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BLOG vom 31.10.2006


Solothurn: Der Renovationsbesen wütete im Palais Besenval
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Zufällig hat es mich heute aus geschäftlichen Gründen zum Mittagessen ins Palais Besenval in Solothurn verschlagen, und bei solchen Gelegenheiten interessiere ich mich jeweilen nicht nur für die wirtschaftliche Thematik und für das Essen, sondern auch für das Haus, in dem ich mich befinde, und dessen Geschichte.
 
Das festliche Palais Besenval ist zwischen 1701 und 1706 nach den Plänen eines französischen Architekten für den Schultheissen Johann Viktor Besenval erbaut worden – und zwar nach dem Vorbild der französischen Hotelarchitektur. Und das passt natürlich zur Barockstadt Solothurn, die noch heute von der französischen Kultur geprägt ist. Denn nachdem 1516 die eidgenössischen Orte mit Frankreich den „Ewigen Frieden“ geschlossen hatten, liessen sich französische Gesandte in Solothurn nieder, was Solothurn den bezeichnenden Namen Ambassadorenstadt verliehen hat. 1530 bis 1792 residierte die französische Botschaft, die für die gesamte Schweiz zuständig war, in Solothurn. Die Stadt hat einen entsprechenden Hauch von Luxus und Eleganz erhalten und bis heute bewahrt. (Man stelle sich vor, wie die Welt aussähe, wenn sich die französische statt die englische Sprache und Kultur in der kulturellen Schrittmachernation USA durchgesetzt hätte! Schön wars! Es ging leider um Haaresbreite daneben.)
 
Nicht nur kulturelle Impulse, sondern auch Gelder brachen aus Frankreich Segen bringend über Solothurn (französisch: Soleure) herein. Und so bildete sich unter den Einheimischen eine kleine, mächtige Oberschicht. Dieses Patriziat besetzte alle wichtigen Positionen nach Managermanier und bereicherte sich dementsprechend – andere Zeiten, gleiche Sitten. Es konnte sich auch ein genüssliches Leben nach französischer Wesensart leisten. Und dazu gehörte eine standesgemässe Unterkunft.
 
Am Solothurner Stadtrand und in der näheren Umgebung entstand eine Serie von vornehmen Landhäusern, in denen die Patrizier vor allem die Sommermonate verbrachten. So genoss beispielsweise der erwähnte Schultheiss (so etwas wie ein Gemeindevorsteher) Johann Viktor Besenval die Sommermonate im nahen Schloss Waldegg in Feldbrunnen, einem fürstlichen Sitz aus Wohnturm und einem Türmlihaus bei einem zur Architektur passenden Garten; diese Residenz wurde 1682 bis 1684 erbaut. Im Inneren sind repräsentative Räume mit einem prunkvollen Interieur erhalten geblieben. Als Wintersitz diente ihm das Palais Besenval am Aareufer am Nordende der Kreuzackerbrücke, dieser Verbindung von Bahnhof und Altstadt im Bereich der St.-Ursen-Kathedrale, der Stiftskirche des heilig gesprochenen Ursus als Wahrzeichen der Stadt, vor der es eine breite Freitreppe aus dreimal 11 Stufen gibt. Die Kirche hat 11 Altäre und 11 Glocken. Die Zahl 11 gehört den Solothurnern („Solothurnerzahl“). Solothurn kam als 11. Stand zur Eidgenossenschaft. Und es gibt eine Solothurner Uhr, die mit 11 (statt 12) Stunden auskommt, sodann 11 Kirchen, 11 Kapellen und 11 historische Brunnen in der Elferstadt.
 
Das Palais Besenval ist im Stil der französischen Klassik aus hellen Kalksteinen vom nahen Jura (Weissenstein, siehe Blog vom 8. September 2006) errichtet. In den vergangenen Jahren habe ich das traditionsreiche Haus kennen gelernt, weil dort ein Teil der Attraktionen im Rahmen der Eidgenössischen Gesundheitstage (GHT) stattfand, etwa die Thematik „Spielen“, und im herrlichen Barockgarten mit den üppig gerundeten weiblichen Statuen waren bei jenen Anlässen Übungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Sinneswahrnehmungen vorhanden, so etwa ein Barfussweg; man beschritt mit verbundenen Augen verschieden strukturierte Bodenbeläge, den Tastsinn der Fusssohlen auf Vordermann bringend. Im Moment macht diese Gartenanlage einen noch etwas erholungsbedürftigen Eindruck. Die Natur kann man nicht wie eine Hotelbar herrichten. Aber der nächste Frühling kommt bestimmt.
 
Das U-förmige, zweistöckige Haus als Landhausquai 4 gehört zu den Barock-Prunkstücken der Schweiz. Heute ist es im Besitze der Credit Suisse (CS). Und es ist seit Anfang 2006 nach den Plänen der Architekten Zulauf und Schmidlin in CH-5400 Baden zu einem Seminar- und Tagungshaus umfunktioniert worden; 6 Konferenzräume, die inklusive einem Plenarsaal im Dachgeschoss über 200 Personen fassen, sind nach modernen Kriterien im alten Gemäuer eingerichtet worden. Und bei gutem Wetter kann man sich im Gartenrestaurant erfrischen. Besondere Probleme bot angeblich die Unterkellerung, deren Betonierung in 51 Etappen abgesenkt werden musste. Und im Dachstock mussten die Holzverstrebungen mit einem Stahlkorsett verstärkt werden. Insgesamt wurde versucht, das ehrenwerte Haus, das schon früher als eines der öffentlichen Solothurner Kulturzentren diente, nicht weiter zu „verrenovieren“, sondern tunlichst in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen. Zudem wurde ein Tunnel zum benachbarten Landhaus erstellt, damit die neue Grossküche auch via Unterwelt ausstrahlen kann.
 
Bei den Ausgrabungen im Zusammenhang mit den beschriebenen Renovationsarbeiten am Aareufer kamen ein Bad (ein mittelalterliches Krutbad), mehrere Speicher, ein ummauerter Garten, ein kleines Haus und ein Stück Stadtmauer zum Vorschein, all dies zur Begeisterung der Kantonsarchäologen. Ihre besondere Aufmerksamkeit erweckte das Bad, wo man sich vom „Bader“ den Bart scheren, überflüssige Zähne ziehen oder sich schröpfen lassen konnte (es wurden Schröpfköpfe aus Ton gefunden). Das Bad war 1642 von der Stadt Solothurn gekauft worden; es wurde abgerissen und erneuert. Es musste 1705 dem Barockgarten weichen
 
Wir bestellten im hellen, erneuerten  Restaurant das vom Chef empfohlene Menu mit Salat und kalter Entenbrust, dann ein saftiges Rippenstück vom Kalb mit knackigem Steamer-Gemüse und ein zeitgemässes Marronenparfait für 41 CHF, ein gutbürgerliches, ortsangepasstes Essen mit reichlichen Portionen, nett serviert, bei dem das Preis-Qualitäts-Verhältnis durchaus stimmte. Man wird dort also nicht geschröpft. Direktor Reto Marty, der auch das neue Ramada-Hotel leitet, war persönlich bemüht, dass wir genügend frische Luft hatten und Durchzug dennoch vermieden wurde.
 
Man spürte allenthalben, dass mit dem eisernen Renovationsbesen durchs Palais Besenval gefahren worden war. Schon Heinrich Heine wusste, dass die neue Zeit neue Besen verlangt – wohl auch im Falle eines Besenvals.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte von Walter Hess
12.10.2005: „Wo ein Bach Wiese heisst und das Lokale betont wird“
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