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BLOG vom 20.09.2006


Tessin-Reise (1): Ins steinreiche, wilde Maggiatal bis Fusio
Autor: Walter Hess
 
Das Maggiatal ist von einem ungestümen Wildbach, der Maggia, moduliert und gezeichnet. Er hat dieses zweitgrösste der Tessiner Täler (parallel zum Haupttal des Tessin, dem Leventinatal, ebenfalls mit Nord-Süd-Verlauf) in einer unendlichen Geduldsarbeit gemeisselt und poliert, eine grandiose Bildhauerarbeit. Die kleineren Seitentäler (Valle di Campo, Valle di Bosco, Val Bavona, Valle di Prato und Valle di Peccia) bieten ebenfalls Motive für ganze Bilderbücher. Auch die Menschen haben hier ihre Spuren hinterlassen; deren Geschichte begegnet dem aufmerksamen Besucher auf Schritt und Tritt. Vor allem die Römer waren da, hatten sich hier niedergelassen; in Locarno besassen sie ein Zentrum. In Cevio (wo es heute ein Maggiatal-Museum gibt) residierten die Hochadelsfamilie Visconti aus Mailand und später plündernde Vögte aus den Kantonen der Eidgenossenschaft. Im 12. Jahrhundert erhielten die Gemeinden eine Art Selbstverwaltung. Das Walliserische, Bündnerische und Tessinerische vermischen sich hier, auch wenn sich alle heutigen Maggia-Anwohner als Tessiner empfinden. Das „Buon Giorno“ ist dort der typische Gruss. Eine Ausnahme macht Bosco Gurin als einzige deutschsprachige Gemeinde des Tessins (in Cevio nach links abbiegen).
 
Natur und Kultur
Die Naturszenerie mit ihren Felshängen, Tälern und Labyrinthen ist durch viele Dörfer mit ebenso vielen markanten Kirchen ergänzt. Die traditionellen Bauwerke sind grau, wetterfest; Steine gab es immer mehr als genug. Die Gotteshäuser akzentuieren die Siedlungsbilder, weisen auf die einstige Macht der römisch-katholischen Kirche hin, und ich sehe sie lieber aus Distanz als aus der Nähe. Kastanienbäume, Rebpflanzungen (bis nach Cevio) und Steinbrüche gehören zur Tessiner Eigenart wie ein herber Nostrano zu gerösteten Kastanien in einem Grotto. Die Kastanien fallen gerade von den Bäumen; sie sind noch verpackt und sehen wie kleine lindengrüne Igel aus. Auch Eichen, Birken, Weisstannen, Fichten und Lärchen wachsen in dieser Gegend, wo die Berge zusammenrücken, manchmal sogar aus Felsen heraus, wie es scheint, oder über Felsbrocken hinweg. Ganz oben, wo die Strasse aufhört, ist Fusio förmlich an den Fels geklebt. Wir hätten viel mehr Zeit einplanen müssen, um alles gründlich genug zu erforschen, in uns aufzunehmen.
 
Maggiatalbahn auf Zeit
1907 wurde eine elektrische Schmalspurbahn (1000 mm) ins Maggiatal eröffnet, die über 27,5 km von Locarno bis nach Bignasco führte, dem letzten Ort des eigentlichen Maggiatals. Die Fahrt mit „La Valmaggina“ dauerte etwas mehr als eine Stunde. Schneller als 45 km/h durfte nicht gefahren werden. Da ich 1955 und 1956 insgesamt 38 Wochen in Losone Militärdienst leistete, habe ich das sich langsam um Hindernisse windende, im Fensterbereich weiss und unten blau gestrichene Bähnchen oft gesehen, vor allem im Bereich der Felsenromantik an der schmalen Eingangspforte zum Maggiatal mit der alten, einbogigen Römerbrücke in Ponte Brolla. Dort, in der Maggiaschlucht im sperrigen Moränenzug, zischt und schäumt und gurgelt die Maggia in einem wunderbar geformten, unterschwemmten Felsbett mit Erosionsmühlen und Strudellöchern, an dem ich mich niemals sattsehen kann. Hier macht ein kleiner, zu Kapriolen aufgelegter Fluss kurz vor dem Ziel seine Luftsprünge und Salti.
 
Bis Ponte Brolla benützte die Maggiatalbahn dasselbe Trasse wie die Centovallibahn, schwenkte dort aber nach Norden ins Maggiatal ab. Sie berührte Avengno, kreuzte sich einige Male mit der Talstrasse, erreichte Gordevio, umrundete den Kirchhügel von Maggia halbwegs und fuhr via Coglio, Giumaglio, Someo und Visletto über Cevio zur Endstation Bignasco. Dieses ist ein typisches Tessinerdorf, heimelig und felsenfest dastehend (443 m ü.M.), dessen Bevölkerungszahl bei etwa 300 Personen stagniert und sich seit 1980 (250) sogar vergrössert hat. Die Ausnahme. Alte gebogene Brücken führen über die Bavona und die Maggia, die sich hier vereinigen.
 
Die Bahn diente nicht nur dem Personen-, sondern auch dem Granittransport. Am 28. November 1965 wurde ihr Betrieb eingestellt, nachdem die Strassenkonkurrenz ihr die Existenzgrundlagen entzogen hatte. Die Bahn wurde durch Autobusse ersetzt. Das Tal hat bis dorthin nur eine geringe, regelmässige Steigung; es ist breit genug, um der Maggia Platz zum Mäandrieren zu geben.
 
Das untere Maggiatal hat seinen herkömmlichen Charme schon etwas eingebüsst. Die traditionellen Steinhäuser mit den Steindächern an den Schuttkegelhängen oberhalb der weiss schäumenden Maggia (keltisch: „Leukera“), die scheinbar unverrückbar in der Landschaft stehen und förmlich aus ihr herausgewachsen waren, haben modernere Konkurrenz erhalten, die weit weniger ästhetische Ansprüche befriedigen. Es sind Zweckbauten ohne Bezug zur Landschaft und ihren Materialien, eine oft unordentlich scheinende, wenig erbauliche Vermischung. Die schlanken Kirchtürme, die wie Mahnfinger dastehen, scheinen von den moderneren Architekten nicht ernst genommen worden zu sein. Das Dorf Maggia mit dem Kopfsteinpflaster und dem Brunnen im Dorfzentrum hat den Reiz des Ursprünglichen wenigstens noch zum Teil erhalten können, auch wegen der Kirche der Madonna delle Grazie, die als bedeutendster alter Sakralbau des Tals gilt.
 
Das Val Lavizzara
Die Moderne hat sich nur sehr zaghaft in die Bergwelt hinauf gewagt. Folgt man auf der schmalen, gut geteerten Strasse nach Bignasco dem Maggialauf (ins Val Lavizzara) bis nach Fusio, wird die Fahrt abenteuerlicher, besonders im letzten Teil. Der Pizzo Barone war hinter ein paar Schleierwolken ins Sonnenlicht getaucht. Die schlichte, schön proportionierte Kirche Santa Maria Lauretana in Broglio mit ihrem gestaffelten Kirchschiff und dem zugespitzten Steindach auf dem rechteckigen Turm hat mich beeindruckt.
 
Der Name des Tals, Lavizzara, beruht auf dem Lavezstein (eine talkige Sandsteinart), der früher zu Geschirr verarbeitet wurde. Die alpine Strasse windet sich in engen Serpentinen an den Felsen aus grauem Gneis empor. Felsen, Steine und Bäume prägen das unzugängliche Gebiet. Für Bauzwecke ideal sind vor allem der feinkörnige Granit (Beola Grigia, ein grauer Paragneis) und ein grobkörniger, weisser Marmor (vor allem aus Peccia), Gesteine, aus denen der Architekt Mario Botta in Mogno (letztes Dorf vor Fusio) eine moderne, mit Eisen und Glas überdeckte Kirche errichtet hat; ein nach oben verlaufendes Fenster mit Verstrebungen symbolisiert eine aufstrebende Himmelsleiter.
 
In Fusio ist alles eng, kompakt, verwinkelt, ein eindrückliches Dorf mit knapp 40 Einwohnern. Und weiter oben thront die riesige Staumauer von Sambuco, die den Lago de Sambuco auf 1461 m ü.M. entstehen liess und der als Ausgleichsbecken die Wildheit der Maggia bändigte. Die heftigen Überschwemmungen wie in früheren Zeiten kennt man kaum noch. Über hochalpine Routen kann das Valle Leventina erreicht werden.
 
Stein und Strom
Steinbrüche und die Maggia-Kraftwerke sind die wichtigsten Arbeitgeber im stillen Tal, und Touristen kommen zum Glück auch. Im Übrigen bietet besonders das obere Maggiatal wenig Existenzmöglichkeiten; viele Menschen sind in die Tessiner Städte oder früher ins Ausland abgewandert, ein seit Jahrhunderten zu beobachtender Trend. Vor allem ältere Menschen aber bleiben ihrer Heimat treu. Die Zahl ungenutzter, dem Zerfall preisgegebener Gebäude steigt. Wo sind die Nordländer, die ihr Geld in schöne Steinmauern investieren möchten?
 
Diese herbe Welt ist abgelegen. Von der Maggia-Mündung, diesem ausladenden in den Lago Maggiore hinausgewachsenen Schwemmdelta , bis hinauf nach Fusio sind 1035 Höhenmeter zu überwinden (254 bis 1289 m über Meer). Die höchste Stelle der Tälerwelt an der Maggia ist der Basodinogletscher, rund 3000 m über dem Taleingang.
 
Wir hatten die Talschaften nach schweren Regenwettern am 15. September 2006 erkundet und erhielten bei frisch gereinigter Luft einen Eindruck von den Naturkräften, die in diesem Gebiet wirken, das nicht für zarte Gemüter geschaffen ist. Der Soladinofall vis-à-vis von Roveo (zwischen Visletto und Someo mit der 340 m langen Hängebrücke) zerstäubte sich nach den Sprüngen über die Felsen im freien Fall.
 
Das weiss Schäumende ist dem eindrücklichen Tal mit seinen wilden Wassern und den harten Steinen erhalten geblieben.
 
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