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BLOG vom 05.06.2006


Denkschablonen, die den Freiheiten im Wege stehen
Autorin: Rita Lorenzetti
 
Ich weiss nicht, liegt es an meiner selbstständigen Natur, dass ich mich daran störe, dass sich viele Mitmenschen jene Freiheiten nicht nehmen, die ihnen zustehen.
 
Viele Vorschriften sind nur eingeflüstert oder eingebildet, hemmen den Einfallsreichtum und die Kreativität. Sie sind keineswegs zwingend. Man könnte sie auch Anregungen nennen.
 
Beispiele dazu: Ich entdecke an einem Kleiderständer am Limmatquai in Zürich eine flaschengrüne Baumwollbluse, die mir sofort gefällt. Ich nehme sie vom Ständer und probiere sie im Laden an. Der Schnitt überzeugt mich dann aber doch nicht. Die Halsweite ist zu gross für meinen mageren Hals. Die elegant gekleidete Verkäuferin stellt mir den Kragen auf, damit der Hals etwas umschmeichelt sei und die Bluse mehr Effekt habe. Ich mag aber solche künstliche Korrekturen nicht, die beim leisesten Wind wieder umfallen. Und als ich noch sage: „Ich bin Velofahrerin. Da erübrigen sich solche Korrekturen“, ist sie entsetzt.
 
„Waaas! Mit einer solchen Bluse wollen Sie Velo fahren?“
 „Aber sicher.“
 „Nein!“
 
Velofahren kann man nach ihrer Ansicht nur in so genannt sportlicher, windschlüpfriger Kleidung.
 
Aus der Kabine nebenan aber bekomme ich einen Zuspruch. „Ich bin auch mit dem Velo da“, ruft eine Frau, die gerade ein schönes Seidenkleid anprobiert. Sie zwinkert mir zu.
 
Eine halbe Stunde später erlebe ich etwas Ähnliches auf dem Gemüsemarkt: Da wird klein geschnittenes Gemüse (Karotten, Lauch, Sellerie) angeboten. Es ist so frisch, dass es gar noch nicht wissen kann, dass es nicht mehr in der Erde liegt. Es animiert mich, einen Langkornreis zuzubereiten und dieses Gemüse mitzukochen. Schon beginnen die Säfte in meinem Mund zu fliessen. Ich lobe das Angebot, und der Produzent meint, ja, diese Mischung sei für vieles brauchbar.
 
„Das ist doch Suppengemüse!“ ruft jemand von hinten.
 
Schrecklich! Wie eng und öde ist ein solches Leben und Arbeiten, wo der Einfallsreichtum ausgesperrt ist, wo Normen und Rezepte das Mass aller Dinge und Kontrollen sind. Wer darf denn da überhaupt noch etwas erfinden?
 
Sind die Erlebnisse typisch schweizerisch? Nur zu 50 %, denn die Verkäuferin im Kleiderladen war eine Dame aus Osteuropa.
 
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