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BLOG vom 24.06.2006


Denken und Schreiben: Zutaten für Buchstabensuppen
Autor: Emil Baschnonga
 
Der Briefwechsel zwischen Maja Petzold und Walter Hess in den „Reaktionen auf Blogs (37)“ haben mir etliches zu denken gegeben. Dank Sigmund Freud weiss ich, dass es ein psychopathologisches Versagen gibt, ob frisch vom Mund oder in Texten. Erst dank Maja Petzold habe ich den neuen Begriff „Legasthenie“ entdeckt und verstanden.
 
Wenn meine Hände auf der Tastatur verrutschen, kommt es leicht zum Buchstabensalat, besonders wenn meine Augen vom Bildschirm losgelöst durchs Fenster über die Baumwipfel schweifen, während ich blindlings weitertippe. Dann erkenne ich meinen Text nicht wieder und lösche ihn kurzerhand. Beim 2. Anlauf ist er oft besser als im 1.
 
Der Fehlerteufel treibt auch mit mir seinen Spass. Er ärgert mich wie eine hartnäckige Fliege oder Wespe. Aber im Textatelier.com habe ich zum Glück viele gute Verbündete im Kampf gegen diesen Störenfried. Die Buchstaben blinzeln mir nachher vergnügt zu: „Siehst du, jetzt sitzen wir richtig!“
 
Müsste ich den Text auf eine Kupferplatte ätzen oder gar in Stein hauen, blieben mir viele selbst verschuldete Fehler erspart. Aber das ist Schwerarbeit und würgte die Schreiblust ab. Mein Denkhebel wäre dann auf Null gestellt.
 
Joseph, ein ehemaliger Berufskollege, klebte beharrlich an seiner fixen Idee, dass man hinter dem PC nicht zugleich schreiben und denken könne. Da er als Leiter des Informationszentrums einer Grossfirma mir eigentlich als Mitarbeiter zugewiesen wurde, jedoch die Rolle als mein Auftragsgeber annahm, musste ich mich in seiner Gegenwart an sein Diktum halten und zuerst handschriftliche Entwürfe aufs Papier bringen. Das raubte mir viel Zeit, was deshalb erschwerend war, weil die Studie innert Tagen fix und fertig vorliegen musste. Joseph hatte Argusaugen und stöberte geniesserisch jeden noch so kleinen Schnitzer meinerseits auf. Hätte er keinen gefunden, wäre er höchst verärgert gewesen! Es kam so weit, dass ich einige Fehlerchen einstreute, damit er seine Salzlecke hatte. Unsere Zusammenarbeit gedieh und erstreckte sich über viele Jahre. Mein Brotkorb blieb voll. Danke, Joseph.
 
Wie ich diesen Text auf meinem PC verfasse, bin ich heidenfroh, dass ich laufend korrigieren, Wörter ersetzen oder streichen, Paragraphen einfügen kann usf. Wie oft musste ich doch hinter meiner alten Schreibmaschine ein halb beschriebenes Blatt unter der Walze hervorrupfen und zerknüllen. Rücklings landete mein Geschoss zielsicher im Papierkorb in der Ecke hinten rechts. Viel weisse Tunke oder Korrekturstreifen verunstalteten das Œuvre. Also rasch davon eine Fotokopie machen, ehe ich den Text auf die Post geben konnte. Somit gehört auch das E-Mail eindeutig zu den Wohltaten, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.
 
Der Drucker spuckt viel Makulatur aus. Die leeren Rückseiten bekritzle ich kreuz und quer mit Stichwörtern. Gedankenknospen nenne ich sie. Ausser mir kann niemand meine Sudelschrift lesen. Dabei ist mein Denkhebel so hoch gestellt, wie es mein Denkkasten zulässt. Der Fadenschlag ist im Kopf.
 
Aphorismen gedeihen bei mir nicht am PC. Sie überfallen mich, wo immer ich bin – selbst im Bett. In diesem Augenblick muss ich sie haschen, sonst entfliegen sie. Ein Fetzen Papier genügt dazu.
 
Bei zeitkritischen Essays, die ich meistens munter zu tippen beginne, muss ich immer wieder innehalten, um im Internet – ein herrliches Arbeitsinstrument – Pollen zu sammeln, die meine Aussage unterstützen. Das Zusammenspiel zwischen Schreiben und Recherchieren bedeutet, dass ich letzteres im 1. Gang betreibe, ehe ich wieder eine Wegstrecke Text im 4. Gang befahren kann. Dieses Hin und Her macht Spass und verfeinert den Gedankengang von Paragraph zu Paragraph.
 
Bei Kurzgeschichten kommt das Schwungrad der Fantasie ins Spiel. Ich fühle mich dabei wie im 7. Himmel. Die Gedanken jagen einander, und ich muss aufpassen, dass sich der Druckfehlerteufel nicht ins Fäustchen lacht. Noch ganz im Bann der Geschichte, fällt es mir nachher schwer, meine Schnitzer auszuwetzen.
 
Jetzt haben wir ja die Salatzeit. Warum nicht einen Buchstabensalat anrichten? Nur darf man diesen keinem Leser auftischen. Und kommt der Winter, ist die Buchstabensuppe auf dem Menü. Bewahre mich meine Muse vor solchen Gerichten!
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema „Schreiben“
06.02.2005: „Die unsägliche Mühe mit der Ich-Form"
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