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BLOG vom 26.11.2006


Die Zeit vergeuden – oder: Die Kunst des Müssiggangs
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Unter dem Titel „Die Kunst des Müssiggangs“ sind kurze Prosastücke aus dem Hermann-Hesse-Nachlass vereint. Nein, ich möchte nicht aus diesem Schatzkästlein zitieren, noch versuchen seine unnachahmlichen gedanklichen und wirklichen Erlebnisse auf mich bezogen zu verarbeiten. Hesse hat es so viel besser gemacht als ich es jemals zustande brächte.
 
Stattdessen werde ich mir während der nächsten Tage seine Texte verabreichen, die leichtflüssig, feuilletonistisch geschrieben sind und heute als „Blogs“ erster Güte gelten dürften, da sie ohnegleichen sind und ihren Wert voll erhalten haben. Sie haben in unserer verhunzten Zeit erst noch an Gehalt und Bedeutung weiterhin gewonnen! Wie der gute Wein, den Hesse heiligte.
*
Die Kunst, dem Joch zeitweise zu entrinnen
Im Beruf eingespannt, war mein Müssiggang eingeschränkt, doch längst nicht so arg wie bei den Berufstätigen heute. Jeden Brocken Freizeit genoss ich wie eine süsse Pflaume. Ich entsprang dem Joch stundenweise mehrmals in der Woche und stöberte in Occasionsläden aller Art, zuerst in Croydon und später in meiner Laufbahn in Hammersmith. Laufbahn tatsächlich! Ich spurtete, um Zeit zu gewinnen, zu meinem bevorzugten Buchladen beim „Olympia“. Dort war mein Olymp im unteren Geschoss, wo es stark nach modernden Büchern roch. Manchmal vergass ich darüber die Zeit und musste nachher noch rascher in mein Büro zurückspringen, meistens mit einigen Büchern beladen. Nun brauchte ich niemand Rechenschaft über meine Eskapaden abzulegen. Nur eines durfte ich nicht: meine Berufsarbeit vernachlässigen. So kam auch ich wieder unter gewaltigen Zeitdruck, um aufzuholen.
 
„Carpe diem“ – den Tag nutzen, glaube ich, wird heute missverstanden und ist gleichbedeutend mit „keine Zeit vergeuden“. Wozu ist die Zeit gut, wenn man sie nicht vergeuden darf? Anders gesagt, schöpfe ich am liebsten aus einem vollen Mass Zeit und lasse sie wie Sand durchs Stundenglas rieseln. Was davon übrig bleibt, sind Erlebnisse und Erinnerungen.
 
Die Kunst, Partys zu überleben
Das sollte keine Mühe bereiten: eine Absage genügt. Ich habe einst an vielen Partys teilgenommen und davon wenige nennenswerte Erinnerungen bewahrt. Ich bin kein Einzelgänger, wenigstens nicht immer, und geniesse eine gute Gesellschaft im kleinen Kreis – am liebsten verbunden mit einer guten Mahlzeit, begleitet von Rotwein mit Bouquet. Das Gespräch kommt dann von allein in Schwung.
 
Leider kann man sich gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht immer entziehen. In England sind Partys doppelt so unangenehm wie anderswo. Die Sitzgelegenheiten fehlen oder sind bereits belegt. Wer jongliert schon gerne mit einem Glas in einer Hand und einem Teller in der anderen? Gemeinplätze werden ausgetauscht. Es macht sich schlecht, kleben zu bleiben, denn die Etikette erfordert, dass man zirkuliert. So schlängle ich mich akrobatisch zur nächsten Gruppe durch, darauf bedacht, unterwegs kein belegtes Brötchen zu verlieren und ja keinen Wein über die Robe einer Dame zu verschütten. Erreiche ich schliesslich die Zielgruppe, möchte ich mich sofort wieder umdrehen. Die gelangweilten Gesichter flackern auf, nicht weil ich es bin, sondern einfach weil ein neues Gesicht aufgetaucht ist. Zu spät.
 
Selbst solche missliche Situationen lassen sich für den Müssiggang begehbar machen. Hat es Bücher im Raum, erreiche ich rasch diese Schutzzone. Fehlt es an Literatur, finde ich immerhin ein Photobuch und zupfe es heraus. Das letzte, das ich zur Hand genommen hatte, galt Florenz. So war ich wieder in Florenz und nicht mehr in Chiswick und wurde von Erinnerungen überrumpelt. Das gute an dieser Finte ist: Ein vertiefter Leser wird nicht so rasch gestört.
 
Fehlen Bücher, was sehr oft der Fall ist, suche ich unter dem Vorwand, eine Zigarette zu rauchen, den Ausgang oder Übergang zum Garten oder Vorplatz. Dort verweile ich ein geraumes Weilchen, wenn der Abend mild ist. Auf dem Gartentisch oder Fenstersims kriege ich die Hände wieder frei, kann am Wein nippen und ein belegtes Brötchen verzehren. Diesen Augenblick des Müssiggangs finde ich himmlisch. Vielleicht scheint der Mond und es blinzeln mir die Sternchen zu. Viel besser, als von einer beleibten Dame beschlagnahmt zu werden!
 
Natürlich kann dieser Fluchtweg auch in die Sackgasse führen. Einige verzweifelte Kettenraucher haben sich dort versammelt. „Noch einer, der es nicht lassen kann“, werde ich begrüsst. Zu spät.
 
Zuletzt ist es gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, dem Partys lästig fallen. Ich beziehe eine Ecke, die mir Rückenschutz gewährt und Rundsicht über das Treiben vor mir bietet. Das ist ganz amüsant, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft „psychoanalytisch“ zu beobachten.
 
Ein älterer Jahrgang hat mich in meiner Ecke entdeckt. Er kommt auf mich zu. Es ist ein Ingenieur, der viele Jahre in Peru gelebt hat. Ich stelle Fragen. Er kennt sich gut in der Geschichte aus. Qosqo war die heilige Stadt der Inkas“, erfahre ich. „1535 begann der ,30-jährige Eroberungskrieg der Spanier’, bis der letzte Herrscher, Tupaq Amaru I., öffentlich in Quosqo geköpft wurde.“  Der Abend war für mich gerettet!
 
„Dort drüben ist meine ‚Inkin’“, deutete er auf seine Frau. „Und sie spricht ausgerechnet mit meiner „Perserin“, erwiderte ich.
 
So schlossen wir uns zusammen. Ich verweilte viel länger als beabsichtigt auf dieser Party.
*
Vielleicht werde ich dieses Blog gelegentlich fortsetzen – einfach aus Freude am Müssiggang.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
31.08.2006: „Wirrwarr aus ineinander verschlungenen Büroklammern
Ihre Meinung dazu?

 
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