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BLOG vom 27.11.2006


Offene Kanti: Wie man Wettingen ins Chinesische übersetzt
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Manchmal ist man froh, nicht mehr für ein Maturitätszeugnis, das zum prüfungsfreien Übertritt an eine schweizerische Hochschule berechtigt, mit ungewisser Zukunft bolzen zu müssen. Ich weiss selber, wie schwierig es sein kann, den richtigen Beruf zu finden, wenn keine ausgesprochen einseitige Berufung vorliegt und man in jenem Alter eigentlich noch keinen Überblick über die breite Palette der Berufsprofile hat beziehungsweise haben kann. Zudem ist die Lage in den 50 Jahren, die seit meiner schulischen Ausbildung ins Land gegangen sind, noch schwieriger geworden. Viele Berufe, vor allem die handwerklichen, sind verschwunden oder im Verschwinden begriffen, und die elektronische Datenverarbeitung macht manche qualifizierten Arbeiten überflüssig. Sollen etwa alle Elektroniker und Techniker werden? Es bleiben ferner noch die Dienstleistungsberufe, und alles ist fliessend geworden. Was bringt die Zukunft? Das Beruferaten ist nicht immer so heiter wie seinerzeit mit Robert Lembke.
 
Am Samstag, 25. November 2006, besuchte ich die Kantonsschule Wettingen, weil dort gerade der „Tag der offenen Tür“ war und ich mir wieder einmal einen Überblick über den Zustand einer modernen Schule verschaffen wollte. Zum Auftakt habe ich einen Teil des Podiumsgesprächs in der überfüllten Aula mitbekommen, das von meinem früheren Redaktionskollegen Hans Fahrländer geleitet worden ist. Das Podium, darunter Rektor Kurt Wiedemeier, bemühte sich zum Thema „Das Gymnasium im Stress“ redlich, auf der Basis der Bologna-Reformen (siehe unten) Licht in den Ausbildungswirrwarr zu streuen. Aufgrund dieser Reformen sind die Wahlmöglichkeiten für Maturanden breiter geworden (die Matura ist nicht mehr fachspezifisch), das heisst die thematische Wissensbreite ist gewachsen, was logischerweise zu einer Niveausenkung im einzelnen Fach geführt hat. Ein Podiumsteilnehmer (ich glaube, es war ETH-Professor Markus Aebi) sagte, er mache sich Sorgen über das Chemiewissen der Geschichtsstudenten; denn verbreiterte Wahlmöglichkeiten bedeuteten eine Reduktion in den einzelnen Fächern; sie verlieren an Wert. Doch der Rektor Wiedemeier fand zu einer positiven Beurteilung. Die Ausbildung habe insgesamt an Wert gewonnen, sagte er, wenn ich das ganz hinten im Saal, in dem zu leise gesprochen wurde, richtig verstanden habe.
 
Die erwähnten Bologna-Reformen sind ein Aspekt der vereinheitlichenden Globalisierung; sie wollen mit Einbezug der Schweiz bis 2010 eine Koordination der Bildung auf höherer Ebene im europäischen Bereich herbeiführen. Die Bildungsminister wollen einen europäischen Hochschulraum kreieren. Dies soll auf der Grundlage der in der so genannten Magna Charta Universitatum von Bologna aus dem Jahre 1988 niedergelegten Grundsätze geschehen, daher der Name. Neben dem Bologna-Prozess verfolgt auch der so genannte Kopenhagen-Prozess für die höhere Berufsbildung mehr Vergleichbarkeit/Lesbarkeit der Abschlüsse sowie mehr Durchlässigkeit und Mobilität in Beruf und Bildung im europäischen Kontext und natürlich auch für mehr Konfusion. Die Angleichung der Studien ermöglicht auch Auslandsemester.
 
Das neue System
Das Bologna-Modell hat folgende Zielsetzungen:
• Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse (u. a. erläutert durch ein Diploma Supplement);
• Einführung eines Systems, das sich im Wesentlichen auf 2 Zyklen stützt (undergraduate = Student: Bachelor, graduate = mit Abschlussprüfung: Master);
• Einführung eines Leistungspunktesystems (ECTS);
• Förderung der Mobilität durch Beseitigung von Mobilitätshindernissen;
• Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung hinsichtlich vergleichbarer Kriterien und Methoden;
• Förderung der erforderlichen „europäischen Dimensionen“ im Hochschulbereich hinsichtlich der Entwicklung von Curricula, Studien- und Forschungsprogrammen.
 
Mit der Schaffung eines europäischen Hochschulsystems soll nicht nur die Mobilität, sondern auch die arbeitsmarktbezogene Qualifikation (employability) gefördert werden. Von solchen vereinheitlichenden Vorgängen ist auch das Medizinstudium betroffen; ich erwähne dies, weil die für einmal vorauseilende Schweiz eines der wenigen Länder Europas ist, welches das Bologna-Modell auf die medizinische Ausbildung ausdehnen will. In Ärztekreisen wird befürchtet, es könnte im Zusammenhang mit dem neuen System, das eine gestufte Ausbildung vorsieht, zu „Billig-Ärzten“ oder „Schmalspur-Ärzten“ und damit zu einer Abwertung des Arztberufs kommen. Nivellierung nach unten.
 
Die schönste Schule
Das Bildungswesen ist im Fluss, wie man sieht – und Flüsse sind bekanntlich immer unten. Und die Globalisierung macht auch davor nicht Halt. Doch in der Kantonsschule Wettingen, die vor allem in den altehrwürdigen Mauern des Klosters Wettingen (und einigen Gebäuden in der nahen Umgebung auf der Klosterhalbinsel) untergebracht ist und deshalb wahrscheinlich zu Recht als schönste Schule der Schweiz gilt, scheint die stabilisierende Wirkung der Traditionen noch nachzuwirken. Hier gebe es keine Schmierereien, sagte mir Prorektor Peter Stirnemann, der sich in dieser stilvollen Umgebung ebenfalls wohlfühlt. Er wies auf die damit verbundene Emotionalität hin. Diese Anlage ist für die musische Bildung wie geschaffen, und so spielten denn hier und dort Studentengruppen auf, die schöne Atmosphäre mit klassischen und leichtfüssig daherkommenden Klängen erfüllend. Auch Schumann-Lieder wurden geübt. In der Schule ist ohnehin eine gute Stimmung; Schülerinnen und Schüler zeigten sich dem grossen Publikum gegenüber ausserordentlich hilfsbereit.
 
Einen Klosterbetrieb gibt es im Klostergemäuer an der Limmat Wettingen heutzutage selbstverständlich nicht mehr, zumal der Aargauer Regierungsrat 1841, also vor 165 Jahren, alle in der Politik mitmischelnden Aargauer Klöster verboten hat, so dass sie seither auch für irdische Belange zur Verfügung stehen. Den Zisterziensern, die dieses Kloster gebaut haben, gebührt daher der beste Dank für ihre Vorleistungen. Gott möge es ihnen vergelten.
 
Blick nach China
Ich besuchte am „Tag der offenen Tür“ eine Einführungsstunde in die chinesische Sprache, die mit unterschiedlichen Betonungen ein und demselben Wort andere Bedeutungen gibt (im Deutschen gibt es schliesslich auch viele Wörter mit Mehrfachbedeutungen). An der Tür stand mén = Tür unter einem stehenden Rechteck, das links oben durch die schräggestellte Türfalle unterbrochen war (meine Interpretation). Eine Studentin dozierte: Zum Erlernen der 89 000 chinesischen Schriftzeichen reichte die Zeit nicht ganz aus (selbst gebildete Chinesen kennen nur etwa 7000 davon, 11 000 sind am Computer darzustellen). Und schliesslich unterhielt man sich über die Frage, wie denn der Ortsname Wettingen ins Chinesische zu übersetzen sei. Zufällig gibt es phonetische Zeichen für Wet, tin und gen, so dass man das Wort rein phonetisch (lautlich) übertragen kann. Eine Bedeutung aber erhält es dadurch nicht (was nicht heisst, dass Wettingen keine bedeutende Stadt sei ...). Der Name Wettingen wird hierzulande auf einen alemannischen Siedler zurückgeführt, der Wetti oder Watto hiess. Aber diese Information hilft auch nicht viel weiter. Denn man müsste ja erfahren, wieso er Wetti genannt wurde. Vielleicht war er ein leidenschaftlicher Wetter, der sein ganzes Vermögen für Lose und Sport-Toto herauswarf ... ein unverbesserlicher „Wetti“ eben; noch heute sind Lotterien Schwerpunkte im käuflichen SF-DRS-Programm. Und der Watto lief vielleicht den ganzen Tag mit Watte in den Ohren herum. Auch dies ist durchaus noch zeitgerecht.
 
Firmenspiele 
Andere Schüler berichteten mit einer der persönlichen Überzeugung entsprungenen Hingabe über virtuelle Firmengründungen, die in einigen Jahren Milliardenumsätze generieren sollten; jedenfalls sahen das graphische Darstellungen genau so vor. Junge Menschen brauchen Perspektiven. Und dazu, dass diese aufgehen, soll auch die bekannte Werbeformel AIDA verhelfen, ohne Zutun von Giuseppe Verdi und seine Vorstellung von der Zeit der Pharaonen und der nubischen Prinzessin: Das A steht vielmehr für Attention (die Aufmerksamkeit des Kunden muss erlangt werden), das I bedeutet Interest (Interesse wecken), D = Desire (das Interesse des potenziellen Kunden in einen Wunsch umwandeln) und A = Action: der Kunde muss zum Kauf bewegt werden. Beim Überhandnehmen der Werbung, die zu einer eigentlichen Plage geworden ist, wird dies zunehmend schwieriger. Aber die kommende Generation wird das noch früh genug erfahren.
 
Das Programm war sorgfältig zusammengestellt, übervoll und reichte bis zur „Suche nach Viren in den eigenen Geranien“, zumal die Kanti Wettingen neben den musischen nun auch die naturwissenschaftlichen Fächer betonen will. Auch das viele Grün in der Umgebung eignet sich bestens dazu. Zudem gibt es eine Gärtnerei als Bestandteil der Wissensvermittlung mit einem Herz für alte Sorten, die ihren Ertrag an die Schulküche abliefert.
 
Und hier kommt mir noch die Idee für 2 erfüllende Berufe: Gärtner und Koch. Ein breites Allgemeinwissen schadet auch in solchen Fällen nicht.
 
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