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BLOG vom 21.09.2006


Tessin-Reise (2): Rundfahrt um den langen Lago Maggiore
Autor: Walter Hess
 
Vom Kraftort „Sass da Grüm“ oberhalb von San Nazzaro (resp. Vairano) öffnet sich ein befreiender Blick auf den Lago Maggiore (Langensee, der im italienischen Teil auch Lago Verbano genannt wird), vor allem auf Locarno und Ascona. In der Abenddämmerung und nachts ist dort ein dichtes Raster aus Lichtpunkten zu bewundern, das sich hangaufwärts auflöst. Locarnos Hausberg, die Cima della Trosa (1869 m ü. M.), weist gegen einen dunkelblauen Nachthimmel, dem unendlichen, lichten Dach über einer imposanten Kulisse.
 
Am Samstagmorgen, 16. September 2006, stiegen wir durch den regennassen Waldweg, vorbei an Kastanienbäumen, Knollenblätterpilzen und lack-glänzenden, gelb dekorierten Feuersalamandern, die den nächtlichen Regen genossen hatten, zum Parkplatz am Ende des asphaltierten Strässchens hinunter. Wir wollten eine Fahrt rund um den 66 km langen und bis zu 10 km breiten Langensee im Uhrzeigersinn unternehmen. Der See liegt zu 4 Fünfteln auf italienischem Gebiet, und das war denn auch der tiefere Grund für diesen Ausflug: ein Drang nach lockerer Italianità (italienischer Wesens- und Lebensart) hatte sich bei mir gemeldet.
 
Linksufrig nach Süden
Nach dem Passieren des Zolls in Scaiano spürten wir sogleich diese andere Mentalität: rostige, verbeulte Strassenabschrankungen, tropfende Tunnels – und dann, vor Luino, der schönste Rastplatz, den wir je gesehen haben: Felsen, Nischen, Natursteinmauern, Bänke und Tische aus schönem rötlichem Naturstein, Wege aus Holzschwellen und mit Blick hinüber nach Cannero Riviera auf der anderen Seeseite.
 
In Luino fanden wir zu unserer Überraschung ohne weiteres einen freien Parkplatz; doch las ich zum Glück ein kleines Plakat, das eine Manifestazione (eine Protestkundgebung) ankündigte und das Parkieren bis 12.30 Uhr verbot. Da sich unsere Begeisterung für Kundgebungen irgendwelcher Art gerade in Grenzen hielt, reisten wir gegen Süden weiter, über Germignaga, Laveno, Ispra, Ranco, Angera bis nach Sesto Calende. Diese Strecke ist wenig attraktiv, meistens weit von den Gestaden des Südzipfels des Lago Maggiore entfernt, die ländliche Lombardei.
 
In Laveno-Mombello tätigten wir in der Umgebung der Piazza Matteotti einige Einkäufe: Käsespezialitäten (wovon eine aus 3 verschiedenen Milchsorten), lokale Weine und Grappa „Vigno Alta“, Salami und Mortadella in durchsichtigen Scheiben. Auf Keramik, die hier produziert wird, verzichteten wir, da ohnehin bereits alle unsere Schränke überquellen. Das Einkaufen in Italien ist ein erfrischendes Erlebnis; die Stimmung ist immer angeregt, heiter, Spässe sind willkommen. Die Preise haben wir als anständig erlebt.
 
Im kulturell vielgestaltigen Sesto Calende (Provinz Varese) am Ausfluss des Lago Maggiore (der Fluss heisst wieder Ticino) war die Zeit für eine Mittagspause angekommen, bevor wir uns über die Doppelstockbrücke (Ticinobrücke) nach Westen auf die andere Seeseite begaben. Die Strasse befindet sich auf halber Höhe des mächtigen Fachwerkträgers; ein Stockwerk tiefer, auf der Untergurtebene, rattern die Züge.
 
Rechtsufrig nach Norden
Der nächste bedeutende Ort ist Arona mit seinen Alleen, Parks, Villen und Palästen; hier wurde der heilig gesprochene Karl (Carlo) Borromäus geboren, dessen Namen man in dieser piemontesischen Gegend häufig begegnet – aber das war lange vor unserer Ankunft: 1538. Er war ein Inquisitor, ein Kämpfer gegen den Protestantismus (Gegenreformation), liess die Protestanten bis ins Engadin verfolgen, setzte sich aber auch für mehr Ethik in der katholischen Kirche ein. Das drängte sich gebieterisch auf. Die Borromeo waren eine bedeutende italienische Adelsfamilie mit dem Einhorn als Wappentier, dem Symbol für Mut und Kraft; sie stellte Bankiers, Offiziere und Politiker, und sie gingen nutzbringende Heiraten ein, ein Filz auf höchster Ebene.
 
Die Fahrt am rechten Seeufer nordwärts ist ein Erlebnis. Die Strasse bleibt in Seenähe und gibt immer wieder Ausblicke über den See frei; auf die parallel dazu verlaufende Autobahn 33 mit den vielen Tunnels wollten wir uns nicht abdrängen lassen. Über Nebbiuno und das liebreizende Lesa erreicht man Stresa – mit Blick zu den Borromäischen Inseln (die schiffsförmige Isola Bella als Musterexemplar italienischer Gartenbaukunst mit Terrassen und die Isola Madre, ein englischer Garten mit exotischen Pflanzen). Sie werden von der Tourismusindustrie mit Berechtigung als „Perlen des Lago Maggiore“ vermarktet; nur die Isola San Giovanni ist in Privatbesitz.
 
Stresa ist eine luxuriöse Stadt mit dem Grand Hotel „Des Iles Borromees“, das 1863 im Stil des Deuxième Empire erbaut wurde und wo man sich im Doppelzimmer zwischen 3200 und 10 500 Euro (Gesamtpreis) wie ein König fühlen kann. Schon allein seine mit Balkonen, Lampen, Ziergittern und Blumen geschmückte Fassade ist ein Fest fürs Auge, es ist ein nationales Geschichtsdokument, vom Kulturministerium (Ministerio per i Beni e le Attività Culturali) anerkannt. In Stresa mit seiner gepflegten Uferpromenade spielt übrigens auch ein Teil von Ernest Hemingways Roman „In einem anderen Land“.
 
Der See hat nördlich von Stresa seine breite Ausstülpung nach Osten, die man umfährt und dann in Verbania (Fusionsprodukt aus Intra und Pallanza) anlangt. Die Stadt mit ihren rund 30 000 Einwohnern liegt in einer Bucht am Südhang des Monte Rosso, hat dadurch ein mildes Klima und ist als Kurort bekannt. Die Strasse gegen die Schweizer Grenze verläuft anschliessend in unmittelbarer Seenähe über Giffa, Cannero Riviera und Cannobio. Dort, am Fusse des Monte Giove, war ein Kaffee im malerischen Hafengebiet fällig.
 
Auch diese Gemeinde Cannobio war eine Zeitlang im Machtbereich der Visconti und Borromeo (siehe auch Italien-Reise 1: Maggiatal) – um diese Namen kommt man mit dem besten Willen nicht herum. Im Hafenbereich gibt es unter anderem Läden mit einem riesigen Metallwarenangebot; dort kauften wir eine gegossene Glocke mit kräftigem Ton, die unser elektrisches Geläut ersetzen soll; der Klöppel wird mit einer Kette in Bewegung gesetzt. Ein Beitrag zum Stromsparen, dachten wir ... und zu Hause angekommen, erwies sie sich als zu leise ...).
 
In Cannobio zweigt die Strasse ab, welche durch das Valle Cannobio und dann durch das Valle Vigezzo nach Domodossola führt. Doch wir verliessen das Piemont bei (der) Madonna di Ponte, kehrten in die Sonnenstube Tessin zurück, die allen Wetterfehlprognosen zum Trotze ihrem Namen Ehre machte. Wir warfen noch einen Blick hinüber zu den Brissago-Inseln und nach Ascona und liessen uns vom Navigationssystem willfährig in den Mappo-Moriettina einschleusen, den 5518 m langen Tunnel, welcher seit 1996 der Umfahrung von Locarno dient.
 
Unbändiger Kulturwille
Die Magadinobene (Bolle di Magadino) ist mit Ausnahme des Naturreservats im Ticino-Delta am See, ein lebendiges Sumpfgebiet mit markierten Wanderwegen (Informationen: www.gambarognoturismo.ch), zu einem vermaisten Intensivlandwirtschaftsgebiet mit vielen Treibhäusern verkommen. Bald danach stiegen wir am frühen Abend oberhalb von Vairano zum Albergo Sass da Grüm auf – im Bewusstsein, endlich eine Ahnung davon zu haben, was das ist, der Lago Maggiore in seiner ganzen Ausdehnung: Ein grosser, langer, breiter und auf italienischem Gebiet dünn besiedelter See mit bescheidenem Schiffsverkehr und einem lieblichen Ufergelände, sanften Bergformen und viel Sehenswertem auf allen Seiten, das aus einem unbändigen Menschenfleiss und Kulturwillen entstanden ist.
 
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