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BLOG vom 21.10.2006


Südtirol-Reise 3: Mit Heinrich Abraham im Felsenkeller
Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Mit atemberaubender Spannung verfolgten 1983 etwa 20 Millionen Fernsehzuschauer aus der damaligen Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich, wie ein Mann mit verbundenen Augen 20 Pflanzen durch Fühlen und Riechen zu identifizieren begann. Viele Laien, aber auch Fachleute, waren sich einig, dass dies unmöglich sei. Als der Wettkandidat jedoch mit grosser Sicherheit immer mehr Pflanzen identifizierte, darunter den Stechapfel, den Stinkenden Storchschnabel oder den Wundklee, wussten die Zuschauer, er würde es schaffen. Nur ein einziges Mal kam er ins Stocken. Aber auch diese Hürde meisterte der Pflanzenkenner bravourös. Die Freude war riesengross, als er alle 20 Pflanzen erkannte und die Wette gewonnen hatte. Dies hatte er seinem feinen Gespür und seinem immensen botanischen Wissen zu verdanken.
 
Es handelte sich um die Supershow „Wetten, dass…“, die im Mai 1983 live aus Saarbrücken übertragen wurde, und der Pflanzenkenner mit der feinen Nase war Heinrich Abraham, damals Gärtner am Biologischen Landeslabor in Leifers, unweit von Bozen (Südtirol).
 
Ich war damals von seiner Leistung so begeistert, dass ich ihn während eines Familienurlaubs in Südtirol besuchte. Wie er mir später erzählte, waren die Pflanzen 2 Tage in einen abgedunkelten Raum gebracht worden und hatten erhebliche Duftstoffmengen verloren. Aus diesem Grunde konnte er eine Pflanze nicht mehr an ihrem Duft, sondern nur an der Stängelform erkennen.
 
Lange Zeit befasste sich Heinrich Abraham mit der Anzucht und dem Anbau von seltenen alpinen Kräutern und Wildblumen. Er baute auch Indikatorpflanzen, die Umweltgifte anzeigen, und andere von den Biologen des Labors zur Untersuchung benötigte Pflanzen an.
 
Damals lernte ich auf seiner fachkundig geführten Exkursion in die „Steinerne Stadt“ unterhalb der Langkofelgruppe und auf einer weiteren Wanderung zu einem Hochmoor viel über die Problematik der alpinen Pflanzenaufzucht und über Alpenpflanzen kennen. Das war hautnah erlebte Pflanzenkunde, die jedermann begeistert hätte.
 
Dazu lernte ich die grossartige Südtiroler Gastfreundschaft kennen, durfte ein Tiroler Leibgericht (Speckknödel) und Edelrautenlikör aus der Abrahamschen Produktion kosten.
 
Da ich mich vom 4. bis 7. Oktober 2006 im Südtirol aufhielt, wollte ich unbedingt Heinrich Abraham wieder sehen. Am 5. Oktober 2006, nach dem Live-Interview beim Rai-Sender Bozen, war es so weit. Abraham holte mich freundlicherweise mit seinem Auto ab, und wir fuhren nach Leifers zum Mittagessen. Dann ging es zum Land- und Forstwirtschaftlichen Versuchszentrum Laimburg. Dort ist er als freier Mitarbeiter tätig.
 
120 Heil- und Gewürzkräuter
Während etlicher Jahre war Heinrich Abraham Vorsitzender der Südtiroler Kräuteranbauer. Der Kräuteranbau hat in Südtirol lange Tradition. Durch das günstige Klima können hier 120 verschiedene Heil- und Gewürzkräuter wachsen. Wie aus einer Notiz unter www.umwelt.bz.it zu ersehen ist, betreiben die Mitglieder ökologischen Anbau. Sie haben sich verpflichtet, strenge Anbauregeln zu befolgen. Die Produkte tragen ein Gütesiegel mit dem Aufdruck „Biologische Landwirtschaft“ („Agricoltura Biologica“).
 
Die „Vereinigung Südtiroler Kräuteranbauer“ wurde 1996 gegründet. Die gesamte Anbaufläche beträgt zurzeit 4,2 ha. 23 Betriebe betreiben den Kräuteranbau als Zuerwerb, die Vermarktung erfolgt im Abholverkauf, auf Bauernmärkten und Biofesten. Kunden sind zu 50 % italienische Urlaubsgäste, zu 25 % andere EU-Gäste und zu 25 % Einheimische.
 
Nach der Besichtigung des Versuchszentrums kaufte ich einen Abendtee, bestehend aus Melisse, Pfefferminze, Ringelblume, Malve, Kornblume, Kamille, Schafgarbe und Lavendel. Auf der Verpackung las ich Folgendes: „Die Kräuter dieser Teemischung werden auf den sonnigen Hängen des Gachhofes in Meran auf 600 m Meereshöhe nach biologischen Richtlinien angebaut, schonend getrocknet und verarbeitet.“ Da weiss man, was man hat.
 
Beachtliches Versuchszentrum
Das Land- und Forstwirtschaftliche Versuchszentrum Laimburg befindet sich unweit der Burgruine Laimburg in einer reizvollen Landschaft. Früher war das Zentrum eine reine Obst- und Weinbau-Institution. Inzwischen hat sich das Institut zu einem die gesamte Landwirtschaft umfassenden Forschungszentrum entwickelt. Das Versuchszentrum umfasst 3 Säulen, das Landwirtschaftliche Versuchswesen (Obst-, Weinbau, Pflanzenschutz, Berglandwirtschaft, Gemüse- und Zierpflanzenbau, Kellerwirtschaft, Fischzucht), die Agrikulturchemie (Boden-, Blatt-, Frucht-, Futtermittel-, Rückstandsanalysen) und die Gutsverwaltung. Leiter des Versuchszentrums ist Dr. Josef Dalla Via.
 
Das Versuchszentrum besitzt auch eine eigene Wetterstation. Es liefert für die Landwirtschaft wichtige Messdaten wie Lufttemperatur in 2 und 0,5 m Höhe, Feucht- und Trockentemperatur in 60 cm Höhe, Bodentemperatur in 20 und 50 cm Tiefe, relative Luftfeuchtigkeit, Niederschlag und Verdunstung, Sonnenscheinstunden und Globalstrahlung, Windgeschwindigkeit und Windrichtung und die Blattnassdauer.
 
Für mich von besonderem Interesse ist der biologische Anbau. Was leistet hier das Versuchszentrum? Mitarbeiter unternehmen Versuche zur Regulierung der wichtigsten Schaderreger mit für den Bioanbau zugelassenen Mitteln und Methoden. Weitere wichtige Untersuchungen: Prüfung von Sorten auf ihre Eignung für den biologischen Anbau. Ertragsregulierung und Qualitätssicherung ohne Verwendung von Phytohormonen. Düngung und Bodenpflege ohne Einsatz von synthetischen Herbiziden und Mineraldüngern, Beratung und Weiterbildung der Bio-Produzenten.
 
Im Felsenkeller
Heinrich Abraham führte mich in den riesigen Felsenkeller, der für die Öffentlichkeit nur beschränkt zugänglich ist. Er wurde Ende der 80er-Jahre in den Porphyrfelsen, der sich direkt am Versuchszentrum befindet, gesprengt. 5 Tonnen Dynamit waren nötig, um den Keller für die Lagerung von Flaschen und Fässern (Barrique-Fasskeller) zu schaffen. Ein solcher Keller eignet sich hervorragend wegen seiner natürlich-konstanten Raumtemperatur zur Lagerung von Weinen. Im Keller befindet sich auch ein riesiger Repräsentationsraum der Südtiroler Landesregierung. Der Saal dient auch zur Präsentierung von Weinen bei offiziellen Anlässen. Der Entwurf und die Gestaltung des Felsenkellers stammen vom Bozner Geometer Nori Gruber.
 
Am Eingang zum Felsenkeller befinden sich 2 bronzene Weinmusen. Sie wurden vom 2002 verstorbenen Grödner Künstler Guido Anton Muss geschaffen. Diese Figuren verkörpern die schlanke Eleganz der weissen und die sinnliche Opulenz der roten Weine.
 
Noch einige imponierende Zahlen: 2500 hl Wein werden jährlich gekeltert. Im 50 m langen und 7 m breiten Stollen im rotbraunen Porphyr befinden sich über 100 kleine Eichenholzfässer. Hier lagern die dunklen, gerbstoffbetonten Rotweine 15 bis 20 Monate. Bei der Reifung und Veredelung der Weine verändern sich die Gerbstoffe, sie werden weich, rund und samtig. Es entwickelt sich auch das Duft- und Geschmacksspektrum des Weines. Es entstehen zusätzlich rauchige, balsamische und an Vanille erinnernde Duftsorten. 2004 wurde der Felsenkeller für die Holzfasslagerung um 350 m2 erweitert.
 
Höhepunkt des Rundgangs war eine Weinverkostung. Es waren wirklich exzellente Weine. Hier die Weine, die ich kosten durfte:
 
Der Rosenmuskateller (Moscato Rosa) zeichnet sich durch einen Rosenduft aus. Er ist ein runder und opulenter Süsswein.
 
„Einen solchen Gewürztraminer hast du wohl noch nicht getrunken“, sagte Heinrich Abraham. Ich kostete, und war von dem „Gewürztraminer „Elyònd“ so begeistert, dass ich später 2 Flaschen im Verkaufsraum erstand. Dieser goldgelbe, nach Rosen, Lavendel und Zuckerfeigen duftende Wein ist opulent und ausgewogen. Weinkenner charakterisieren diesen köstlichen Tropfen so: Die angenehm begleitende Säure vermittelt Eleganz und Finesse. Als nächster folgte ein topasfarbener Süsswein, ein Sauvignon Passito „Saphir“.
 
Dann überraschte mich Heinrich Abraham mit einer Besonderheit. Er schenkte mir einen grünlich schimmernden und fruchtig, frisch und rassig schmeckenden„Versoaln“ ein. Es handelte sich hier um den weissen Tafelwein von der grössten und ältesten Weinrebe Europas. Der 350 Jahre alte Rebstock befindet sich auf dem Gelände von Schloss Katzenzungen bei Meran. Das Laubdach des Stocks umfasst 350 m2. In guten Jahren werden hier 700 kg Trauben pro Jahr gelesen.
 
Es war eine hochinteressante Exkursion in die Welt der Weine und Kellerwirtschaft. Es wurde mir hier besonders bewusst, wie viel Mühe es bereitet, einen Wein der bemerkenswerten Güte herzustellen. Für die Führung und Weinverkostung danke ich Heinrich Abraham besonders. Leicht beschwingt und heiter trat ich nach einer kurzen Besichtigung der Aussenanlagen des Versuchszentrums die „Heimreise“ zum Kloster Neustift mit dem Zug an.
 
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