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BLOG vom 17.10.2006


Gletscher-Exkursion 3: Grimsel und Aargletscher-Panoramen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Berge, Gletscher, Pässe: Das bedeutet Abenteuer, atemberaubende Landschaften, Ferienstimmung, aber auch Geschichte. Schon immer wurden Menschen von diesen unwirtlichen Gegenden angezogen. So lebten in der vergletscherten Region Furka−Grimsel−Susten (Kantone Uri, Wallis und Bern) schon einige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung keltische Viberer oder Uberer. Im 8. und 9. Jahrhundert wanderten die Alemannen in dieses Gebiet ein, erstellten Hofsiedlungen und später sogar kleinere Dörfer, wo der Boden genügend hergab. Der Passverkehr brachte zusätzliche Verdienstmöglichkeiten; Dichter, Maler, aber auch Heerführer, Staatsmänner und Händler passierten diese Übergänge. Säumer verrichteten ihre mühselige Arbeit, schleppten Käse und trieben Vieh aus der Innerschweiz über die Alpen und kehrten mit Reis und Wein zurück, bis sie nach der Eröffnung der Gotthardbahn arbeitslos wurden. Alte Gasthäuser und zu neuem Leben erweckte Saumpfade als Zeugen vergangener Zeiten sind bei den heutigen Touristen beliebt.
 
Das erwähnte Gebiet ist so gross, dass es sich empfiehlt, es in kleineren Etappen zu erforschen, und so wollte ich mich einmal mit der Grimsel befassen. In diesem Wort steckt die keltische Bezeichnung für Feld, was darauf zurückzuführen sein mag, dass hier in der wärmeren Jahreszeit das Vieh auf den kargen Böden weidete. Es ist auch ein herrliches, abwechslungsreiches Wandergebiet, das Ungeduldige zu Fuss oder mit dem Mountainbike durchqueren können.
 
An der Grimsel
Mein Interesse galt diesmal vor allem den Gletschern. Von der Grimselpassstrasse auf der Alpensüdseite kann man einen Blick zum Rhonegletscher werfen (siehe Blog vom 13. Oktober 2006), diesem schulbeispielhaften Lehrstück über den aktuellen Gletscherschwund, der übrigens auch die Geburtsstätte der Schweizer Glaziologie (Gletscherkunde) ist, auch wenn bereits 1552 der Humanist Sebastian Münster aus Basel in seiner „Cosmographia“ die Ergebnisse der ersten Gletschermessungen publiziert hat.
 
Der Grimselpass ist der Inbegriff eines Alpenübergangs, sozusagen der „Pass der Pässe“. Hier gibt es eine Ansammlung von 8 Stauseen, 9 Kraftwerkzentralen, das Felslabor der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), und sogar eine Erdgas-Hochdruckleitung führt hier vorbei. Bei schönem Wetter ist der Ausflugsverkehr gross – täglich fahren Tausende von Autos über die komfortabel ausgebaute Passstrasse – die ehemals „ständige Baustelle“ scheint nun etwas zur Ruhe gekommen zu sein. Im September 1986, also vor 20 Jahren, wurde die von 4,2 auf 7 m Breite ausgebaute Grimselstrasse eingeweiht. Und auf der Passhöhe warten 4 Gasthöfe auf hungrige und durstige Passanten, darunter das Familienhotel Grimsel-Blick am Totesee (2160 m ü.M.), wo sich auch die Kristallgrotte befindet. Dort sind schwarze Morione, Rosafluorite usf. und viele ausgestopfte Tiere zu sehen – eine Ansammlung der Schätze der Alpen also.
 
Auf der Panoramastrasse zum Oberaarsee
Mein Schweiz-kundiger Nachbar Walter Hächler hatte mich vor der Abreise darauf aufmerksam gemacht, dass von der Grimselpasshöhe aus eine Panoramastrasse zum Oberaarsee (2303 m ü.M.) führt, die im Einbahnverkehr befahren werden kann: zur vollen Stunde bergwärts, nach 30 Minuten jeweils zurück. Früher war diese Oberaarstrasse mautpflichtig, heute kann sie gratis befahren werden. Das war ein wirklich hervorragender Tipp. Man findet das Gebiet auf der Landeskarte 1:25 000 „Ulrichen“ rechts oben. Für mich ist schon das Studium dieser hervorragenden Werke des Bundesamts für Landestopographie in CH-3084 Wabern BE ein Erlebnis.
 
Die 6 km lange Strasse, die sich um Felsblöcke, den Flanken von Trogtälern (U-Tälern), die von Gletschern geformt worden sind, neben moorigen Gebieten windet und einige Ausweichstellen hat, bietet herrliche Ausblicke in die Welt der Berge wie dem Grossen Sidelhorn, dem Vorderen und Hinteren Zinggenstock, dem Oberaarhorn und dem Löffelhorn. Tief unten sind das Ende des Unteraargletschers und der Grimselsee zu sehen. Allzu schnell erreicht man das Berghaus Oberaar und die Staumauer des Oberaarsees, neben dem es genügend Abstellmöglichkeiten für Autos gibt.
 
Hier ist ein kleiner Teil der Grimselstrom-Erzeugungsanlagen der Kraftwerke Oberhasli AB (www.grimselstrom.ch), die auch gleich zu einer Besichtigung der Anlagen einladen, gewissermassen in die Eingeweide der Stromerzeugung mit ihren Kavernen, Schächten und Stollen. Auch eine vereinfachte Orientierungstafel über die Wasseranlagen gibt es dort, Vom rund 3 km langen Oberaarsee entwickelt das Wasser bei seinem gelenkten Abfluss 1700 m in die Tiefe jene Kraft, die es zur Elektrizitätserzeugung im grossen Stil braucht. Eine moderne, kraftwerkseigene Seilbahn gewährleistet den Zugang zu diesen Anlagen im Winter.
 
Die Aargletscher
Auf der 526 m langen Krone der 100 m hohen, 1953 erbauten Gewichtsstaumauer beginnt die Wanderung zum Gletscher. Etwas oberhalb des Oberaarsee-Nordufers kann man auf einem steinigen, etwas zerklüfteten und vielerorts nassen Weg dem Oberaargletscher zustreben. Man befindet sich hier auf dem Gebiet der bernischen Gemeinde Guttannen. Rechterhand begleitet einen die Zinggenstock-Gebirgsmauer, die sich im Vorderen und Hinteren Tierberg fortsetzt. Viele, vor allem flache, mit Flechten bezogene Gesteinsbrocken sind ein Anzeichen dafür, dass hier die Schwerkraft gelegentlich in Aktion tritt. Wir legten uns auf eine herunter gekommene flache Amphibolit-Gesteinsplatte (aus einer metamorphen Umwandlung von Basalt entstanden), genossen die Sonne und kamen steinschlagmässig ungeschoren davon.
 
Der Oberaargletscher ist etwa 5 km lang, 800 m breit und reicht bis zum Oberaarjoch (3216 m ü. M.) zwischen Oberaarhorn und Oberaarrothorn, worauf er sich in Richtung Süden hinzieht. Die Gletscherzunge reicht noch beinahe bis zum Stausee, ist aber ebenfalls im Rückzug begriffen.
 
Der Oberaargletscher gehört zur Gletschergruppe der Aargletscher in den östlichen Berner Alpen beim Finsteraarhorn, dem dominanten höchsten Gipfel der Berner Alpen (4274 m ü. M.), das je nach Blickwinkel wie ein Horn und dann wieder als finsteres Dreieck erscheint. Die Gletscherfamilie umfasst 4 Eis-Ansammlungen zwischen der Finsteraarhorngruppe und dem Haslital. Der Abfluss des Oberaargletschers bildet nach dem Oberaarsee der Oberaarbach, der zur Aare wird, in die wenig weiter unten auch das Schmelzwasser des Unteraargletschers (via Grimselsee) fliesst. Dieser Gletscher ist aus der Vereinigung von 2 höher gelegenen Eisströmen entstanden, die von den Hochtälern am Schreckhorn herabsteigen und durch den Felsgrat der Lauteraarhörner getrennt werden, nämlich des Lauteraargletschers und des Finsteraargletschers, welcher am Fuss des Finsteraarhorns vorbeizieht, das heisst diesem zu kalten Füssen verhilft.
 
Die Zeit zur Rückreise ins Unterland, vorerst durchs Haslital der uns bekannten Aare entlang, war gekommen, vorbei an der Aareschlucht, über die Rita Lorenzetti am 29. Juni 2006 berichtet hat („In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs“). Via Brünig – Luzern kehrten wir ins Aaretal, nach Biberstein, zurück. Wenn wir inskünftig von hier aus zur Aare blicken, werden wir uns jedes Mal ans gletscher- und seenreiche Grimselgebiet erinnern, an seine Gletscher und seine Panoramen – zurück also zu den Ursprüngen.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte von Walter Hess
12.10.2005: „Wo ein Bach Wiese heisst und das Lokale betont wird“
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