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BLOG vom 13.01.2007


Auf dem Damm, am Hang: Aareweg Biberstein–Rupperswil
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Spazieren sozusagen vor der Haustür ist ein Idealfall: Eleganter und effizienter geht es nicht. Sicher ist das überall möglich; oft dauert es nur etwas, wenn man der vom Motorfahrzeugverkehr verbreiteten Unruhe entfliehen will.
 
In Biberstein (Kanton Aargau, Nähe Aarau), das am Jurahang nach Süden ausgerichtet ist, können wir uns glücklich schätzen: Im Rücken haben wir den Jura mit seinen von vielen Waldwegen durchzogenen Wäldern, die einen recht naturnahen Eindruck machen und nur an wenigen Stellen nach den Methoden der Hochertragsförster in Holzackerbaustil gepflanzt und verfichtet (mit Fichten = Rottannen plantagenartig aufgeforstet) wurden. Und vor uns liegt die gebändigte Aare, die hier zu einem Stausee geworden ist. Dieser bildet den Mittelpunkt unserer häufigen Wanderungen, und er hat zu diesem Zweck genau die richtige Länge – etwa 2,5 km, so dass die gesamte Umrundung bei zügigem Gang ziemlich genau eine Stunde dauert.
 
Der Aareübergang Biberstein
Wir begeben uns jeweils zuerst zur einspurigen Aarebrücke Biberstein−Rohr AG, die während des 2. Weltkriegs von Aktivdienst leistenden Soldaten aus strategischen Gründen erbaut worden ist und bis heute ihren Dienst brav versehen hat. Vorher gab es hier eine Fähre, an die noch das zu einer Art Ozeandampfer aufgemotzte Restaurant „Aarfähre“ erinnert.
 
Beim Aareübergang handelte es sich zuerst um eine Holzbrücke, die am 13. Juli 1940 eingeweiht worden ist. Der damalige Wirt des nahen, erwähnten Gasthauses, Ernst Schärer, servierte den tatkräftigen Soldaten nach vollendetem Werk einen Spezial-Schüblig mit Brot und Kartoffelsalat, gemischt mit Kopfsalat, und 500 Liter Bier. Die Gesamtkosten für die Bewirtung der 332 Mann beliefen sich auf 862 Franken. Am Sonntag, 14. Juli 1940, gab es ein Volksfest, und am 16. Juli 1940 feierten die Behörden das gelungene Werk, angeführt von Oberstkorpskommandant Friedrich („Fritz“) Prisi, Kommandant des 2. Armeekorps, der sich für die Verteidigung des bewohnten Landes statt der Berge und Gletscher einsetzte (im Rahmen der Reduit- = Verteidigungsstrategie, deren Zentrum die Alpenfestung war).
 
Die einspurig befahrbare Betonbrücke Biberstein−Rohr ist 1945 erstellt worden. Im Zusammenhang mit dem Aareaufstau wegen des Kraftwerks wurde die Fahrbahn der Brücke um 115 cm angehoben, und das Holz wurde durch Beton ersetzt. Auf der Ostseite ist ein schmaler, etwas angehobener Weg für Fussgänger vorhanden, von dem aus man beim Brückenkopf Nord (Bibersteiner Seite), die gestalterischen Arbeiten der Biber beobachten kann, ganz in der Nähe der wegweisenden Bibersteiner Bio-Badi übrigens.
 
Lebensmittel- und Stromproduktion
Gleichzeitig fanden im Rohrer Schachen (Rohrerschachen), wie das Gebiet rechtsufrig der Aare heisst, seit dem Beginn der 1940er-Jahre im Rahmen der „Anbauschlacht“ (Lebensmittelbeschaffung wegen der weitgehend geschlossenen Landesgrenzen auf Initiative von Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen) Rodungen und Urbarmachungen statt. Zwischen 1942 und 1945 wurde das Wasserkraftwerk Rupperswil−Auenstein erstellt; es sollte vor allem den Elektrizitätsbedarf der SBB (Schweizerische Bundesbahnen) decken. An der Aare-Südseite wurde ein Damm aufgeschüttet, der heute noch hält und auf dessen Krone und an dessen Fuss landwärts breite Wege angelegt wurden. Der Aufstau der Aare erfolgte zwischen Juni und November 1945, und ab Oktober wurde vom Kraftwerk in Rupperswil, bestehend aus Stauwehr, Maschinenhaus und Unterwasserkanal, der begehrte Strom produziert.
 
Zurück zu den herrlichen Auen
Im Rohrerschachen (im so genannten „Aarschächli“) ist in den letzten Jahren im Rahmen der Verwirklichung des Auenschutzparks Aargau – ein grosses und grossartiges Renaturierungsprojekt – eingeleitet worden. Ein stattlicher Auensee bei Rohr AG und verschiedene kleine Weiher im „Aarschächli“ sind markante Elemente davon.
 
Der Kanton Aargau bemüht sich sehr und mit ökologischem Geschick, die ehemaligen Auengebiete, die durch Flusskraftwerke, Gewässerbegradigungen, Siedlungen und Infrastrukturanlagen eingeengt oder zerstört worden sind, nach Möglichkeit wiederherzustellen und wo immer möglich wieder dynamische Prozesse herbeizuführen. Der Aargau und die Aargauer Gemeinden leisten hier eine vorbildliche Arbeit, an deren Resultaten ich mich immer wieder freue. Regierungsrat Peter C. Beyeler, ehemaliger Bauingenieur ETH, heute Vorsteher des kantonal-aargauischen Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), treibt die von seinen Vorgängern eingeleiteten Projekte mit Sinn fürs Wesentliche voran.
 
Kommen Sie auf den Spaziergang mit!
So viel also zur Vorgeschichte der Landschaft, in der unsere Spaziergänge stattfinden, und es wird Zeit, den Weg unter die Füsse zu nehmen.
 
Am Südende der Brücke gibt es viele Parkplätze; denn viele Leute kommen von auswärts, um sich auf den für Spaziergänge idealen, naturnahen, ungeteerten Aarewegen körperlich zu erfrischen. Hier sind auch gute Orientierungstafeln über die neu gestaltete Auenlandschaft vorhanden. Wir begeben uns in der Regel auf dem vor allem mit Robinien bepflanzten Damm rechtsufrig aareabwärts, dem Kraftwerk entgegen.
 
Der Naturweg auf dem rechtsufrigen Damm ist angenehm zu begehen und zum Kreuzen mit Wanderpaaren breit genug. Manchmal liegt ein vom Wind gefällter Baum herum, wie gerade jetzt, und dann begegnet man wieder Biberspuren: frischen Holzschnipseln im Wurzelbereich des einen oder anderen Baums. Daran kann man die Konstruktions- beziehungsweise Stautechnik dieser Bibersteiner Mitbewohner hier in der Nachbargemeinde Rohr AG erkennen. Niemand klagt in Rohr oder bei uns in Biberstein über diese unbestellten Baumfällaktionen – wir haben Freude am Wirken unseres Wappentiers, das selbst im Gemeindewappen am Nagen ist und hier ebenfalls nicht daran gehindert wird.
 
Das neue Umgehungsgewässer
Im unteren Bereich des Dammwegs gibt es verschiedene Wege, die zur neu gestalteten Auenlandschaft führen. Geht man geradeaus weiter, kommt man, an einem kleinen Bootsanlegeplatz und dann an dem 1969 erstellten und 2006 renovierten Vereinshaus des Freianglervereins Rupperswil (FVR) vorbei, sogleich zum Kraftwerk, das ebenfalls auf Schautafeln erklärt wird. Für weniger technisch Interessierte ist dort seit dem 15. August 2006 mit Wasser belebtes, mit ausgeprägter Einfühlsamkeit gestaltetes Umgehungsgewässer in Aktion: Ein kleiner Teil des Aarewassers (mindestens 2 Kubikmeter pro Sekunde, bei Hochwasser bis 4 Kubik) wird dort, etwa 150 m oberhalb des Kraftwerks, durch ein „Schütz“ (bewegliches Wehr als Einlaufbauwerk) quer zur Fliessrichtung abgeleitet und in eine im besten Sinne naturnah gestaltete Kies- und Gesteinslandschaft mit Schnellen und Tiefwassersektoren umgeleitet, die Fischen und Pflanzen einen neuen Lebensraum bietet. Sie ist 660 Meter lang und bis zu 20 Meter breit, und nach offiziellen Angaben soll es sich ums zweitgrösste Umgehungsgewässer von Europa handeln. Hier wird der Fluss wieder hörbar; er bewegt sich zwischen Steinen, gestaltet selber weiter. Und das gibt auch den Fischen ungeahnte Wandermöglichkeiten – man fühlt sich als Wanderer in bester Gesellschaft. Für den Fall, dass sich müde Fische dort aufhalten wollen, wurden einige Baumwurzelstöcke herangeführt, damit sich die Wasserbewohner darunter geschützt und heimisch fühlen können. Diese Anlage ist unter www.ag.ch/umwelt-aargau/pdf/UAG_34_7.pdf detailliert dargestellt. Dieses neue Werk ist für mich bei jedem Aarerundgang die eigentliche Attraktion, Balsam fürs Umweltgewissen.
 
Das Kraftwerk RupperswilAuenstein
Das Kraftwerk Rupperswil−Auenstein ist zwischen 1942 und 1945 erstellt worden als Beitrag zur energetischen Unabhängigkeit der Schweiz und ihrer SBB. Die mittlere jährliche Stromproduktion der 2 Kaplanturbinen beträgt 214 Mio. kWh. Am Wehr vorbei und beim Maschinenhaus des Kraftwerks ist ein öffentlicher Durchgang; man hört die Turbinen, spürt durch schwache Vibrationen etwas von der gewaltigen Wasserkraft, und besonders im Winter ist es hier warm – denn Reibung erzeugt ja Wärme. Auf der Nordseite ist eine Laufradschaufel aus Stahlguss mit einem Durchmesser von 5,3 m und 40 t Gewicht aus dem Jahr 1945 als Industriedenkmal zu sehen, die während 357 932 Stunden in Betrieb war (100 Umdrehungen pro Minute), ebenso ein Wagen auf Schienen, der ins Wasser abtauchen kann und mit dessen Hilfe grössere Geschwemmselstücke ans Ufer geholt werden können; ein fahrbarer Kran beim Stauwehr hat dieselbe Aufgabe. Den Wasserkraftwerken obliegt es in der Schweiz, alles herauszufischen, was auf dem Wasser angeschwommen kommt, vor allem Äste und ganze Bäume.
 
Hangseitig zurück nach Biberstein
Vom Jura her fliesst im Gebiet „Langere“ nahe beim Kraftwerk ein kleiner Bach, welcher die Tuffsteinbildung vorführt und der bitte nicht beeinträchtigt werden darf. Am Aareufer gibt es einen Rastplatz mit Bänklein und Grill bei weitem Blick über die grün bis braun eingefasste Wasseroberfläche.
 
Ein gut 2 Meter breiter Mergelweg führt dann linksufrig der Aare und dem Jurafuss entlang nach Biberstein zurück. Auch auf dieser Wegstrecke wird es nie langweilig. Die Natur präsentiert sich zu jeder Jahres- und Tageszeit anders. Und am Ufer begleiten den Wanderer viele Enten, die sich an die Menschen gewöhnt haben und von keinen Fluchtgedanken beseelt sind. Man kommt, etwa unter dem Galgenhübel, an Ausbuchtungen im Gelände vorbei, die einst als Steinbruch dienten. Der Weg ist leicht gekrümmt, das Ufer unregelmässig und natürlich bewachsen; das Licht verhilft zu zauberhaften, ständig wechselnden Bildern am spiegelnden Wasser.
 
Gegen den Schluss der Wanderung befindet man sich unterhalb der Ihegi-Häuser, welche die schöne Aussicht geniessen. Man kann kurz zuvor den Aareweg verlassen, einen schräg nach rechts oben führenden Naturweg begehen und kommt ins Gebiet Langenrain und zur Unternbergstrasse und ist gleich im Dorfzentrum Biberstein. An vielen Brunnen mit exzellentem lebendigem Wasser oder in der „Rebstube“ bzw. im „Jägerstübli“ in der Nähe des imposanten Schlosses kann der Durst gestillt werden, das „Rund um die Aare“ abrundend.
 
Hinweis auf einen anderen Textatelier-Artikel zum Thema Aare bei Biberstein
Biberstein, seine Biber und Bleistifte
 
Ein weiteres Blog zu Biberstein
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