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BLOG vom 11.11.2006


Gletscher-Exkursion 4: Garnierte Gletschertöpfe in Luzern
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Ich fühlte mich wie auf einer Schulreise vor etwa 60 Jahren, als ich am 8. November 2006 wieder einmal vor dem Löwendenkmal in Luzern stand, wo der müde, 9 m lange Löwe nach dem Gipsmodell des dänischen Bildhauers Bertel Thorwaldsen im ehemaligen Luzerner Sandsteinbruch wie seit je an den Kampf der Schweizergarde während der französischen Revolution erinnert. Der Konstanzer Steinmetz Lukas Ahorn hat hier, im verdichteten, bei Wellengang und Gezeitenströmungen am Strand abgelagerten Sand 1821 ganze Arbeit geleistet.
 
Damals, in ganz jungen Jahren, hatte ich das alles nicht verstanden, schon gar nicht die Sache mit dem Gletschergarten nebenan. Die aus der Eiszeit (was war denn das?) stammenden Gletschertöpfe im geschliffenen Fels wollten nicht zur Nähe des vielarmigen Vierwaldstättersees mit seinen schönen, schnittigen Dampfschiffen passen, die mir schon eher von dieser Welt zu sein schienen. Und nur schon in Luzern zu sein, kam mir als ein Erlebnis vor, das nicht noch von irgendwelchen Gletscher-Hinterlassenschaften übertroffen werden musste.
 
In den Jahrzehnten seither habe ich mir einige rudimentäre erdgeschichtliche Kenntnisse angeeignet und sogar einige tiefere Einsichten in die Alpen- und Gletscherwelt gehabt, so dass mir der Besuch im Gletschergarten diesmal schon wesentlich aufregender vorkam. Auch wenn mir die Vorstellung, dass noch vor 20 000 Jahren das gesamte Schweizer Mittelland zwischen Alpen und Jura und südwestlich und östlich weit darüber hinaus von Eis bedeckt gewesen sein könnte, noch immer schwer fällt, so sehe ich allmählich doch etwas klarer, soweit das überhaupt möglich ist. Die Winter waren in jenen grauen Vorzeiten eisig kalt, und während der kühlen Sommer gab es häufige Schneefälle bis in die Niederungen. Doch selbst die Wissenschaftler bekunden Mühe mit ihren Eiszeittheorien, von denen es über 150 gibt. Laut ihren Feststellungen leben wir seit etwa 1 Million Jahren in der Eiszeit und jetzt gerade angeblich in einer Zwischeneiszeit, trotz Klimaerwärmung. Je nach Klimaszenarium nennt man sie auch Nacheiszeit (Holozän).
 
Vor allem mit dem Blick in die fernere Zukunft scheint jedermann seine Probleme zu haben. Wird es noch wärmer oder wieder kälter? Welche Rolle spielt der von uns Menschen, deren Benehmen sehr viel mit Einfaltspinseln zu tun hat, herbeigeführte Treibhauseffekt (Wolken, Wasserdampf und Spurengase, vor allem Kohlendioxid aus der unbändigen Verheizung fossiler Brennstoffe, halten zu viel Wärme zurück)? Das hält kein Gletscher auf Dauer aus. Im Nährgebiet (oberer Gletscherteil) fällt in warmen Jahren weniger Niederschlag in Form von Schnee als zur Bestandeserhaltung von Gletschereis nötig wäre, und die Eismassen erwärmen sich und schmelzen weiter unten im Zehrgebiet. Gletscherspalten reissen auf, wenn die auf einen Gletscher wirkenden Druck- oder Zugspannungen die Scherfestigkeit übersteigen, der innere Widerstand also gebrochen wird.
 
Der durchschnittliche Längenschwund der Schweizer Gletscher beträgt seit 1880 rund 7, 5 Meter pro Jahr, wobei die grossen Gletscher ein wesentlich grösseres Rückzugstempo an den warmen Tag legen. Der Grosse Aletschgletscher zieht sich jährlich um etwa 25 m zurück – und das schenkt mit der Zeit ein: Er ist heute um etwa 3 km kürzer als 1850. So verlieren wir allmählich unsere wichtigen Süsswasserspeicher, die auch bei der Erzeugung von Wasserkraft eine wichtige Aufgabe erfüllen und zudem auch noch schön anzusehen sind (waren).
 
Unter den europäischen Alpenländern ist die Schweiz mit noch rund 1050 km2 Eisfläche das eisreichste, gefolgt von Italien (550 km2) und Österreich (500 km2), was auch ein Segen für unsere Tourismusindustrie ist, die anderswo bereits verzweifelt mit Schneekanonen um sich schiesst, um wenigstens für Skikanonen noch ein paar Pisten hinzuknallen.
 
Gletscher sind nicht nur gute Konservierungsanlagen (einer Tiefkühltruhe nicht unähnlich), sondern auch offensichtliche Indikatoren für das längerfristige klimatische Geschehen. Sie sind nicht einfach zu Eis verdichtete Schneemassen, die unbeweglich in kalten Gebirgstälern herumliegen wie der erwähnte Löwe im Sandsteinfels, sondern es sind eigentlich langsam fliessende Ströme, welche die Alpen und das Alpenvorland formten und noch immer formen. In Kälteperioden dringen sie vor, in warmen Zeiten ziehen sie sich zurück, reagieren aber erst mit einer gewissen Zeitverzögerung, ähnlich wie sich Krankheiten auch erst nach einer gewissen Inkubationszeit einstellen, wenn wir uns dauernd einfältig verhalten haben.
 
Gletscher entwickeln gewaltige hobelnde, erodierende und damit gestaltende Kräfte. Sogar die Schmelzwasser am Gletschergrund leisten eine Schwerstarbeit: Unter dem hohen Druck der Eismassen fliessen sie so schnell (bis 200 km/h), dass es dort unten zu Kavitationserscheinungen (Bildung und Auflösung von Hohlräumen) – im konkreten Fall zu Vakuumblasen kommt, die irgendwann mit einem lauten Knall zusammenbrechen und den Fels wie mit wuchtigen Hammerschlägen bearbeiten.
 
Eine andere Art von Felsbearbeitung wird im Gletschergarten Luzern besonders schön zelebriert: Es sind die Gletschertöpfe, durch Schmelzwasser ausgekolkte (ausgewaschene), fein polierte Strudellöcher, die innert weniger Jahren entstehen können, weil das Gletscherwasser, von mitgeführten Gesteinstrümmern unterstützt, unter hohem Druck arbeitet – und wo immer unter Druck gearbeitet wird, geht alles etwas schneller, wie man weiss. Der grösste Topf im Gletschergarten ist 9 m tief und hat einen Durchmesser von 8 m. Früher nannte man diese schön polierten Löcher Gletschermühle, ein durchaus anschaulicher Begriff, von dem sich die Wissenschaft aber dennoch gerade verabschiedet, weil nicht immer einfach grosse Mahlsteine im Spiele waren.
 
Solche Gletschertöpfe gibt es also am Rande der Luzerner Altstadt, unmittelbar neben dem Löwendenkmal, an der Denkmalstrasse 4. Diese eiszeitlichen Denkmäler, die etwa 20 000 Jahre alt sein sollen, wurden 1872 von Josef Wilhelm Amrein-Troller entdeckt, als er im Begriffe war, einen kühlen Weinkeller zu bauen, woraus man ersehen kann, dass Wein schon zu höheren Erkenntnissen führen kann, bevor man ihn überhaupt trinkt. Doch in Luzern gibt es auch Zeugnisse aus einer viel älteren erdgeschichtlichen Periode etwa in Form eines versteinerten Palmblatts, das an einen subtropischen Palmenstrand vor etwa 20 Millionen Jahren erinnert. An solche Strände erinnert man sich problemlos, nicht aber an so alte.
 
Man schluckt schon leer, wenn man die Aufgabe hat, sich solche Zeiträume vorzustellen; wir begreifen so 10 oder 50, vielleicht 100 Jahre, wenns hoch kommt, sind ziemlich kurzfristig und -sichtig ausgerichtet. Jahrtausende, ja Jahrmillionen entziehen sich unserer beschränkten Vorstellungskraft. Man muss den Betreuern des Gletschergartens, der Stiftung Amrein-Troller, dankbar dafür ewig sein, dass sie im Gletschermuseum (Glacier Museum) und einer darin abgezogenen Jahrmillionen-Show (grossformatige Gemälde veranschaulichen frühere Zustände) versuchen, solche Dimensionen zu vermitteln und dem Publikum einen Eindruck davon zu geben, was sich in derartig langen Zeiträumen alles grundlegend verändert.
 
Das gegenwärtige Tauwetter hat viele Auswirkungen, etwa das Schmelzen des Permafrosts mit den damit verbundenen Bergstürzen (wie am Eiger und am Matterhorn), und ausgedehnte Regenfälle können zu kleineren und grösseren Rutschungen führen, weshalb im Gletschergarten in CH-6006 Luzern (www.gletschergarten.ch) bis zum 28. Januar 2007 eine Ausstellung zum Bergsturz von Goldau (Titel: „Felsenfest?“) stattfindet, dessen Gebiet ich kürzlich auch abgeschritten habe. Die Instabilität am Rossberghang in Goldau geht, nimmt man es genau, auf die Gletschertätigkeit zurück, weil sich dort seit rund 2 Millionen Jahren die Gletscher in die Tiefe hobelten und die Talflanken im unteren Teil zunehmend steiler wurden. Nach dem Gletscherrückzug zerrüttete der Frost den Stein, und der Berg wurde destabilisiert. Tone und Schlammschichten im Untergrund werden bei starkem Regen schmierig, zu Gleitmitteln, und darauf beginnt der Wasserdruck die Gesteinsmassen zu verschieben – Steinlawinen sind die Folgen, die alles mitreissen und zudecken.
 
Wohnkultur
Damit sich die Besucher bei etwas gemütlicheren Themen erholen können, ist die Gletscher-Thematik im Luzerner Gletschergarten durch viele andere Attraktionen in einem stattlichen Ausstellungsgebäude ergänzt, dessen Dach gerade neu gedeckt wird. So gibt etwa die Sammlung von Marie Amrein-Troller Einblick in die Wohnkultur einer wohlhabenden Luzerner Bürgerfamilie während des 19. Jahrhunderts. Sie besass schwere, schwungvoll gedrechselte Möbel von monumentalem Aussehen, Ausdruck von Beständigkeit, Ortsverbundenheit jenseits von Flexibilität. Zudem sind Mineralien und Fossilien und auch die ältesten Gebirgsreliefs der Schweiz ausgestellt.
 
Vom Relief zur Landkarte
Die Hauptattraktion ist das berühmte Relief der Zentralschweiz von Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (6,7 × 3,9 m), das zwischen 1762 und 1786 nach eigenen, erstaunlich exakten Vermessungen des Erbauers entstanden ist, eine fast naturgetreue Vorlage für die ersten Landkarten. Wer sich für die Geschichte der weltberühmten Schweizer Kartographie interessiert, ist hier am richtigen Ort. Das Relief diente nämlich als Grundlage für die erste Dufourkarte, benannt nach ihrem Schöpfer Guillaume Henri Dufour (1787−1875), der im Sonderbundskrieg von 1847 General war, 1864 den internationalen Kongress zur Gründung des Roten Kreuzes präsidierte und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen im Hinblick auf deren Nutzanwendung strebte. Er hat es sogar zu einem eigenen Berg gebracht, die Dufourspitze in der Walliser Monte-Rosa-Gruppe, der höchste aller Schweizer Gipfel (4634 m ü. M.). Im Gletschergarten kann dazu eine Broschüre „Dufour. General und Kartograph“ für 5 CHF gekauft werden (herausgegeben vom Amt für Militär des Kantons Luzern, Verwaltung AAL, CH-6000 Luzern 30).
 
Neben dem Gletschergarten und dem Ausstellungsgebäude in Luzern ist eine Gartenanlage, die entfernt etwas an die Ermitage in Arlesheim BL erinnert: Fischteich, ACS-Berghütte mit Blick aufs Diorama mit Pers- und Morteratschgletscher im bündnerischen Berninagebiet, das selbst hohe Temperaturen erträgt, und einen hölzernen Aussichtsturm mit Sicht über Luzern zum Pilatus und ins Luzerner Hinterland. Sogar eine künstliche Gletschermühle steht in einer Höhle am Weg zum Turm, wohl für jene, welche die Künstlichkeit dieser modernen Welt nicht durch Natürliches trüben lassen möchten.
 
Multipliziert im Spiegellabyrinth
Und solch eine Synthetikwelt in Reinkultur ist gleich beim Gletschergarten-Ausstellungsgebäude, die zwar wie eine Faust aufs Auge passt, aber mich dennoch fasziniert hat: Das Spiegel-Labyrinth im Stil der Alhambra in Granada (Spanien) mit den 90 sich widerspiegelnden Spiegeln, 1896 für die Schweizerische Landesausstellung in Genf erstellt. Ich war um die Mittagszeit das einzige menschliche Wesen in diesem unendlich gross anmutenden Saal und bin mir selber meiner Lebtag noch niemals so oft begegnet wie hier. Ich kam mir von allen Seiten immer wieder entgegen und musste mir selber immer wieder ausweichen. Denjenigen Nutzern, denen das etwas sehr psychoanalytisch anmutet und die denken, ich seit jetzt vollkommen durchgeknallt, möchte ich ernsthaft zu bedenken geben, dass es sich dabei bloss um komplexe Spiegeleffekte handelte. Und so kam ich mir selber immer wieder von mindestens 3 Seiten entgegen und musste mich in die einzig richtige Richtung drehen, aus der ich mir ausnahmsweise nicht entgegenkam.
 
Als ich mich gezwungenermassen von allen Seiten tausendfach bewundert hatte und mein Bedarf an Entgegenkommen gedeckt war, näherte sich meine auf höherem Erkenntnisniveau wiederholte Schulreise ihrem Ende, und ich wanderte zum nahen Schweizerhofquai am Vierwaldstättersee, wo an der Landungsbrücke 9 seit 1970 das schöne Schiff „Wilhelm Tell“ vor Anker liegt und als Restaurant dient. Das kam mir gerade zupass, auf einem Schiff ohne das Geschaukel essen zu können. Ich hoffte auf ein paar Seefische, die aber offenbar Beiss- bzw. Netzhemmungen hatten und auch Gletscherflöhe standen nicht im Angebot. Eiszeitliche Wisente, Wollnashörner und Mammute sind, wie die freundliche Serviertochter bestätigte, tatsächlich ausgestorben, so dass ich mich an diesem sonnigen Tag für ein kommunes Wildmenu (Reh aus landwirtschaftlichem Anbau) mit angebräunten Spätzli, Preiselbeeren im heissen Apfel und Rotkohl entschied – mit Blick auf See und Alpen. Und dies geschah im Gedanken an Wilhelm Tell, der in der Apfelschuss-Szene was folgt von sich gab: „Ja, wohl ist’s besser, mein Kind, die Gletscherberge im Rücken zu haben als die bösen Menschen“ (3. Aufzug, 3. Szene).
 
Der genau in der Mitte ausgehöhlte Apfel auf meinem Teller verstärkte diesen Eindruck noch. Unsere Abwehr gegen fremde Vögte geht weiter.
 
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