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BLOG vom 04.10.2006


Anmut, Armut, Tumult: Neapel gesehen und überlebt ...
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Eben habe ich erstmals Neapel besucht und dort, zusammen mit meiner Frau, 4 Tage verbracht. „Neapel sehen und sterben“, heisst ein oft zitierter Ausspruch. Wir haben Neapel gesehen und überlebt. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Verkehrstumult ist lebensgefährlich. Wer sich nicht sofort auf die neapolitanische Lebensart einspielt, wird es nicht wagen, die Strasse zu überqueren.
 
Gambrinus
Diese turbulente Stadt lockt viel Touristen an: Japaner in Gruppen, Amerikaner, Deutsche, Schweizer, Franzosen und viele Norditaliener. Der stadtbekannte Treffpunkt heisst Gambrinus, nach dem Schutzheiligen des Biers so benannt, der sich jedoch dort zum Kaffeeprinz des gleichnamigen prunkvollen Kaffeehauses aus dem 19. Jahrhundert im Zentrum verwandelt hat. Gambrinus findet jeder Tourist auf Anhieb, so auch wir, ohne Wegbeschreibung. Wir machten dort viele Kaffeepausen, um uns vom Tumult der Stadt zu erholen, Gedanken zu sammeln und uns zum nächsten „Feldzug“ durchs Gässchengewirr zu rüsten.
 
Sant’Elmo
Absichtlich sehe ich davon ab, einen Reisebericht herkömmlicher Art zu schreiben. Vielmehr skizziere ich hier einige meiner kreuz und quer durchmischten Eindrücke und beginne mit der Seilbahn, die uns spätnachmittags annähernd zum Castel Sant’Elmo hinauf hisste, gefolgt von einem Aufstieg zu Fuss bis zu den Zinnen dieser wuchtigen Zitadelle aus dem 14. Jahrhundert. Sant’Elmo beherrscht Neapel. Eine bessere Aussicht rundum über Neapel gibt es nicht. Dank dieses Überblicks aus der Höhe gewann ich meine Fixpunkte zum Hafen, zu den wichtigsten Piazzi, zur Galleria Umberto I, zum Museo Archeologico Nazionale und anderen Sehenswürdigkeiten, die ich ins Visier genommen hatte. Diese Fixpunkte ersetzten mir weitgehend das fortwährende Nachschlagen im Stadtplan.
 
Osteria de Toledo
Natürlich strebten wir nachher, wie es sich gehört, wiederum dem Gambrinus zu und hörten uns plötzlich angerufen. Soraya und David, liebe Bekannte aus Wimbledon, sassen dort auf dem Vorplatz. Sie würden heute noch mit dem letzten Flug nach London abfliegen, erfuhren wir. David, ein anerkannter Feinschmecker und Hobbykoch, wurde unser Pfadfinder zu seinem bevorzugten Esslokal Osteria de Toledo im spanischen Quartier der Altstadt. Der Wirt und die Wirtin begrüssten ihn und Soraya wie alte Freunde. So waren wir dort bestens eingeführt und aufgehoben und genossen unser Vitello Marsala und Fruta del Mar (Meeresfrüchte) in Pasta eingebettet mitsamt den süsslich-fruchtigen Tomaten aus der Umgebung des Vesuvs.
 
Wer annimmt, dass es in Neapel nur so von gediegenen Esslokalen wimmle, täuscht sich. In den vielen kleinen Lokalen verdirbt sich der ahnungslose Tourist leicht den Magen, denn die Hygiene lässt zu wünschen übrig. Nur die abgehärteten Mägen der Einheimischen sind gegen Durchfall gefeit. Dank David blieben wir davon verschont.
 
Der Spaziergang zum Bahnhof
Gut gesättigt drängte sich uns ein Verdauungsspaziergang Richtung Bahnhof förmlich auf, ein weiterer Fixpunkt, den ich mir gemerkt hatte. Die Strasse zum Hauptbahnhof, von verwahrlosten Gebäuden umfasst, wurde immer schmutziger. Wir fühlten uns zunehmend in der fast menschenleeren, dunklen Strasse bedroht. Lily presste ihre Handtasche eng an sich, und ich knöpfte die Hosentasche mit dem Geld zu. David, das hatten wir mitgekriegt, trug wegen der vielen Taschendiebe, die besonders in Neapel ihr Unwesen treiben, nicht einmal eine Armbanduhr. Ich selbst trug eine alte am Handgelenk. Meine Absicht, noch ein Bier beim Bahnhof zu trinken, verflog im Nu. Tagscheues Gesindel lungerte überall herum. Fortzu wurde ich um Zigaretten angebettelt. Wir entkamen im Taxi diesem trostlos schäbigen Umfeld des Bahnhofs und erreichten erleichtert das Holiday Inn.
 
Centro Direzionale
Zwar habe ich allgemein wenig fürs Holiday Inn übrig, aber ich ergatterte übers Internet ein preiswertes Angebot mit Flug und Hotel. Kaum waren wir im Hotel, ergoss sich eine Flut von Japanern in den Empfangsraum. Das Hotel ist ein 22-stöckiger Klotz, mitten im Centro Direzionale – eine „Pariser La Défense-Imitation“, voller Windkanäle zwischen den Bürohochbauten. Wahrscheinlich hat die EU zum Aufbau dieses Zentrums beigetragen, die einzige augenfällige Veränderung in Neapel. Kaum erbaut, beginnt dieses Zentrum schon zu verlottern: Marmorumschalungen bröckeln ab, und Fussgängerfliesen sind teilweise geborsten. Die Mauern halten als Notizblöcke hin und werden bald wie anderswo von Graffiti verschmiert sein. Auf einem Platz spielten Kinder Fussball. Eine Schar von Müttern und Kleinkinder stauten sich vor dem McDonald’s an der Ecke.
 
Die verwahrlosten Strassen, die sich unter der Fussgängerebene durchschlängeln, sind links und rechts von Plakaten überklebt, reichlich aus der Sprühdose besprenkelt und dicht von sorglos parkierten Autos eingedämmt. Gleich neben dem Zentrum sind viele billig erbaute Wohnkasernen hochgeschossen: Ein weiteres Elendsviertel ist entstanden. Immerhin war unser Zimmer geräumig und sauber und von keinem Strassenlärm beeinträchtigt.
 
„American?“ fragte uns die Serviertochter, als wir anderntags im Frühstücksraum Platz nahmen. „Nein“, antwortete meine Frau geistesgegenwärtig „Svizzero“. Wirklich ich hätte lieber einen Schweizer Milchkaffee als den amerikanischen Kaffeeaufguss gehabt.
 
Inzwischen wurde mit dem Ausbau der U-Bahn begonnen. Die riesigen Baustellen der neuen Metro-Stationen bringen den dichten Verkehr noch mehr ins Stocken.
 
Canzoni di Napoli
Einst mochten die berühmten Canzoni di Napoli das Ohr unterwegs durch die Stadt erfreut haben. Heute herrschen ein ohrenbetäubendes Hupkonzert und ein ununterbrochenes Geknatter von Motorrädern vor. Ich glaube, dass die Neapolitaner ihre eigene Hupensprache entwickelt haben in der Art von Morsesignalen: Dreimal kurz einmal lang = Vorsicht ich komme; dreimal lang = Halte mich nicht auf; zweimal kurz = Biege ja nicht in meine Fahrbahn; dreimal kurz = Troll dich! Ich springe zur Seite … Andere Verkehrsregeln gibt es kaum.
 
Kinderspiel beim Museo Archeologica
Wie ich beim Museo Archeologica um die Mittagszeit feststellen konnte, überqueren die Schulkinder zum Spass die Strasse am liebsten bei Rotlicht. Gegen sie sind die Autofahrer machtlos, denn eine grössere Sünde, als ein Kind zu überfahren, gibt es nicht. Eine Ambulanz nach der anderen bricht sich bei diesem Museum eine Bresche durch den Verkehr. Ich nehme an, dass dort in der Nähe das Stadtspital ist. Dass es viel kracht und splittert, sieht man den verbeulten Autos an.
 
Verpasste Festivale
Leider fehlte uns die Zeit, beim Palazzo Reale das Festival der Canzone Napoletano aufzusuchen. Ausserdem war unsere Rückreise nach London am Vortag der berühmten Nottebianca Napoli, ein Riesenfest, dem wir sehr gerne beigewohnt hätten unter dem ansprechenden Motto il mediterraneo − mare di cultura. Nach einiger Suche fanden wir zum Trost unsere Kassette von neapolitanischen Liedern, worunter unvermeidlich O sole Mio, Funiculi Funiculà, Santa Lucia Luntana. Diese werden an einem kalten Londoner Herbstabend unser Gemüt erwärmen, so sehr, dass wir sagen: Neapel ist doch eine wunderbare Stadt!
 
Frohsinn überkommt Armut
In der Hafenstadt Neapel gibt es viel Armut, doch sie erdrückt keineswegs den temperamentvollen Frohsinn und die überbordende Lebensfreude der Neapolitaner. In den engen Gässchen der Altstadt plaudern die Leute wie eh und je mit ihren Nachbarn über die Strasse hinweg und lassen ihre Wäsche an den Leinen über der Strasse trocknen.
 
Über die Mittagszeit schliessen die Läden, und der Lärm schwillt ab. Mir fehlt plötzlich das pulsierende Leben. Ich kann kaum warten, bis die Stadt zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags endlich wieder erwacht.
 
Streifzüge zu Fuss
Endlich ist es soweit, und wir biegen gleich um die Ecke des Gambrinus in die Via Chiaia ein – die Bond Street von Neapel, wo sich Luxusgeschäfte aneinander reihen und kund tun, dass es auch in Neapel reiche Leute gibt. Unterhaltsamer finde ich die lang gestreckten Strassenzüge des Corso Vitt. Emanuelo oder der Via Toledo, gesäumt von Strassenhändlern aus Afrika, die ihre Markenimitationen (Ledertaschen, Gürtel, Brillen und Uhren) feilbieten.
 
Galleria Umberto 1
Nicht nur die imposante Architektur der Galleria Umberto I verlockt uns immer wieder in die Galerie, um das riesige Glaskuppeldach zu bestaunen und die vielen Marmorskulpturen zu bewundern, sondern auch um in der Konditorei beim Haupteingang ein bisschen „dolce vita“ mit Gebäck zu geniessen.
 
Dort sass ich am Ende des Tages, auf Lily wartend, trank meinen Capuccino und schaute dem Treiben zu. Ein bedauernswerter Bettler sass unweit von mir, auf Almosen harrend, auf dem Boden. Durch seinen vom Stoff teils abgedeckten Unterleib sah ich, dass seine Beine vom Knie abwärts amputiert waren. Ich traute meinen Augen nicht, wie er sich zum Feierabend anschickend, den Stoff wegzog und langsam nicht nur 1, sondern 2 Beine zum Vorschein brachte, sie ausstreckte und die Waden massierte. Etwas wackelig erhob er sich schliesslich und humpelte davon. Deswegen allein hätte er ein zusätzliches Almosen von mir verdient.
 
Baukunst: Hochschauen
Der Besucher darf in Neapel kein Florenz erwarten, denn die Bauwerke sind hinter abbröckelndemn Fassadenputz versteckt und viel weniger grandios gestriegelt als in Florenz. Dennoch liess ich meine Augen emporschweifen und entdeckte dabei viele hochstrebende, mit Marmorskulpturen verzierte Portale. Viel besser als auf die Ledertaschen der Strassenhändler tiefzublicken.
 
Vesuv und Pompeij
Über die Nacht hatte sich ein gewaltiges Gewitter entladen. Pompeji war heute unser Ausflugsziel. Ich hatte mich ungeduldig darauf gefreut, jedes Mal, wenn ich bei der Bucht von Neapel den Doppelkrater des Vesuvs sah. Dieser Vulkan ist nicht erloschen. Früher waren die Hänge dicht besiedelt, heute sind sie menschenleer und von Bäumen und Gebüsch überwachsen.
 
Eine Seilbahn, 1890 erbaut, führte einst zum Krater hoch und wurde im Lied Funiculi Funiculà besungen. 1906 hat sie der Lavastrom weggefegt. Der Ausbruch von 79 n. u. Z. hat Pompeij, Herculaneum und anderen Orten, nach jahrhundertlanger Ruhe, mit der Gluthitze der Lavaströme und Aschenregen zerstört und zugedeckt. Im 18. Jahrhundert begannen die Ausgrabungen, und sie dauern bis auf den heutigen Tag an. Die Strassen sind freigelegt, Häuserüberreste säumen die Strassen. Silberschätze wurden aus den Untergeschossen der Häuser gehoben, Fresken und Mosaik restauriert. Es war mein Glück, dass ich diese einzigartigen Silberschmiedarbeiten in der Sonderausstellung Argenti a Pompei am Nachmittag besichtigen konnte. Eine Holztruhe, von Lava verkohlt, barg unbeschädigte Silberschalen, Essgeschirr, Besteck und Prunkbecher eines Patriziers. Ein anderer Bürger versuchte umsonst, mit seinen Schätzen in Binsengeflecht gewickelt zu entkommen.
 
Viele wissbegierige Besucher scharten sich um die Führer und zottelten folgsam hinter ihnen her. Ohne mich ihnen anzuschliessen, konnte ich da und dort innehalten und mithorchen, und erfuhr allerlei bald auf Deutsch, Englisch oder Französisch. Einer der Führer trat sehr pompös auf, lobte seine Gruppe und teilte ihr sehr autoritär mit, dass er bald in dieser, bald in einer anderen Bewandtnis eine von Historikern abweichende Ansicht vertrete. Der Wichtigtuer. Wieder ein anderer war ein alter Brummbär, der auf schlechtem Deutsch ein junges Fräulein, das seine Erklärungen störte, anschnaubte: „Ich bin ein alter Sack, und du bist ein junger Sack – also unterbreche mich nicht mehr!“
 
Nachdem ich während mehr als 2 Stunden so viel von den Ruinen besichtigt hatte als meine Augen tanken konnten, bemerkte ich, dass der gestrige Regen viel Staub und Erde weggespült hatte. Ohne das archäologische Museum zu berauben, sammelte ich etliche Scherben, den Henkelteil einer Amphora und das Bruchstück einer Römerschraube. Diese werde ich allesamt in Mörtel an der Patiowand zur Erinnerung an Pompeij stecken …
 
Pompeij selbst ist ein netter kleiner Ort für Touristen, wo wir nach langem Marsch unseren Hunger in einem Strassenkaffee mit einer Pizza stillen konnten. Auf der Rückfahrt im Zug hatte ich reichlich Gelegenheit, die Graffiti-Attentate der ganzen Strecke entlang an mir vorbeirollen zu lassen. Schade, dass diese Frevler keine Freskenmaler sind.
 
Capri capricioso
Unser letzter Ausflug galt Capri an einem Nieselregentag. Nach kurzer Überfahrt erreichten wir die Marina Grande dieser grünen und blütenreichen Ferieninsel, etwa 6 km lang und bis zu 2,8 km breit. Zum 2. Mal fuhren wir mit der Seilbahn hoch in den Ort mit Ausblick auf die Bucht von Neapel. Zu sehen gab es wenig, ausser Touristen.
 
Die Insel gehörte zuerst den Griechen, gefolgt von Phöniziern. Der Kaiser Tiberius liess sich dort 12 Villen bauen, worunter die Villa Jovis. Im Mittelalter bezogen die Schwaben die Insel, gefolgt von Spaniern und Franzosen. Die Insel mag gewiss sehr schön sein und das Klima äusserst angenehm, doch Capri selbst ist voller Touristenläden, an denen ich bloss vorüber gehe. Wenn es regnet und sonst wenig zu sehen gibt, bin ich immer sehr froh, etwas Gutes zu essen – frisch zubereitete Meeresfrüchte im Restaurant Apri’s. Wir kamen mit einer älteren Dame am Nebentisch ins Gespräch, die allein in Italien herumreiste – ausgerechnet eine Elsässerin aus Strassburg. Wir entkamen der gesprächigen Dame, da wir das Schiff zur Rückfahrt nach Neapel nicht verpassen wollten. Die Marina war dicht gestopft von Luxusyachten. So weiss ich, wem heute diese Insel gehört − den dicht Gestopften.
 
Royal Air Force
Eine Gruppe von britischen Air Force Leuten betrat das Hotelfoyer. Eine junge uniformierte Dame betrat nach uns den Lift. Sie müsse sich nur rasch umziehen, denn es gehe weiter zu einer Übung, beantwortete sie meine Frage. Leider war die Liftfahrt zu kurz, um mehr über den Grund und Zweck der Übung in Neapel zu erfahren. Der Steuerzahler kann wohl nur den Kopf schütteln.
 
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