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BLOG vom 05.12.2006


Ungewöhnliche Pilze: Eichhase, Judasohr, Krause Glucke
Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Wer sich mit den Pilzen in Wald und Flur befasst, wird Erstaunliches entdecken. Auch die sonderbaren Pilzbezeichnungen sind ein Studium wert. So gibt es ungewöhnliche Pilznamen, die ein Pilzunkundiger sonst nie zu hören bekommt. Aber ein Blogger muss ja zu allen interessanten Themen etwas beisteuern können. Dies war auch bei mir so, denn als Nicht-Pilz-Esser liess ich oft die Pilze „links liegen“, wie man so sagt. Ab und zu sah ich zwar einen Fliegenpilz, der mich entzückte, oder eine Krause Glucke, die mein Herz höher schlagen liess, aber sonst interessierten mich diese Gewächse nicht sonderlich. Nun hat sich dies gründlich geändert. Jetzt wende ich meinen Blick auf die niederen Gefilde des Waldes und nehme jeden noch so unscheinbaren Pilz am Boden oder an einem Stamm in Augenschein. Da kommt Freude auf, zumal ich dann die Entdeckungen mit der Digitalkamera dokumentiere.
 
Inzwischen etabliert sich auch bei uns die Mykotherapie, die Heilbehandlung mit Pilzen. „Die Pilze mit Heilwirkung sollte man in jedem Fall als Teil eines Behandlungsplanes in Betracht ziehen“, so Prof. Dr. Jan Lelley von der Universität Bonn und Leiter der Versuchsanstalt für Pilzanbau in Krefeld.
 
Entdeckung einer Krausen Glucke
Als ich kürzlich mit einem Bekannten aus der Schweiz eine Wanderung in der Nähe von Liestal (BL, Schweiz) unternahm, entdeckte ich unweit eines Wegs eine Krause Glucke bzw. Fette Henne (Sparassis crispa). Wer auf diesen Ständerpilz stösst, darf sich glücklich schätzen, so liess ich mir von einem Pilzfreund sagen. Nun ich hatte das Glück, zum ersten Mal in meinem Leben einen solchen Pilz, der etwa 20 cm hoch und 40 cm breit war, zu erblicken.
Ich liess diesen beeindruckenden Pilz, der 2 bis 5 kg auf die Waage bringen kann, selbstverständlich stehen. Der Pilz sieht in der Tat aus der Ferne so aus, als würde eine Glucke ihre Eier ausbrüten.
 
Zum Glück war bei dieser Wanderung kein Pilzgourmet dabei, denn sonst wäre die Krause Glucke unweigerlich in einer riesigen Pfanne verschwunden. Aber Naturfreunde können sich trösten. Wenn die Krause Glucke nicht zu tief abgeschnitten wird, dann wächst sie mit neuer Pracht im nächsten Jahr wieder heran.
 
Ein Pilzliebhaber sagte, dass die Säuberung der Krause Glucke etwas Mühe bereite. In den fleischfarben-ockergelben, blumenkohlartigen, wellig-krausen Abschnitten verstecken sich Nadeln, Ästchen, Erdkrümel und so manches Getier. Der junge, weisse oder gelblichweisse Pilz schmeckt nussartig, während die älteren bräunlichen Exemplare bitter schmecken und Verdauungsbeschwerden hervorrufen können.
 
Ein Eichhase, der nicht herumhoppelt
Der Eichhase (Polyporus umbellatus) ist kein nach den EU-Vorschriften eingeführtes Mass für Hasengewichte. Es ist ein büscheliger mittelguter Speisepilz mit einem Durchmesser von 30 bis 50 cm. Der Eichhase gehört ebenfalls wie die Krause Glucke zur Klasse der Ständerpilze. Er gedeiht besonders gut auf alten Stämmen oder Stümpfen von Eichen und Rotbuchen, aber auch auf dem Erdboden. Der Pilz wird oft so gross wie ein Kohlkopf und sieht aus wie ein Blumenstrauss. Aus der Ferne erinnert der Pilz an einen sitzenden Hasen.
 
Der Eichhase – das wusste ich bisher nicht – wurde schon vor fast 2000 Jahren in China als Heilpilz genutzt. Er hat eine herzstärkende, entwässernde und den Harnfluss steigernde Wirkung. Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wirkt der Eichhase (chin.: Zhu Ling, jap.: Chorei) u. a. bei Ödemen (Wassereinlagerungen), Durchfall, Leber- und Hautkrankheiten (www.cysticus.de/heilpilze). Auch bei der Vor- und Nachsorge von Erkrankungen, bei denen die Lymphdrüsen entfernt wurden, eignet sich der Pilz. Die krebshemmende Wirkung bei Sarkoma 180 (bösartige Bindegewebsgeschwulst) und Leberkrebs wurde inzwischen nachgewiesen (http://deam.at).
 
Nicht das Ohr des Judas
Das Judasohr (Auricularia auricula-judae, Auricularia polytricha) ist ein Speisepilz. Er wird auch Mu-Err-Pilz (zu deutsch „Holzohr“), Holunderpilz, Black Fungus oder Wolkenohrenpilz genannt.
 
In Natura habe ich diesen lappenartigen, dunkelbraunen und geschmacksneutralen Pilz schon an Holunderbäumchen, Walnuss- und Birkenbäumen gesehen, wusste jedoch nicht den Namen dieses Gewächs, da ich ja mit Pilzen bisher wenig am Hut hatte.
 
Wer diesen Pilz in freier Wildbahn noch nie gesehen hat, kann ihn in Chinarestaurants in den dortigen Gerichten aufstöbern. Ich sortierte dann immer diese Pilze aus den Speisen heraus und legte sie an den Rand des Tellers oder gebe sie an einen gierigen Pilzfreund, der dann die Glibberei mit Genuss verspeist.
 
Der Pilz kommt übrigens in Vietnam, Japan und China fast jeden Tag auf den Teller. Heute wird der Pilz in grossen Mengen auf gedüngtem Holzmehlsubstrat gezüchtet. In unseren Läden ist der Pilz im getrockneten Zustand als Mu-Err-Pilz zu bekommen.
 
Die Bezeichnung „Judasohr“ kam durch die direkte Übersetzung des wissenschaftlichen Namens zustande. Wegen seines Aussehens wird er in Nordamerika „wood ear“ genannt. Die Ähnlichkeit mit einem menschlichen Ohr ist verblüffend. Nach einer Legende soll sich Judas an einem der erwähnten Baumarten erhängt haben.
 
Nicht der Bart der Ziege
„Schaut her, einen Ziegenbart habe ich Ende November noch nie gesehen“, meinte kürzlich Pilzfreund Toni auf einer Wanderung in der Nähe von Zell im Wiesental. Nach der milden Witterung im November wagte sich ein Ziegenbart aus seinem Versteck und lugte aus dem Waldboden heraus. Der korallenartige Ziegenbart gehört zur Gattung Clavaria.
 
Es gibt vom Ziegenbart etliche Arten, die ein Pilzkenner nicht immer unterschieden kann. Eine Unterscheidung ist jedoch wichtig, da einige bitter schmecken, unbekömmlich bis schwach giftig sind. Wer einen Falschen sich einverleibt, der kann ganz gehörige Darmstörungen bekommen.
 
Der Klapperschwamm – der „tanzende Pilz“
Der Klapperschwamm (Grifola frondosa) wächst bei uns konsolenartig an Holz und Baumstämmen. Er gehört zu den grössten europäischen Pilzarten, da aus seinem weissen Strunk ein vielästiges, strauchartiges Gebilde herauswachsen kann. Der Pilz kann 40 bis 50 Zentimeter hoch und ebenso breit heranwachsen. Seine graubraunen Hüte heben sich übrigens wenig von der Umgebung ab, man entdeckt ihn erst, wenn man dicht davor steht. Aber im Spätherbst ist es bald aus mit der Pracht. Er zerfällt nämlich zu einem unansehnlichen Etwas. Als Speisepilz hat er keine grosse Bedeutung. Wer ihn trotzdem mag, der sollte ihn schonen. Er ist nämlich bei uns selten zu finden.
 
Der Klapperschwamm wird in Asien wegen seiner gesundheitsfördernden Wirkung sehr geschätzt. In Japan heisst dieser Pilz Maitake, was „tanzender Pilz“ bedeutet. Der Name entstand, weil ein fündig gewordener Sammler wahre Freudentänze aufführte. Eine solche Entdeckung ist nämlich etwas Besonderes und Einmaliges. Es gibt jedoch noch eine andere Version. Einsiedlerinnen, die von dem Pilz naschten, tanzten unkontrolliert und verführten Holzfäller.
 
Der Klapperschwamm heisst auch „Kumotake“, was so viel wie ein „Schwarm von Pilzen“ bedeutet. Weitere lustige Bezeichnungen sind „Huhn am Holz“ oder der „Tanzende Schmetterlingspilz“.
 
Der Pilz wird in Asien bei Diabetes – er wirkt Blutzucker senkend – und bei Tumorerkrankungen verordnet (www.mykotroph.de).
 
Der Pilz wird inzwischen auf Sägemehl kultiviert. Die Weltproduktion dürfte heute über 15 000 Tonnen liegen. Japan ist mit 98 % der führende Produzent.
 
Igelstachelbart oder Affenkopfpilz
Der Igelstachelbart (Hericium erinaceus) ist bei uns heimisch, er wird jedoch weltweit kultiviert. Der Pilz erinnert an das Aussehen eines bestimmten Affenkopfes. In China gibt es nämlich Affen, die so behaart sind, dass man das Gesicht nicht erkennen kann. Der Pilz wird 30 cm gross und hat viele 2 bis 3 cm lange weiche Stacheln.
 
Der Pilz ist in China und Japan ein Renner. Die Bewohner dieser Länder schätzen ihn nämlich als Heilpilz. Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin ist dieser Pilz gut für Niere, Leber, Milz, Herz und Magen. Er wurde laut der Gesellschaft für Heilpilze (www.vitalpilze.de) erfolgreich bei Magenkrebs, Gastritis, Magengeschwüren, Zwölffingerdarmgeschwüren und Speiseröhrenkrebs eingesetzt.
 
Interessant ist, was Prof. Dr. Wilfried Schnitzler von der TU München herausbrachte. Seine Untersuchungen bestätigen die Wirkungen des Pilzes. So fand er beispielsweise heraus, dass die antimikrobiellen Stoffe im Pilz das Bakterium Helicobacter pylori, der sich im Magen einnistet, hemmt. Dieser „böse Bube“ ist für die Ausbildung von Magengeschwüren und Magenkrebs mitverantwortlich.
 
Gastritispatienten profitieren besonders von diesem Pilz. 82 % der Patienten gaben eine Verbesserung der typischen Symptome an. Bei 58 % verschwand die Entzündung.
 
In Deutschland gibt es neben den Frischpilzen auch getrocknete Pilze und konzentrierte Extrakte, abgefüllt in Kapseln.
 
Pilze selber kultivieren?
Wer Lust und Musse hat, kann die meisten der genannten Pilze auch im Garten oder auf dem Balkon heranziehen. Nicht immer ist die Kultivierung von Erfolg gekrönt. Aber ein Versuch lohnt sich auf jeden Fall. Ein Bekannter von mir kultivierte den Pilz Shii-take (Lentinus edodes) auf alten Buchenstämmen sehr erfolgreich. Auf Strohballen oder ähnlichem Material hatte er weniger Erfolg.
 
Vorteile der kultivierten Pilze gegenüber Wildpilzen: Gezüchtete Pilze sind unbedenklich. Sie sind kaum oder gar nicht mit Radiocäsium belastet.
 
Wildpilze enthalten nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl von 1986  immer noch radioaktives Cäsium-137, aber auch toxische Schwermetalle. Pilze sind nämlich Schwermetallsammler (Blei, Cadmium, Quecksilber). Wer trotzdem Wildpilze verzehrt, sollte die Lamellen und die Huthaut entfernen, da diese am meisten Schwermetalle aufweisen. Auch sollte man die Wildpilze nicht zu oft verzehren.
 
Wie die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in Wien unter www.13.ages.at berichtet, werden mit einer Mahlzeit 200 g Eierschwammerl (Pfifferlinge), die mit etwa 1000 Bq/kg (Bequerel/kg) belastet sind, nur 0,0028 mSV (Milli-Sievert) aufgenommen. Die natürliche Strahlenexposition beträgt jedoch um ein Vielfaches mehr, nämlich 2,9 mSV pro Jahr.
 
„Da normalerweise Wildpilze nicht in erheblichen Mengen verzehrt werden, ist die Ingestionsdosis selbst dann noch gering, wenn einige Pilze Cäsium-137-Gehalte über dem Grenzwert von 600 Bq/kg aufweisen“, betont die erwähnte Gesellschaft.
 
Es gibt aber auch regionale Unterschiede im Gehalt von Radiocäsium. Diese Schwankungen lassen sich nicht immer erklären. Dazu Mag. Dr. Christian Katzlberger von der erwähnten österreichischen Gesellschaft: „Hier spielen auch Faktoren wie Wald- und Bodenart, Bodenparameter wie pH-Wert und Feuchtigkeit oder herrschende Wetterbedingungen eine Rolle.“
 
Literatur
Dähncke, Rose Marie: „200 Pilze“ (180 Pilze für die Küche und ihre giftigen Doppelgänger“, AT Verlag, Aarau und Stuttgart, 1994.
Lelley, Jan: „Die Heilkraft der Pilze“ (Gesund durch Mykotherapie), Econ Verlag, Düsseldorf und München, 1997.
 
Internet
Im Internet sind mit der Suchmaschine „Google“ viele Infos über Pilze und der Edelpilzzucht zu bekommen (z.B. Edelpilzzucht H. Breck: http://www.edelpilzzucht-breck.de).
 
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