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BLOG vom 24.07.2006


Vom Staunen und Stauen: Der Eiger bleibt uns erhalten
Autor: Walter Hess
 
Nachdem ich in den letzten Tage diverse Medienberichte gelesen, gehört oder gesehen hatte, machte sich in mir der Eindruck breit, der ganze Eiger falle in sich zusammen, weil sich der Permafrost in seinem Innern auflöst, der Hitze als Folge der Klimaänderung wegen. Die vergangenen Tage waren für unser Empfinden in der Klimazone, die einst als gemässigt bezeichnet wurde, gerade unerträglich heiss gewesen, und so schien es angezeigt zu sein, in der Nähe der kühlenden Eismeere zu Füssen und in der Nachbarschaft des Eigermassivs einen eigen Augenschein zu nehmen.
 
So fuhren wir also am Freitagmorgen, 21. Juli 2006, Richtung Bern – Thun – Interlaken und dann das Lütschental hinauf, der Schwarzen Lütschine entlang, ein wilder grau-brauner Fluss, der viel Wasser führte, viel Schwung hatte und kräftige Wirbel bildete – Gletschermilch sozusagen in ihrer vitalen Gestalt. In Grindelwald, wo üppige Geranien die Châlet-Fassaden dekorieren, pressten wir uns unterhalb der Kirche in die Luftseilbahn zur Pfingstegg (www.pfingstegg.ch), wo uns am Billettschalter noch ein Päckchen mit 10 Papiertaschentüchern in die Hand gedrückt wurde, nachdem sich der Beamte versichert hatte, dass wir uns ins Felssturzgebiet begeben würden (Kosten der Retourfahrt inkl. Taschentücher: 17 CHF). Die Höhe zwischen 1028 und 1391 m ü.M. war in der sanft wiegenden Kabine mühelos zu überwinden. Von der Pfingstegg aus geniesst man einen faszinierenden Einblick in den weit ausladenden und intensiv im Heimatstil bebauten Grindelwalder Talkessel. Man weiss dort offensichtlich noch, was man der Schweizer Bautradition schuldig ist.
 
Es war etwa 10.30 Uhr, als wir zum Fussmarsch zur Bäregg starteten, ein anspruchsloser, angenehmer und einwandfrei gesicherter Wanderweg am Mättenberg-Westhang (Mettenberg), der zuerst durch Wald und dann, oberhalb der Waldgrenze, in offenem Auf und Ab vis-à-vis der Eiger-Ostflanke entlangführt und eine faszinierend urwüchsige Gebirgslandschaft erschliesst. Der letzte Teil vor der Bäregg windet sich zunehmend steiler bergaufwärts. Der Bergwanderweg wird dort zu einer Treppe, deren Stirnseite verwitterte, gekrümmte Äste von Bergbäumen bilden, die mit Eisenrohren im harten Boden stabilisiert und mit einzelnen Bergblumenbouquets wunderbar dekoriert sind. Mir und meinen Fussgelenken gefallen solche unregelmässigen Treppen.
 
Die Wanderdauer zwischen Pfingstegg und Bäregg wird am Ausgangspunkt mit 1 h 20 Minuten angegeben. Doch brauchte ich wesentlich länger, weil ich immer wieder zum Beobachten und Fotografieren anhielt, unterwegs ein über einen Felsen rinnendes  Quellwasser genoss, eine kühlende Delikatesse voller Vitalität mit belebendem Rechtsspin. Die meisten der Wanderer mit ihren Walkingstöcken gingen achtlos vorbei, genossen dieses Lebensmittel Nummer 1 nicht. Ich kann so etwas nicht verstehen. Wie lange ich unterwegs war, weiss ich nicht; ich hatte keine Uhr mitgenommen.
 
Noch bevor der Weg zum neu gebauten Bergrestaurant „Bäregg“ anzusteigen beginnt (das alte musste wegen der Abrutschgefahr verlassen und entfernt werden), entdeckt man Staub aus Geröll über der Schlucht, welche die Weisse Lütschine auf ihrem Weg nach Grindelwald (und weiter zum Brienzersee) tief ins felsige Gelände hineingefressen hat und in deren Tiefen der unterste Teil des Unteren Eigergletschers schlummert beziehungsweise im Moment gerade auftaut. Der Geröllstaub ist ein Indiz dafür, dass man sich der Felsabsturzstelle im Gebiet Schlosslauenen nähert, wo in unregelmässigen Abständen ein mehr oder weniger gewaltiges Grollen zu hören ist. Dann tritt Staub aus einer der zahlreichen Spalten, und manchmal sieht man Gesteinsbrocken, Splitter und Steinmehl in die Tiefe donnern, rutschen oder schweben.
 
Im Vergleich zur Wucht des Eigers mit seiner 3970 m Höhe über Meer, der zusammen mit Mönch und Jungfrau das Gesicht des Berner Oberlands (Jungfrauregion) zeichnet, ist die Rutschstelle hier, an der Ostflanke, doch sehr bescheiden, um nicht zu sagen marginal. Ich hatte mir diese nach unten und von der Wand weg rutschende Felsmasse wesentlich umfangreicher vorgestellt. 2 Millionen Kubikmeter sollen es schätzungsweise sein; ich weiss es nicht. Das Volumen ist schwer zu bestimmen, besonders wenn man die Verhältnisse unten, wo sich noch die Gletscherreste befinden, nicht kennt.
 
Unter dieser Bergnase aus brüchigem Malmkalk, in die etwas Bewegung gekommen ist, befindet sich noch Gletschereis (Unterer Grindelwaldgletscher), das vom Wanderweg aus nicht zu sehen ist und jetzt schmilzt. Dadurch verliert das auf ihn abgestützte Gestein sein Fundament, seinen Halt, seine Verankerung.
 
Wenige Tage vorher, am Donnerstag, 13. Juli 2006, hatte bereits die etwa 30 m hohe Felsnadel, die so genannte „Madonna“, ihr Gleichgewicht verloren und war in die Tiefe gestürzt; da hatten sich offenbar alle Schutzengel aus dem Staub gemacht. Tags darauf folgten ihr dann etwa ein Drittel gelockerten Steinmaterials (500 000 bis 700 000 Tonnen) in die Tiefe. Und selbstverständlich hofft jeder Tourist, der sich hierhin begibt, das Naturschauspiel eines grossen Absturzes live verfolgen zu können – ich eingeschlossen. Aber die Felsnase, die locker vor der Eiger-Ostflanke herübergrüsste und sich gelegentlich mit der Absonderung kleiner Staubwolken räusperte, hatte wenig Einsicht. Wie immer: Die Natur hat und lässt sich Zeit. Als wieder einmal ein verheissungsvolles Rappeln zu hören war, kam bloss ein roter Helikopter angeflogen, ein Inspektions-, vielleicht ein Flug für eine Fernsehstation. Wir gaben auf; nur die Laser-Überwachung ging weiter.
 
Felsstürze gehören seit je zu den Bergen, wie die überall herumliegenden Brocken und Schuttkegel belegen. Und es ist umstritten, ob sich Abbrüche und Gesteinslockerungen zu Zeiten der Abkühlung oder in jenen der Erwärmung häufiger einstellen. Ist es sehr kalt, sprengt das zu Eis gewordene Wasser die Felsen, ergibt sich aber eine Erwärmung, ergeben sich andere Stabilitätsverhältnisse im Inneren der Felsen, wenn darin der Permafrost wohnt. Man könnte somit sagen, dass Berge immer einen Grund für Bergstürze finden, zumal die Erde der Schwerkraft wegen ohnehin die Tendenz hat, sich einzuebnen. Berge sind nicht statisch, sondern lebendig, und das „ewige Eis“ verdient seinen Namen unter den aktuellen Bedingungen ebenfalls längst nicht mehr. Es ist sehr vergänglich geworden.
 
Von den momentanen Abbröckelungen auf der Eiger-Ostseite geht keinerlei Gefahr aus: Das Material, das sich bereits gelöst hat und allmählich in die Tiefe rutscht oder fällt, findet unten genügend Platz. Ein Sicherheitsproblem für Grindelwald und das Lütschental könnte sich allerdings ergeben, wenn die abgestürzten Felsmassen den Wasserabfluss verhindern sollten, sich das Wasser also aufstaut und vielleicht, wenn der Druck zu gross geworden ist, aufs Mal die Staustufe durchbricht.
 
Solch ein Aufstau, der zum grünlich-grauen See geworden ist, hat sich unterhalb jenes eisigen, wild zerklüfteten und im Licht bläulich schimmernden Abhangs ergeben, wo sich der Untere Grindelwaldgletscher und der sich nach Westen ausbreitende Fieschergletscher vereinigen. Auf das Dahinschmelzen des Eismeers (so bezeichnen die Grindelwalder die Landschaft hinter dem Eiger) weisen zahlreiche Bäche beweiskräftig hin. Und das ist kein Wunder. Ich habe gestaunt, dass es in der Bäregg oben, 1775 über Meer, um die Mittagszeit richtig heiss war.
 
Inmitten des erwähnten Gletscherabhangs ist ein grosser dunkelgrauer Fels zu sehen, der nie von Eis bedeckt ist und deshalb „heisse Platte“ („Heissi Blatta") genannt werde, wie mir ein ortskundiger Alpinist aus Grindelwald sagte. Wieso ist dieser Fels so warm? Ein Speicherofen? Niemand hat die Antwort. In der Landeskarte der Schweiz 1:25 000 (Blatt 1229) ist diese „Blatta" eingezeichnet.
 
Wir wanderten, umgeben von einer hochalpinen Kulisse mit all ihrem Unergründlichen gemütlich zur Pfingstegg zurück, warfen einen letzten Blick zur Felsbruchstelle, von wo uns eine kleine Staubwolke zuwinkte, liessen uns noch einmal vom Eiger beeindrucken, dessen Besteigen mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint. Wir schwebten dann lautlos dem Touristenort Grindelwald entgegen, folgten der wilden Lütschine talabwärts, liessen uns vom Blau des Thunersees beruhigen und hatten, wieder im Unterland angekommen, das Gefühl, einen reichen, unvergesslichen Tag erlebt zu haben.
 
Als ich am Abend daheim unter der Pergola neben dem Garagendach las, hörte ich ein bedrohliches Grollen. Ein unreifer Klarapfel hatte sich vom Baum, der das Dach überragt, gelöst, rollte übers Schrägdach, überwand den Kännel und traf mich genau auf dem Kopf. Meine Frau kugelte sich vor Lachen.
 
Das sind die Apfelstürze, die wir hier unten zu bieten haben. Man überlebt diese auch ohne Helm. Jedenfalls vermute ich, dass ich keinen Dachschaden davongetragen habe. Andernfalls bitte ich Blog-Leserinen und -Leser um entsprechende Hinweise aufgrund von Indizien.
 
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