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BLOG vom 25.08.2006


Bally-Park Schönenwerd: Erholungsraum für Schuhmacher
Autor: Walter Hess
 
Von den Bally-Schuhfabriken in Schönenwerd im solothurnischen Niederamt ist nach der globalisierungs-bedingten Verwüstung der Traditionsindustrie nicht mehr viel übrig geblieben. Weitab vom ehemaligen Stammsitz gibt es heute noch die Bally Shoe Factories Ltd. Die Bauten des ehemaligen, von Karl Franz Bally (1821−1899) begründeten Hauptplatzes der Schuhindustrie in Schönenwerd blieben der Nachwelt erhalten; sie sind anderen Nutzungen, vor allem kleingewerblichen Nutzungen, zugeführt. An einer Hallentür liest man „Bally Transport AG“ – und hier wird lebhaft gefuhrwerkt. Zudem gibt es in Schönenwerd in der Villa Felsgarten noch das Bally-Schuh-Museum.
 
Schönenwerd bedeutete einst Bally; im hier domizilierten Hauptgeschäft und in anderen Bally-Fabriken fanden im 2. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts rund 7000 Personen Arbeit. Schönenwerd war eines der blühendsten Industriedörfer des Landes; die Lederindustrie zog viele Gewerbebetriebe und Einwohner an. Selbst aus Biberstein AG, wo ich wohne, nahmen Einwohner den Weg nach Aarau, wo es ebenfall eine Ballyfabrik gab, und weiter nach Schönenwerd auf sich, um in der Schuhfabrik arbeiten und verdienen zu können. Hier wurden hochwertige Damen- und Herrenschuhe und Leder-Accessoires hergestellt.
 
1977, nach einem Intermezzo mit Werner K. Rey, zog sich die Gründerfamilie Bally aus dem Unternehmen zurück, und es folgte eine turbulente Zeit. Der Rüstungskonzern Oerlikon-Bührle (der zu Unaxis wurde und 2006 zu OC Oerlikon zurückbuchstabiert wurde; OC bedeutet Oerlikon Contraves, eine Tochter des Konzerns) erwarb die Aktienmehrheit (97 %). Die Zeiten waren unstet, eben flexibel. Die Manager schauten nur zunehmend noch auf den Börsenkurs und hatten keine Visionen, keine Weitsicht mehr; die Neoliberalisierung nach US-Muster brach an, der auch der Bührle-Konzern in seiner angestammten Ausprägung zum Opfer fiel, wie unendlich viele andere Traditionsfirmen auch.
 
Zunehmend kamen Billigschuhe aus aller Welt auf den Markt, und das qualitätsbewusste Bally-Unternehmen konnte preislich nicht mithalten, auch wenn die Schuhe ihr Geld wert waren. Die Wegwerfgesellschaft schaute mehr auf den Preis denn auf die Qualität. Bally musste neben anderen Fabriken auch das Stammhaus in Schönenwerd schliessen. Und Oerlikon-Bührle verkaufte seine Anteile 1999 an die US-Investmentgesellschaft Texas Pacific Group; die Schönenwerder Bally-Geschichte war 2000 definitiv beendet. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich jetzt in Caslano TI. Die klassische Globalisierungsgeschichte bis hin zur Endstation USA.
 
Aber ein bemerkenswertes, lebendig gebliebenes Überbleibsel gibt es noch: den Bally-Park, der vom Schweizer Heimatschutz zu den schönsten Gärten und Parks der Schweiz gezählt wird, und dies durchaus zu Recht. Dieser längliche Park zwischen der Bahnlinie Aarau−Olten und der Aare am westlichen Ausgang der Gemeinde Schönenwerd ist von Karl (Carl) Franz Bally 1868 höchstpersönlich initiiert worden, um seinen Mitarbeitern einen Ort der Ruhe, der Kunsterlebnisse und der Bildung bieten zu können. Darin gibt es stehende und fliessende Gewässer – unter Einbezug der Aare und der umliegenden Bauten wie des grossen, 1919 im Stil des Neuklassizismus erbauten Kosthauses, dieses von Karl Moser entworfenen ehemaligen Arbeiterwohnhauses. Dabei wurde nicht gespart. Das noble Gebäude hat einen palastähnlichen Charakter. Zwischen den Fensterreihen mit den Rundbögen im leicht erhöhten Erdgeschoss blühten bei meinem Besuch am 16. August 2006 gerade die Glyzinien.
 
Der Bally-Park ist eine Kombination aus einer englischen Parklandschaft und einem geometrischen Architekturgarten, der durch allerlei Attraktionen belebt ist. Besonders auffallend sind das nach 1888 errichtete miniaturisierte Pfahlbaudorf, Lehmbauten mit Schilfdächern im Massstab 1:2., sodann die Zyklopenbrücke im Arboretum, die Steinbrücke, die den grossen Weiher vom Schlittschuhweiher trennt, künstlich angelegte Felsformationen und eine ebensolche Grotte mit Aussichtskanzel sowie der chinesische Pavillon. Sogar ein Fruchtspeicher aus Gränichen (aus dem Jahr 1588) hat 1910 dort eine Zufluchtsstätte gefunden. Das Wegnetz bestand ursprünglich aus rotem Ziegelschrot, heute aus Mergel. Koniferen, Birken, Thuyabäume, Eiben, ein riesiger Mammutbaum usf. werden zu einer gewaltigen Kulisse.
 
Seit 2001 ist der Ballypark im Besitz der Gemeinden Schönenwerd, Gretzenbach und Niedergösgen SO. Nach wie vor ist diese zum Volksgarten gewordene idealisierte Landschaft jedermann jederzeit frei zugänglich, und ein Besuch ist sehr zu empfehlen. Die umfangreiche Anlage bietet Ruhe, Beschaulichkeit und viele Fotomotive, besonders im Herbst.
 
Während meines Besuches fotografierte am Ende einer Halbinsel auf der Höhe des Chinapavillons ein Werbefotograf gerade ein weibliches Model mit langem blondem Haar, dessen Körper ausschliesslich aus Muskelpaketen zu bestehen schien. Die Dame aus dem Bodybuilding-Studio trug einen gelben Slip und hielt einen kirschroten Schirm, umgeben von üppiger Natur. Mir persönlich gefiel die letztere besser.
 
Andere Zeiten, andere Parknutzungsbedürfnisse. Die Schuhmacher gibt es dort nicht mehr, aber die Erinnerung an eine verflossene Zeit, die mich nachdenklich gestimmt hat. Der exotische Park ist eine herkömmliche Form von Virtualität, ein Fantasiegebilde, das zu einer neuen Wirklichkeit geworden ist. Vor allem aber beweist er, wie die alten Unternehmer-Persönlichkeiten noch eine soziale Verantwortung verspürten und einen stattlichen Teil ihres Gewinns und auch ihrer Kraft an die Mitarbeiter zurückgaben, die es gut haben und aus einer Stimmung des Wohlbefindens heraus am Arbeitsplatz beflügelt werden sollten.
 
Dieses Verantwortungsbewusstsein, auch wenn es vielleicht nicht vollkommen uneigennützig war, ist in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Altar der rein profitorientierten Globalisierung geschlachtet worden. Die Mitarbeitertreue (und die damit verbundene Erfahrung) wurden unter dem Modewort Flexibilität begraben. Kantinen, welche die Arbeiter mit gesunder, währschafter Kost oft weit unter dem Einstandspreis versorgten, wurden grösstenteils kommerzialisiert oder abgeschafft. Die Arbeiterschaft, die einst geschätzt war und sich in existenzieller Sicherheit fühlen durfte, wurde als lästige Shareholder-value-Vernichterin empfunden und musste, wenn immer möglich, wegrationalisiert werden. Die Börsianer jubeln, wenn wieder ein paar hundert Stellen gestrichen werden. Und nach US-Vorbild schaut das ebenfalls auswechselbar gewordene Management häufig (es gibt auch Ausnahmen) vor allem noch aufs eigene Wohlergehen. Die Globalisierung wird zum Vorwand für unmoralisches Verhalten, das allgemein akzeptiert ist. Und selbst Arbeiterführer fallen auf jeden Globalisierungsunfug herein: unerlässliche Strukturbereinigung. Vor allem die Denkstrukturen müssten endlich bereinigt werden.
 
Die Parkanlagen werden von den modernen Managern beim eigenen Haus angelegt und sind nicht mehr frei zugänglich. Dafür haben wir jetzt die Globalisierung und ihr mit Schund gefülltes Füllhorn aus Hartplastik, das sie grosszügig über die Einheitsmenschheit ausschüttet und ihnen zu Spottpreisen andreht.
 
Unter solchen Prämissen sind Naturräume und Parkanlagen dringender denn je, damit man wieder zu etwas Gelassenheit finden kann.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte von Walter Hess
06.06.2005: „Was mich auf der Fahrt durch Deutschland beeindruckt hat“
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