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BLOG vom 03.11.2006


Mürren, Schilthorn: Schon fast übertrieben schöne Kulissen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Der Ausblick von Osten nach Süden: Brienzer Rothorn, Pilatus, Rigi, Faulhorn, Schwarzhorn, Glärnisch, Titlis, Wetterhorn, Bärglistock, Eiger, Mönch, Jungfrau, Rottalhorn, Gletscherhorn, Ebnetfluh, Mittaghorn, Grosshorn, Breithorn, Breitlauihorn, Tschingelhorn, Tschingelspitz, Gspaltenhorn, Petersgrat, Büttlassen ... Das ist ungefähr die Hälfte der Rundsicht. Die Hörner, die im Westen und Süden zu erkennen sind, zähle ich hier zum Schutze der Leser nicht mehr auf. Denn bereits bisher ist klar geworden: Diesen Ausblick hat man nur vom berühmtesten Aussichtsberg des Berner Oberlands, dem Schilthorn (2970 m ü. M.), aus.
 
Nach dem Besuch des Mystery Parks in Interlaken waren wir am 28. Oktober 2006 bei Nacht und etwas Regen durchs Lauterbrunnental ans Ende der Welt in Stechelberg (gehört zur Gemeinde Mürren) gefahren. Ein Fuchs und ein Berghase sagten einander gerade gute Nacht. Wir aber stiessen noch nicht ins gleiche Horn und liessen uns von der Seilbahn-Zwischenstation nach Gimmelwald und dann zum Dorf Mürren tragen. Dort verbrachten wir die Nacht im heimeligen Hotel „Alpenruh“ (www.alpenruh-muerren.ch), das wenige Meter von der Seilbahnstation entfernt ist, ein einfaches, chaletartiges Holzhaus, vor dem 2 Fackeln brannten, gemütlich mit hinreichend Komfort für Berggänger, die sich auch unter härteren Bedingungen zurechtfinden würden, eingerichtet.
 
Wie durch Mirakel, von denen schon der Mystery Park Kunde brachte, klarte der Himmel in der Nacht vollständig auf, ausserirdische Lichter, auch Sterne genannt, und die reine Bergluft nahmen über dem autofreien Dorf (1639 m ü. M.) überhand. Um 6 Uhr morgens war das Rollen der Seilbahnkabel zu hören. Die Wand des Schwarzmönchs wurde heller und wirkte weniger bedrohlich. Das Chaletdorf wirkte in der Morgendämmerung bläulich, bis die Sonne aus der Eigergegend eine Krete überwand und die Farbenpalette vergrösserte. Wir packten unser Gepäck zusammen, deponierten es in einem Aufenthaltsraum, in dem Computerfreaks bereits auf der Piste waren, und erreichten noch vor 8 Uhr via die Zwischenstation Birg den Schilthorngipfel. Ein berggängiger Mann mit Suchhund, an dessen Jacke „Wildhut“ stand, gehörte an diesem Montagmorgen, 30. Oktober 2006, ebenfalls zu den Frühaufstehern. Er fuhr hinauf, um das Befinden der Wildtiere nach abgeschlossener Jagd zu studieren.
 
Schilthorn-Gipfel. Waren das Ausblicke! Sogar den Weissenstein, knapp eine Wolkendecke überragend, erkannte ich hinter der Schwalmeren am Horizont. Ich wanderte auf der äusseren Aussichtsplattform rund ums Drehrestaurant bei etwa 6 °C, genoss die Bilderbänder und fühlte mich als Mittelpunkt der Hochgebirgswelt, die kreisrund angeordnet zu sein schien. Ich war zum 2. Mal in meinem Leben hier, aber so eindrücklich hatte ich dieses Panorama nicht in Erinnerung, denn damals, am Ende der 1960er-Jahre, war das Wetter nicht so gut gewesen, und es standen andere Dinge im Zentrum meiner Wahrnehmung.
 
Ich hatte damals nebenher das Ressort „Film“ beim ehemaligen „Aargauer Tagblatt“ betreut und durfte dementsprechend einer Presseeinladung aufs Schilthorn Folge leisten, zumal dort oben ab dem Oktober 1968 und Anfang 1969 gerade einige Sequenzen des 6. James-Bond-Films „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ („On Her Majesty's Secret Service“, abgekürzt: „O.H.M.S.S“) mit dem Nachfolger von Sean Connery, George Lazenby, unter der Leitung von Regisseur Peter R. Hunt gedreht wurden. Aber besonders faszinierend war für mich das soeben eröffnete Drehrestaurant „Piz Gloria“, das grosse bauliche Herausforderungen gestellt hatte; auch die Seilbahn war damals ziemlich neu (Eröffnung der Teilstrecken Mürren−Birg am 13. 3. 1965, Stechelberg−Mürren am 23. 6. 1965 und Birg−Schilthorn am 12. Juni 1967). Der äussere Ring von Tischen dreht sich innen im Rundbau in einer Stunde rund herum. Und was man auf der stabilen Fensterbank abstellt, etwa den Fotoapparat, verliert man allmählich aus den Augen ... Die Kellner müssen sich über die Position ihrer Gäste immer neu orientieren. So etwas, und besonders an einer solch atemberaubenden Lage, hatte es bisher nicht gegeben.
 
Der Bond-Film war spektakulär, vor allem wegen der mörderischen Verfolgungsjagden auf den steilen Skipisten, inhaltlich aber von der üblichen Banalität, dem ewigen abendländischen, zur Manie gewordenen Kampf des Guten gegen das Böse, das sich trotz der sträflichen Undifferenziertheit inzwischen zum Leitmotiv der Weltpolitik aufgeschwungen hat, die Kultivierung der Dummheit statt des Geists. Und so hatte denn – nach der Romanvorgabe von Ian Fleming – der Chef der Verbrecherorganisation Spectre, der böse Ernst Stavro Blofeld, ausgerechnet auf dem Gipfel des Schilthorns ein Forschungsinstitut einrichten lassen. Dazu gehörten 10 besonders schöne Frauen (Quotengarantinnen), die sich einer unorthodoxen Allergietherapie unterziehen liessen, aber in Tat und erfundener Wahrheit daraus ausersehen waren, Krankheitserreger auf der ganzen Welt zu verbreiten.
 
Selbstverständlich hätte das Schilthorn eine etwas intelligentere Story verdient gehabt, aber die technisch meisterhaft ins Bild gesetzte Handlung war immerhin blöd genug, um aus dem Film einen Welterfolg zu machen, und somit kann der Bond-Film unter „Tourismusförderung“ abgebucht werden. Inzwischen hält sich der Bond-Kult im „Piz Gloria“(www.schilthorn.ch) in erträglichem Rahmen. Nur im Durchgang, der zu einem Showroom führt, haben 2 leicht vergilbte Fotos, eine Ski-Verfolgungsjagd auf der einen und Lazenby mit den Biowaffen-Damen auf der anderen Seite meine Erinnerungen an damals wiederbelebt.
 
Zu einem wirklich alles andere als einem schwindelerregenden Preis kann man im Drehrestaurant ein klassisches Frühstück geniessen – mit ausgezeichnetem Brot, Käse, Trockenwurst und allem übrigen Zubehör (15 CHF). Und für 22.50 CHF gibts das mit 1 Glas Prosecco und Rührei aufgewertete „James Bond 007“-Frühstück, immer mit freundlicher, kompetenter Bedienung. Es muss mir niemand mehr kommen und behaupten, das Reisen in der Schweiz sei teuer ...
 
Nachdem wir uns sattgesehen und -gegessen hatten, schwebten wir nach Mürren zurück, um gegen Mittag auf eine ausgedehnte Verdauungswanderschaft zu gehen. In der Seilbahnkabine machte uns der Bedienstete Alfred Brunner mit dem Geschick eines ortskundigen Bergführers eingehend auf das reich verzweigte Wanderwegnetz oberhalb von Mürren aufmerksam; kein Aufwand war diesem sympathischen Seilbahner zu gross.
 
Zuerst wählten wir den befahrbaren, steilen Weg in Richtung des Mürrener Aussichtsbergs Allmendhubel; die 1912 erbaute Standseilbahn, die zum Teil über ein brückenähnliches Trassee führt, war gerade in Renovation. Man hätte auch den naturnaheren Blumental-Panorama-Trail wählen können. Wir folgten dann den Wegweisern „Nordface-Trail“ Richtung Sonnenberg, Suppenalp (das Berghaus war geschlossen und also suppenfrei) über eine Krete hinüber zur Schiltalp. Dort tranken wir aus dem reichlich fliessenden Brunnen eiskaltes Wasser, diesen wirklichen Champagner der Berge, genossen auf der Sitzbank vor dem geschlossenen Haus die spätherbstliche Höhensonne und schlenderten zurück über Gimmela nach Mürren – der Abstieg, welcher wirklich einer war, fiel uns schwer.
 
An dem gut ausgebauten Northface-Trail, der neben stabilem Schuhwerk keine besonderen Ansprüche stellt, gibt es 12 Orientierungstafeln über die Geschichte der Nordwandbesteigungen. Sie waren allerdings bereits weggeräumt, um nicht von den Schneemassen, die sich tags darauf einstellten, beschädigt zu werden und vielleicht auch, um den Skibetrieb nicht zu stören. Auch sämtliche Zäune waren herausgerissen und lagen aus ähnlichen Gründen am Boden. Laut einer Broschüre wird zum Beispiel zum Eiger ausgeführt: „Wie das Matterhorn galt der Eiger zu Beginn des 19. Jahrhunderts als unersteigbar. Sogar Christian Almer, der erfolgreichste Grindelwalder Bergführer jener Zeit, zweifelte an seiner Besteigbarkeit. Als 1858 der irische Pferdeliebhaber Charles Barrington mit dem Wunsch in Grindelwald erschien, etwas Aussergewöhnliches zu unternehmen, liess sich Christian Almer doch auf einen Besteigungsversuch ein. Die Erstbesteigung gelang und der Ire hatte sein spezielles Erlebnis und trat nachher nicht mehr als Bergsteiger in Erscheinung!“
 
Aber auch ohne Tafeln ist die rund zweistündige Wanderung auf diesem Weg eine Sensation. Man bewegt sich direkt gegenüber von Eiger, Mönch und Jungfrau – Kalenderbilder im 1:1-Format, gigantisch. Solch eine elementare Kulisse vermag kein Mensch zu schaffen – da müssten schon Ausserirdische nach dem Geschmack von Erich von Däniken her ...Diese Aussicht, diese Ansichten sind einzigartig.
 
Eva nimmt immer ihre Walkingstöcke aus stabilem Leichtmetall mit, die sie derart beflügeln, dass sie den Rucksack mit dem Picknick trägt, so dass ich unbeschwert Fotostandpunkte aufsuchen und herumklettern kann. Am Wege grüssten die strahlenden Räder von gruppenweise angeordneten Silberdisteln, und sogar ein Kurzblättriger Enzian streckte uns seine blauen Rosetten entgegen, sich die Klimaerwärmung zunutze machend. Vor dem abfallenden Strässchen zum Dorf passierten wir schöne Holzställe und Chalets, eines mit besonders üppigem Blumenschmuck. Und dann vereinnahmte uns die Zivilisation wieder. Ein Handwerker aus dem autofreien Chaletdorf transportierte motorisiert seine Geräte, und ein Bauer hatte die Hänge mit Jauche besprüht, auf dass aus Magerwiesen eben Fettwiesen würden. Einige Gleitschirmflieger spendeten temporär Schatten und verloren sich tief unten im engen Lauterbrunnental.
 
Das Dorf Mürren (rund 1400 Einwohner) mit seinen 22 Hotels und vielen weiteren Touristenunterkünften machte, obschon es mitten am Nachmittag war, einen verschlafenen Eindruck; sogar die Zwischensaison schien vorbei zu sein. Ein Metzger verkaufte noch seine Gerümpel- und Kümmiwürste, und der Coop bot das landesübliche Sortiment. Im November dann ist hier kaum noch etwas los; auch das Drehrestaurant auf dem Schilthorn bleibt geschlossen, bis die eigentliche Wintersaison zu neuen touristischen Höhenflügen ansetzt.
 
Zurückschweben ins Tal. Wir packten unsere Erinnerungen in Stechelberg in unseren Prius, folgten der Weissen Lütschinen, steuerten den Brünigpass an und machten vorher noch einen Halt in Iseltwald am Brienzersee, wo einige Frauen die Gärten räumten und nicht winterharte Pflanzen ins Haus nahmen. Bei der Post war eine alte Lokomotive der Brienz-Rothorn-Bahn aufgebockt und erinnerte ans Einschaufeln von Kohle und ans Heizen. War es wirklich schon fast November?
 
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