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BLOG vom 15.12.2006


Lübeck in der Sackgasse: Selbst das Marzipan verpasst
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Dort, in der Sackgasse, so wenigstens meinte der Taxifahrer, stecke Lübeck heute, als er mich am 12. Dezember vom Hotel zum Flughafen Hamburg-Lübeck fuhr. Junge Leute wandern aus dieser Stadt (in der Grössenordnung etwa von Basel) ab. Arbeitnehmer pendeln zwischen Hamburg und Lübeck hin und her. Die Bevölkerung von Lübeck hat ein hohes Durchschnittsalter. „Hier finden sie preiswerte Wohnungen, weil alte Leute wegsterben“, meinte er.
 
Ich hatte mich auf den Besuch dieser altehrwürdigen Hansestadt, Geburtsort von Thomas Mann, gefreut. Daraus ist leider nichts geworden. Das Zeitfenster dazu war viel zu eng. So bin auch ich in eine ausweglose Sackgasse geraten – oder soll ich sagen „auf der Strecke geblieben“. Folglich kann dieses Blog nicht als Bericht über eine Stadtbesichtigung gelten, wie etwa zuvor Münster (siehe Blog „Randnotizen aus Münster D“ vom 14.06.2005). Aber für Ersatzstoff ist gesorgt.
 
Selbst für mich als Frühaufsteher war es ausserordentlich mühsam, um 3 Uhr morgens bei Nacht und Regen zum doch recht weit abgelegenen „Londoner“ Flughafen, Stansted genannt (für mich meistens mit „Stillstand“ gleichbedeutend, weil riesige Warteschlangen sich vor den Abflugschaltern stauen) zu fahren. Selbst um 6 Uhr morgens war es nicht anders. Viele der Reisenden haben sogar die Nacht auf diesem verflixten Flughafen verbracht. Noch sind viele nicht erwacht. Immerhin gab es keinen Stau vor dem Schalter für den Abflug nach Lübeck.
 
Ich wusste, dass in Lübeck 7 Kirchtürme sichtbar sind. Endlich verliess das Flugzeug das Regenwolkenmeer, und ich konnte die Türme zählen. Es stimmt: Es sind ihrer 7.
 
Welch friedlichen, kleinen und übersichtlichen Flughafen Lübeck hat, in einem Hangar bescheiden untergebracht! Im einzigen Restaurant war ich der einzige Gast, als ich auf meinen Kollegen aus Heidelberg wartete. Auch er hatte früh aus den Federn müssen, um Lübeck um 10 Uhr zu erreichen. Wie ich zu ihm ins Auto sprang, prasselte der Regen noch heftiger.
 
Ganz in der Nähe absolvierten wir unseren 1. Geschäftsbesuch beim Suppenhersteller Campbell’s, am besten bekannt für seine Suppenkonserven, und einer der wenigen grossen Arbeitgeber in Lübeck. Ausserdem gibt es noch einen grossen Marzipan-Hersteller. Ich wollte mich mit Marzipan für Weihnachten eindecken. Auch diese Absicht fiel ins Wasser …
 
Weiter ging die Fahrt durch unablässig prasselnden Regen; das Ziel lag 170 km oder 2½ Stunden von Lübeck entfernt. Ade Lübeck! Ich fühlte mich dabei wie ein gehetztes Wild. Nichts ausser Wäldern links und rechts sah ich unterwegs durch die Lüneburger Heide und begegnete keinem einzigen Heinzelmännchen. Lastautos versprühten Fontänen, die der Scheibenwischer kaum mehr meistern konnte.
 
Zumindest einen Kaffee wollten wir unterwegs einnehmen. Bei Uelzen verliessen wir die Wildnis. Kamine schloteten, und ihr Rauch vermengte sich mit den tiefhängenden Wolken. Ein IKEA-Verkaufsgebäude machte sich breit. Scheusslich – also weiterfahren. Denn es verblieben uns noch rund 57 km bis zum kleinen Örtchen Suderburg. Im Nu waren wir wieder mitten im Land der Kartoffeln, Beeren und Pilze. Ei, wie werden letztere nach solchem Regen aus dem Boden schiessen und zuletzt in Einmachgläser in den Verkauf kommen! Das Tschernobyl-Desaster hat auch dieses Gebiet versaut. Wie lange dauert es und wie viel Regen braucht es, bis die Schadstoffe entsorgt sind? So lange die Pilze nicht glühen, werden sie gegessen …
 
In Suderdorf hatten wir knapp 25 Minuten Zeit, um den längst überfälligen Kaffee zu trinken. Leichter gesagt als gefunden. Wir beharrten darauf und fanden im letzten Augenblick einen Supermarkt und gleich daneben eine Bäckerei mit Stehbar. Gegenüber war ein Grundstück als „billig“ ausgeschrieben: Ideal für jemand, der gerne durch Wälder wandert. Das wäre nichts für mich bei solchem Wetter.
 
Das 2. Treffen dauerte 2 Stunden. Es war schon wieder dunkel geworden, als wir „Tempo Teufel“, vom Regen treu begleitet, nach Lübeck zurückfuhren. Es war viel zu spät und zu nass, um dort den Weihnachtsmarkt in der Altstadt zu besuchen. Gegenüber dem „ibis“-Hotel war ein chinesisches Restaurant. Das Essen schmeckte dank unseres Heisshungers. Die Schlummerschwere brauchte ich nicht zu suchen. Ich half ihr mit einem einzigen Glas Bier nach.
 
Wieder war ich früh auf. Draussen vor dem Hotel stehend, konnte ich nicht erkennen, ob es Elstern waren oder Krähen, die in Riesenschwärmen schattenhaft den langsam aufhellenden Himmel durchflogen. Ein strahlender Sonnentag machte sich bemerkbar, als ich ins Taxi stieg. Der Chauffeur war ein Lübecker und beantwortete gerne meine vielen Fragen, wies auf die Kirchtürme, die für mich unerreichbar blieben.
 
Die Altstadt war auch in Lübeck vom Krieg zerstört worden und wieder getreulich aufgebaut. Die Stadt ist von vielen Grünflächen umringt. In 10 Minuten sei man im Grünen, das viele Spaziergänger und Radfahrer anlocke, erfuhr ich vom Fahrer. Die Universität habe eine weltberühmte Augenklinik, von einem ebenso bekannten Professor Lacroix geführt. Was man nicht alles während einer Taxifahrt aufschnappt! Mir aber macht es keinen Spass, Städte zu beschreiben, die ich nicht gesehen und erlebt habe.
 
Als mir der Taxifahrer vor dem Flughafen das Wechselgeld gab, hielt er inne und bat mich: „Geben Sie mir diese 2-Euro-Münze zurück.“ Er gab mir dafür die 2-Euro-Gedenkmünze mit dem Holstentor als Wahrzeichen dieser Hansestadt, 2006 geprägt. Davon gebe es nicht viele, fügte er hinzu. So habe ich doch noch etwas von dieser Stadt mitbekommen – eine Rarität. Und wie steht es mit dem Marzipan? Wie kommt es, dass auf allen Flughäfen Landesspezialitäten so rar sind? Das ist wohl der vermaledeiten Globalisierung zuzuschreiben.
 
Wenn die 2 Treffen ergiebig sind, werde ich hoffentlich bald wieder nach Lübeck kommen – und dann zur Besichtigung mindestens einen halben Tag einräumen. Lübeck darf für mich nicht in der Sackgasse stecken bleiben!
 
Hinweis auf weitere Stadt-Beschreibungen von Emil Baschnonga
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