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BLOG vom 26.10.2006


Namenlos: Das private „Logbook“ von James Baldwin
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Übers letzte Wochenende, ich weiss nicht wie es kam, tauchte der Name Baldwin in meinem Gedächtnis auf, James Baldwin. Ich nenne ihn nicht einen schwarzen amerikanischen Schriftsteller, sondern wie er sich selbst bezeichnete – ein „negro“, ein Neger, der glänzend und kritisch schrieb und das Elend und die Spannungen zwischen den Weissen und den Negern aufs Korn nahm zur Zeit von Martin Luther King, Kämpfer für die Rechte der Neger. Im Jahre 1968 wurde Martin Luther King ermordet..
 
Irgendwo muss ich ein Buch von ihm haben, denn seine Essays haben mich bewegt und beeindruckt. Und genau so war es. Ich habe meinem Sohn Adrian genau deswegen die Gorki-Taschenbuchausgabe „Niemand kennt mein Name“ vor vielen Jahren geschenkt. Wenn er uns das nächste Mal besucht, werde ich ihn fragen, ob er es gelesen habe. Ich fand das Buch in seinem Büchergestell ordentlich eingereiht. Dieses Buch wurde Anfang 1960 geschrieben und zehrt von seinem 10-jährigen Aufenthalt in Europe – in Paris, Skandinavien, London, Korsika – und sogar vorübergehend auch in einem Schweizer Welschlanddorf – das seinen Essay „Stranger in a village“ ausgelöst hatte. Dort schrieb er auch eines seiner Hauptwerke „Go tell it on the mountain“, worin er ebenfalls die soziale Ungerechtigkeit den Negern gegenüber aufgriff und anprangerte.
 
James Baldwin (1924−1987) wuchs in einem Harlemer Slum auf und wusste nicht, wer sein Vater war. Sein Stiefvater war ein hartherziger Baptistenprediger. Er selbst predigte während 3 Jahren, ehe er von Amerika nach Europe überwechselte. James Baldwin war eine Leseratte: der beste Weg zum Schriftsteller. Gleich wie bei vielen seiner amerikanischen Zeitgenossen erwies sich auch bei ihm ein längerer Aufenthalt in Europa, besonders in Paris, als ein heilsamer Weg zur Selbstbesinnung im künstlerischen Werdegang.
 
In seinem Essay „Fifth Avenue, Uptown: A letter from Harlem“, lautet sein letzter Paragraph: „Es ist ein schlimmes und unerbittliches Gesetz, dass man die Humanität eines anderen nicht verleugnen kann, ohne seine eigene zu schwächen: Im Gesicht eines Opfers erkennt man sich selbst. Gehe durch die Strassen von Harlem und siehe was wir, diese Nation, geworden sind.“
 
Übrigens hat James Baldwin auch Kindergeschichten geschrieben. Doch hier hake ich auf das Neger-Problem ein und zitiere ihn in diesem Zusammenhang nochmals: „Was jetzt verlangt wird, und zwar ab sofort, ist die Erkenntnis, dass es nicht am Neger liegt, sich fortwährend dem grausamen rassischen Zwang in den Vereinigten Staaten anzupassen, sondern dass die Staaten selbst sich den sich verändernden ,facts of life’ (Lebenstatsachen) anpassen müssen ... Afrika hat nichts zur Kultur beigetragen, bläuten die Weissen den Negern ein … ihr sollt euch schämen …“ Gleich Martin Luther King wiegelte er nicht zur Konfrontation auf, sondern appellierte an die Vernunft, um das Zusammenleben zwischen den Rassen zu fördern. Diese Geisteshaltung übertrug er auch auf die „Black-Muslim-Bewegung“ in Amerika. Kein Wunder, dass das FBI ein Riesendossier über diesen widerborstigen Zweitklass-Bürger angelegt hatte.
 
„The exile“ ist die Überschrift eines Essays. Baldwins Freund, der hervorragende Schriftsteller Roger Wright 1908−1960) kannte er aus seiner miserablen Zeit in Brooklyn. (Wrights bekannteste Werke sind „Native Son“ und „Black Boy“). Wright wählte nicht nur das zeitlich beschränkte Exil in Paris, sondern nahm 1947 die französische Staatsbürgerschaft an und zählte Jean-Paul Sartre und Albert Camus zu seinen Freunden.) Ein Meinungsstreit zwischen Baldwin und Wright entbrannte, woraus ich aufgreife: „Was meinst du mit ‚Protest’, schrie Richard erhitzt, ,alle Literatur ist Protest. Du kannst mir keine einzige Novelle nennen, die kein Protest ist.’“ „Dazu konnte ich nur schwächlich erwidern“, schrieb nachträglich Baldwin in seinem „Logbuch“, „dass wohl alle Literatur Protest sein könne, doch sei nicht jeder Protest Literatur“.
 
Europa mit seiner anders gewickelten, historisch verhafteten Kultur war für Baldwin eine Offenbarung, die ihm die Heimkehr nach Amerika mit strammem Rückgrat und geschliffenem Intellekt erlaubte, was sein Werk eindrücklich belegt.
 
Baldwin sollte der Vergessenheit entrissen werden, zumal der amerikanische Prozess der Anpassung an die „facts of life“ noch eine lange Wegstrecke vor sich hat.
 
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