Pinkelkraut zum Eselschrut
Das Bingelkraut wird auch Pinkelkraut genannt, da es früher gegen Wassersucht und zur Wundbehandlung verwendet wurde. In der Homöopathie wird das Kraut bei einer ausbleibenden Regelblutung verordnet.
 
Wenn uns das Rheuma plagt, dann ist die Brennnessel ein gutes Mittel. Eine heroische Massnahme war das Schlagen mit Brennnesseln bei Ischias, Hexenschuss, Rheuma und Gicht. Auch heute noch schwören so manche Rheumatiker auf diese Methode. Sie sind überzeugt, dass durch diese Reiztherapie ihre Schmerzen nachlassen.
 
Frische junge Blätter, die wir auf unserer Wanderung sahen, sind Bestandteile einer Frühjahrskur. Sie liefern einen vorzüglichen Salat.
 
Manche schwören auf den Brennnesselblätter-Tee und den Brennesselwurzel-Tee bei Kopfschuppen, fettem Haar und Haarausfall.
 
Die Brennnesselsamen bringen müde, leistungsschwache und vergessliche Menschen (besonders Männer!) wieder auf Touren. Der Brennnesselwurzel-Extrakt schliesslich ist hilfreich bei Prostataerkrankungen.
 
Noch etwas zum Volks- und Aberglauben: Wenn die Brennnesseln sehr hoch wachsen, dann folgt ein strenger Winter. Hatten Brennnesselblätter schon im Frühjahr Löcher, dann drohte Hagel. Auch glaubte man, dass eine Brennnessel eingehe, wenn sie mit dem Harn einer unfruchtbaren Frau begossen wird. Brennnesselsamen soll die Männer sexuell anregen und Frauen fruchtbar machen. Als ich dies während eines Vortrags erwähnte und mich versprach (ich sagte „furchtbar“), da hatte ich die Lacher auf meiner Seite, auch bemerkte ich ein zustimmendes Nicken bei den anwesenden Männern.
 
Das Buschwindröschen ist keine Heilpflanze. Es enthält die Gifte Anemonin und Protoanemonin. Woher der Name „Windröschen“ kommt, ist nicht genau bekannt. Er weist vielleicht darauf hin, dass bei manchen Arten der Gattung die Blüten durch den Wind entblättert werden.
 
Das Gänseblümchen mit den schönen Namen „Massliebchen“ und „Tausendschön“ ist sehr robust. Es verträgt bei trockener Luft Temperaturen um minus 15° C. Das Blütenkörbchen schliesst sich bei feuchter Witterung und auch nachts. Es dreht sich meistens nach der Sonne.
 
Das Gänseblümchen wird vereinzelt zu Heilzwecken genutzt. Der Tee wird für Umschläge bei schlecht heilenden Wunden oder Hautausschlägen und zur „Blutreinigung“ verwendet. Aber auch so manches besondere Süppchen lässt sich aus der Pflanze zaubern. Ein Rezept ist in meinem Buch „Arnika und Frauenwohl“ aufgeführt.
 
Der Huflattich, auch Eselschrut genannt, ist eines der besten Hustenmittel. Die Huflattichblätter dienten in Notzeiten als Tabakersatz. So stellten beispielsweise die Wallonen schon seit alten Zeiten einen Tabak aus gebrochenen, gedörrten und fermentierten Huflattichblättern her.
 
Die „ungleichen Schwestern“
Das zu den Borretschgewächsen gehörende Lungenkraut wurde früher bei Lungenkrankheiten angewandt. Dies hängt mit der Signaturlehre zusammen. Die breit-lanzettlichen, gefleckten Blätter erinnern nämlich an das menschliche Lungengewebe. Die Pflanze ist nur noch in der Volksmedizin als schwach reizlinderndes und auswurfförderndes Hustenmittel bedeutungsvoll.
 
Volksnamen sind u.a. Fleckenkraut, Güggeli (Baden), blaue Schlüsselblume, Königsstiefel, Annemirl. Wegen der verschiedenen Blüten – zuerst rot, dann violett – heisst das Lungenkraut auch „Ungleiche Schwestern“, „Adam und Eva“, „Tag und Nacht“, „Hänsel und Gretel“ und „Vater- und Mutterschüsseli“.
 
Vitamin C in der Feigwurz
Die ganz jungen Blätter des Scharbockskrauts, auch Feigwurz genannt, eignen sich im Frühling als Salat. Die Pflanze wurde früher zur Bekämpfung der Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut („Scharbock“) verwendet. Die Blätter enthalten nämlich eine gehörige Portion Vitamin C. Nach der Blüte weist die Pflanze allerdings auch das giftige Protoanemonin auf.
 
Wenn uns der Husten plagt
Die Schlüsselblume (Waldprimel, Himmelsschlüssel, Schlüsseli, Osterblüemli, Heiratsschlüssel) war früher ein Fruchtbarkeitsmittel, auch wurde sie bei Heirats- und Hochzeitsbräuchen verwendet und entfaltete eine dämonenabwehrende Kraft.
 
Der Tee oder die Tinktur aus der Blüte und Wurzel sind hilfreiche Mittel bei Husten und Bronchitis. In der Volksmedizin wird der Tee bei Migräne, Nervenschmerzen, Gicht und Rheuma genutzt.
 
Da die Bestände unserer Schlüsselblume infolge der Düngung u. a. sehr stark zurückgegangen sind, sollte man nur dort die Wurzeln sammeln, wo noch sehr viele Pflanzen wachsen. Für das Sammeln der Wurzeln braucht man in Deutschland jedoch eine Genehmigung vom Landratsamt.
 
Nach diesen Frühlingsvorboten am Wegrand muss es doch endlich Frühling werden. Die Hoffnung gebe ich nicht auf.
 
Abschliessend einige passende (tröstende) Worte von Emanuel Geibel (1815–1854). In seinen Gedichten „Hoffnung“ können wir Folgendes lesen:
„Und dräut der Winter noch so sehr / Mit trotzigen Gebärden / Und streut er Eis und Schnee umher, / Es muss doch Frühling werden.“
 
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