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BLOG vom 30.01.2007


La Brévine NE: Winter-Exkursion ins „Sibirien der Schweiz“
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Sibirien ist unter anderem wegen seiner Kälte berühmt. Dieses „schlafende Land“, wie die Übersetzung lautet, im asiatischen Teil Russlands hat sozusagen eine Filiale in der Schweiz, das „Schweizerische Sibirien“, das ebenfalls einen ausgesprochen verschlafenen Eindruck macht: das Brévinetal, 24 km westlich von Neuchâtel im Kanton Neuenburg, direkt vor der Grenze zu Frankreich. Das Brévinetal (Vallée de la Brévine) ist ein mooriges Hochtal rund 1050 Meter über Meer innerhalb des Jurahügelzugs mit einem Bächlein (Le Bied) und dem 1,5 km langen, abflusslosen See, dem Lac de Taillères.
 
Der neuenburgische Hochjura gilt als das Land der langen Winter – und wohl auch der intensiven Winter. Von La Brévine habe ich schon oft in Wetterberichten gehört und gelesen, wenn es darum ging, Rekorde im Minusbereich zu nennen. Und für diesen Winter 2006/07 hatte ich mir vorgenommen, einmal ins Brévinetal zu fahren, falls sich beachtliche Minustemperaturen einstellen sollten. Es dauerte bis zum 24. Januar 2007, bis es in der Schweiz endlich etwas kälter wurde. Die Kälte hielt ein paar Tage an, und La Brévine meldete –20 °C kalte Nächte. Um diese annähernd sibirische Kälte zu spüren, fuhren wir am frühen Morgen des Sonntags, 28. Januar 2007, in Richtung Neuenburg los, zumal bereits wieder eine Erwärmung vorausgesagt wurde und die Wetterprognosen inzwischen doch erheblich an Genauigkeit gewonnen haben.
 
Wir wählten die Route über Neuchâtel–La Chaux-de-Fonds. Diese rasterartig angelegte Stadt mit ihren 37 200 Einwohnern erweckte im Neuenburger Bergland auf 1000 m Höhe unter einer dünnen Schneedecke einen verträumten, friedlichen Eindruck. Unser Weg führte dann nach dem etwa 7 km entfernt gelegenen Le Locle, ebenfalls ein Berglandstädtchen mit etwa 10 000 Einwohnern, das von der Uhrenindustrie geprägt worden ist. Hier war schliesslich die Wiege der schweizerischen Uhrmacherei (ab 1705), die eine Zeitlang beinahe aufgegeben wurde und jetzt wieder zu einem neuen Höhenflug ansetzt – Nicolas Hayek sei Dank. Und davon profitiert Le Locle jetzt ebenfalls. Hier finden sich auch andere Firmen, die Präzisionsgeräte (Mikromechanik und Mikroelektronik) herstellen. Die von Jean-Daniel Richard aus La Sagne (Distrikt La Chaux-de-Fonds) eingeführte Uhrenindustrie strahlte unter anderem auch ins Brévinetal aus, dem wir zustrebten.
 
Bei der Weiterreise in Richtung Südwesten kommt man an verschneiten Weiden und Tannenwäldern sowie vielen einzelnen Tannen (Fichten) oder Baumgruppen vorbei und erreicht bald das Bauerndörfchen Le Cerneux-Péquigno mit seinen auffallend niedrigen Häusern, bei denen Holz an die Stelle von Mauerwerk trat. Im Dorf stehen Wegkreuze und die einzige katholische Kirche der ganzen Talschaft. Die Gemeinde gehörte bis 1819 zu Frankreich und kam im Rahmen einer Grenzbereinigung erst damals zur Schweiz.
 
Vor La Brévine (bei La Chatagne) musste ich anhalten, um diese weisse Landschaft, in der die Kälte richtiggehend sichtbar war, zu fotografieren. Die Fichten, Birken und das Weidengebüsch waren ebenso wie die Stromleitungen in dicke Mäntel aus funkelnden Raureifkristallen gehüllt, im Hintergrund war der Nebel als Weichzeichner an der Arbeit, und eine kräftige Sonne brachte das Bild wie einen Eiskristall zum Funkeln. Eine schockgefrorene Traumlandschaft, die man gern so konserviert hätte.
 
Ich trug eine lange Unterhose, eine schwere Baumwollhose und einen Pullover aus Schafwolle, spürte aber eine Kälte, die förmlich durch die Kleidungsstücke bis auf die Haut vordrang. Hände und Kopf, die ungeschützt waren, erlebten 1:1, was eine Temperatur von minus 17 °C morgens um 10 Uhr bedeutet.
 
La Brévine Dorf
Im Zentrum von La Brévine parkierten wir den Prius auf einem öffentlichen, parkuhrenfreien Abstellplatz, wohin ein Wegweiser weist. Und wenige Meter davon entfernt ist ein sauberes, allgemein zugängliches WC. Solche Details sind auf Reisen manchmal wichtig und ein Zeichen von Gastfreundschaft. Dieses sibirische La Brévine, wo die Temperatur am 12. Januar 1987 auf die Rekordtiefe von –41,8 °C abgesunken war, wurde mir auf Anhieb sympathisch.
 
Wir hüllten uns in dicke Mäntel und warme Mützen, die wir mitgeführt hatten, und erkundeten den bäuerlich geprägten Ort mit seinen zirka 700 Einwohnern, in dem es als einziger Industriebetrieb eine Präzisionswerkzeugfabrik gibt. Die 1604 erbaute, schlichte Kirche ist innen mit viel Holz ausgestattet; es gibt sogar einen Holzboden und einen gebogenen hölzernen Himmel – Ausdruck des Bedürfnisses nach Wärme. Bei einem Lebensmittelgeschäft („Épicerie“) zeigte ein grosses Digitalthermometer -16 °C an.
 
Wir stapften durch den ächzenden Schnee gegen die südlich des Dorfs gelegenen Höhen von Les Fontenettes. Dabei gewannen wir einen besseren Überblick über das Bassin fermé (eine allseits geschlossene Wanne), eine Mulde mit einer weit ausladenden Bodenebene vom Fuss des Gros Taureau im Südwesten bis zum Fuss des Sommartel im Nordosten. Dieses Brévinetal ist etwa 20 km lang und hat eine Breite von schätzungsweise 2 bis 3 km. Hier herrscht die Melancholie eines verschneiten Hochmoors, das gerade von Wäldern auf den beidseitigen Jurakämmen unter einem stahlblauen Himmel abgeschlossen wurde. Die gute Luft und die Stille, die nur von gelegentlich vorbeifahrenden Autos auf der Durchgangsstrasse an der nördlichen Talseite schwach beeinträchtigt wurde, fielen uns sehr angenehm auf.
 
Wir kehrten ins Dorf zurück und wollten in der Auberge „Au Loup Blanc“ von Jean-Daniel Oppliger festlich tafeln. Bei der Exkursionsvorbereitung hatte ich gelesen, dass hier noch auf dem offenen Feuer gekocht werde. Tatsächlich brannte in einem geräumigen Cheminée ein währschaftes Feuer, und grosse Holzscheite lagen bereit. Der freundliche Chef war schwitzend am Werk. Der Speisesaal lud mit festlichem Gedeck ein. Doch leider waren alle Plätze reserviert, und mit dem etwas rauchigen Restaurant nebenan wollten wir nicht Vorlieb nehmen; denn das Sonntagsessen in der Romandie bedeutet für uns immer ein Fest. Also nahmen wir die Exkursion an den nahen Lac des Taillères vorweg.
 
Der Lac des Taillères
In respektvoller Distanz zum See gibt es einen grossen Parkplatz. An 4 mit Raureif geschmückten Birken vorbei erreichten wir das nordöstliche Ufer des Sees, der ein langgestrecktes, im Osten tailliertes Oval ist, das von Schleien, Barschen und Hechten besiedelt sein soll. Der rätselhafte See mit einigen Schilfzonen hat keinen oberirdischen Abfluss, sondern das überflüssige Wasser verschwindet durch einen natürlichen Trichter im Untergrund. Angeblich tritt dieses Wasser in der Areusequelle bei St-Sulpice wieder ans Tageslicht. Das Wasser braucht für den unterirdischen, etwa 6 km langen Weg normalerweise etwa 13 Tage; nach starken Gewittern geht es wesentlich schneller.
 
Der idyllische Lac de Taillères verdankt seine Existenz der Verstopfung des einstigen Ablaufkanals durch Moränenschutt. Nach der Meinung von Talbewohnern soll der See allerdings am Anfang des 17. Jahrhunderts durch einen plötzlichen Bodeneinbruch entstanden sein. Angeblich gibt es auf seinem Boden noch heute Baumstrünke, die diese These stützen.
 
Das Brévinetal ist insgesamt eine grosse Wanne mit Mooren und Sümpfen, dem See sowie Schlucklöchern, welche die natürliche Entwässerung übernehmen. Wahrscheinlich leitet sich der Name La Brévine vom Mundartausdruck brevena = Tränke ab.
 
Im Winter friert der See in dieser oft von steifen Winden durchbrausten Talwanne in der Regel frühzeitig zu. Und zugefroren war er auch am Tag unseres Besuchs. Ich betrat das mit einer dünnen Schneedecke überzogene Eis in Anbetracht der herrschenden Temperatur zuversichtlich und hörte ein lautes Knacken und Krachen, so dass ich mich veranlasst sah, gleich wieder das rettende Ufer aufzusuchen. Die Kälteperiode war für die Bildung einer tragfähigen Eisschicht offenbar noch zu kurz gewesen (oder aber ich war selbst vor dem Mittagessen noch zu schwer). So spazierten wir dem Südufer entlang, vorbei an dick mit Raureifkristallen behangenen Schilfzonen. Etwa in der Mitte des Sees sahen wir mehrere Risse von einem Ufer zum anderen, neben denen das Eis und der Schnee eine bräunliche Farbe angenommen hatten – das waren offenbar wärmere Zonen, die mit der Wasserzufuhr und dem seltsamen Abfluss zu tun haben mögen. Etwas oberhalb säumen mächtige und prächtige Bauernhöfe die Landschaft, Kompaktpakete, welche die kräftige, gesunde und widerstandsfähige Bevölkerung repräsentieren. Der Raureif brachte die davor stehenden Bäume zum Flimmern, Gleissen und Sprühen.
 
„Le Menu“
Mit knurrendem Magen kehrten wir zum Parkplatz und dann ins Dorf zurück. Es war jetzt 13.30 Uhr, und im „Weissen Wolf“ herrschte noch immer Hochbetrieb; die Tische im Speisesaal waren alle besetzt. Wir setzten uns im vorgelagerten Restaurant zu einem älteren, freundlichen Ehepaar aus Le Locle, erzählten und warteten. Wir erfuhren, dass eine andere, nahe gelegene Gaststätte im Ort gerade wegen Renovationsarbeiten geschlossen sei, was den Andrang hier erklären mochte. An einem Nebentisch verzehrte eine Familie genüsslich ein Neuenburger Fondue.
 
Wiedersehen mit dem Val de Travers
Wir erhielten die Speisekarte und entschieden uns für „Le Menu“ (42 CHF): „Brochet Pays de Neuchâtel“ (Hecht) und dann „Filet de Porc Forestière“ (Schweinsfilet) zu einem neuenburgischen Weissen von der Domaine Chambleau. Aber noch 50 Minuten später war es uns nicht gelungen, wenigstens die Bestellung aufzugeben. Der Wirt und das Personal waren hoffnungslos überfordert, und ich wollte nicht bis zum Abend warten und den ganzen sonnigen Sonntagnachmittag vertrödeln. Also verabschiedeten wir uns höflich und fuhren über Bémont–Le Cernil und Les Bayards ins bekannte Val-de-Travers (Blog vom 25. November 2006), um die Landschaft, wo die Bourbakiarmee an einem solchen, aber weniger sonnigen Wintertag (1. Februar 1871) Schweizer Boden betreten hatte, im Winterkleid zu fotografieren. Hier, auf etwa 930 m Höhe, war es wesentlich weniger kalt.
 
Ich verspürte dann einen kleinen Druck im Kopf, was in dem Fall auf einen Salzmangel hindeutete. Wir kehrten im Hotel de Ville in Les Verrières ein, wo die Küche allerdings bereits geschlossen war. Eine freundliche junge Dame bereitete uns eine Tagessuppe (Gemüse-Crème-Suppe mit Speckwürfeli) zu und servierte sie in einer Löwenkopftasse. Ich reicherte die Suppe zusätzlich mit Salz an, und sie mundete immer noch herrlich. Das tat gut. Und am Ende staunte ich über die tiefen Preise: 2.90 CHF für einen Kaffee und 4 CHF für eine Tasse Suppe.
 
Das Val-de-Travers im Winterkleid gefiel mir nicht weniger gut als in der Herbstfärbung, wie ich es noch in lebhafter Erinnerung hatte. Die schneebedeckten Wälder an den Seitenhängen wirkten freundlicher, leichter. Die verwitterten Jurakalkfelsen mit ihren markanten Faltungen traten hell hervor
 
Wir steuerten, von Eindrücken übersättigt, dem Aargau zu. Es gab wenig Verkehr und um 18.20 Uhr waren wir daheim. In einer Bäckerei in La Brévine hatte ich aus einer dumpfen Vorahnung heraus noch ein Weissbrot gekauft. Wir schnitten dieses in Würfel, sammelten Käseresten zusammen und bereiteten ein herrliches Fondue zu, das unseren Hunger vollständig kurierte. Wir schwärmten bei einem Glas Neuenburger Wein nicht nur von dieser Schweizer Nationalspeise, sondern auch vom Brévinetal und den unvergesslichen Kältebildern, die wir in uns aufgenommen hatten.
 
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