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BLOG vom 10.10.2006


Vom Nimbus, Timbre und unserem Verhältnis zum Wort
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Heute Morgen früh, als ich aus dem Bett sprang, stiessen meine Zehen nicht etwa versehentlich ans Nachttischchen, sondern ein Wort überfiel mich, das ich eigentlich niemals gebraucht habe: Nimbus. So beginne ich meine Plauderei spielerisch, abseits der Etymologie – dem Tummelfeld der Spracharchäologen –, so unterhaltsam dieses auch ist.
 
Wir alle gewinnen unsere eigenen Verhältnisse zu Wörtern, und diese Verhältnisse verändern sich teils im Lauf des Lebens. Wir haben Lieblingswörter, die wir immer wieder ins Gespräch purzeln lassen, Floskeln, unter anderen sprachlichen Eigenarten. Diese stellen wir bei anderen leichter fest als bei uns selbst. Sprechen wir abgehackt? Ergehen wir uns in sprachlicher Ornamentik? Bleiben wir mitten in Sätzen stecken? Witzeln wir ständig? Drücken wir uns ironisch oder sarkastisch aus? So gibt es nebst der Handschrift auch die persönliche Handhabe unserer Sprache, die anderen Winke über unseren geistigen Haushalt geben.
 
Nimbus. Ich bestimme jetzt mein Verhältnis zu diesem Wort. Zuerst decke ich es mit dem Duden ab: der Nebel, der die Götter umhüllt, Ruhm und Ansehen steigert; der Begriff ist sehr oft auf Künstler oder Heilige bezogen. Also ein Heiligenschein – manchmal bloss ein Anschein davon. Weihrauch, der etwas Sakrales beräuchert, umhüllt – gar verhüllt? Der Nimbus ist auch ein Deckmäntelchen, hinter dem wir uns insgeheim gefallen und damit gewandet vor anderen erkannt werden möchten.
 
Dieses Wort löst bei mir ein anderes aus: Ethos – Gesittung oder Charakter, wobei ich es dabei bewenden lasse, denn ein anderes kommt mir eben in den Sinn: Timbre.
 
Timbre ist die Klangfarbe, in der wir sprechen: schrill oder kehlig, krächzend oder wie frisch geschmiert. Wie angenehm, wenn die Wörter perlig, mit dem Brustton der Überzeugung aus der Kehle des Tischredners oder Politikers rinnen. Was er dabei meint, wird beinahe nebensächlich … Ich kann darüber einnicken oder meinen eigenen Gedanken nachhängen.
 
Wer in mehreren Sprachen schreibt, denkt und handelt, spielt auf einer Riesenorgel und kann viele Register ziehen. Das ist der Vorteil vieler Schweizer. Damit lässt sich auf anderssprachige Denkart eingehen, was den Handel und das Verständnis fördert, ob als Gastwirt oder als Korrespondent. Mehr noch beugen Fremdsprachen Missverständnissen vor und bauen Vorurteile ab.
 
Oft fehlt das treffende Wort in der eigenen Sprache, und wir übernehmen eines aus einer anderen, das die Sprachlücke füllt. Ich stelle fest, das die englische Presse mehr und mehr deutsche Wörter aufnimmt, wie etwa „Doppelgänger“. Neuerdings wird öfters unser „über“ (ohne Umlaut) einem englischen Wort vorgeschoben: uber rich – als Steigerung, die das englische Wort „over“ nicht zulässt. Die deutsche Sprache tut sich schwer, neue Ausdrücke zu schöpfen, wie etwa „Skunk“ für eine „uber strong“ (Abart von „Cannabis“ = „dope“, die als „joint“ geraucht wird). „Derogative“ Wörter wie „chav“ oder „Paki“ müssen wir umschreiben, um verstanden zu werden. „Chav“ und „Paki“ werden jetzt aufs Korn genommen, wie einst „yid“, „chink“ und „nigger“.
 
Ich selbst würde solche Wörter nie in den Mund nehmen, doch bin ich mit Walter Hess einig, dass wir wirklich keine Maulkörbe brauchen, wie in seinem Blog zur „CH-Antirassismus-Strafnorm“ (6. Oktober 2006) dargelegt.
 
Mich stört das grässliche Wort „fuck“ oder „fuck you“ sehr, wiewohl es inzwischen zur gedankenlosen Interjektion geworden ist, wie der Einschub „you know“. Wessen Verhältnis und Umgang mit Wörtern derart verroht ist, straft sich selbst, wenn er einen beleidigten Messerstecher provoziert.
 
Der Akzent. Ich kenne in England viele Leute, die eine andere Muttersprache haben und sich bemühen, ein akzentfreies Englisch zu sprechen – sei es jenes der Königin oder das „estuary English“ (eine Cockney-Abart), wie es heute bei der Themsemündung gesprochen wird. Sie haben ihren alten Pass gegen einen englischen eingetauscht und wollen als Einheimische gelten. Dieser Wechsel klingt gekünstelt und gelingt den Wenigsten. Ich bin froh und fröhlich mit meiner mundartlichen Diktion des Englischen, die ich, falls notwendig, aufdrehen kann – einfach zum Spass. Wenn ich nach so vielen Jahren in England normal spreche, tippen viele Leute auf einen irischen, skandinavischen oder holländischen Ursprung meiner Aussprache. Dann habe ich noch mehr Spass!
 
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als das Ehegelübde noch etwas galt. Jetzt, wo Ehemann oder Ehefrau wie ausgediente Autoreifen ausgewechselt werden und der Sexsport sein eigenes Vokabular gezeitigt hat, bin ich hinterwäldlerisch altmodisch geblieben. Aber deswegen bin ich noch lange nicht befugt, eine Moralpredigt zu halten.
 
Hier breche ich meine Plauderei ab. Ich danke der Sprache für ihr Verständnis.
 
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