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BLOG vom 19.02.2007


Neben der Zementfabrik: Aareuferwege Rupperswil–Wildegg
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Flussbereiche haben immer vieles zu erzählen. Das Wasser zieht Menschen und ihre Anlagen an; Tiere und Pflanzen schätzen diese Lebensräume. Auch ich fühle mich dort gut aufgehoben, selbst im Winter. Am 13. Januar 2007 habe ich vom Aareweg Biberstein/Rohr–Rupperswil AG berichtet, und in diesem Tagebuchblatt geht es um die Fortsetzung flussabwärts, die Strecke zwischen Rupperswil/Auenstein und Wildegg. Wir haben dieses Gebiet an 2 Nachmittagen erkundet: Zuerst begaben wir uns auf die etwa 1,5 km lange Inselzunge unterhalb der Brücke Rupperswil–Auenstein und später wanderten wir dem nördlichen Ufer entlang gegen Wildegg, überquerten dort die Aare im Au-Schachen und kehrten zum Ausgangspunkt Rupperswil zurück (beim Schwimmbad, das jetzt gerade erneuert wird, gibts genügend Parkplätze).
 
Landschaftseingriffe
Zur Vorbereitung dieser anspruchslosen Wanderungen habe ich das von der Gemeinde Auenstein AG 1985 herausgegebene Buch „Auenstein“ mit den vielen fundierten Texten von Gerhard Ammann zu Rate gezogen. Der Autor lebte viele Jahre in der 1968 entstandenen Terrassensiedlung „In den Reben“ in Auenstein, und letztes Jahr übersiedelte er nach Aarau. Das informativ illustrierte Buch öffnet die Augen für die gewaltigen Veränderungen, die hier, am Jura-Südhang knapp nördlich der geologischen Grenze zwischen Jura und Mittelland, vorgenommen worden sind, vor allem im Zusammenhang mit dem Kraftwerkbau Rupperswil–Auenstein ab 1942, einem Gemeinschaftswerk von SBB und NOK (Nordostschweizerische Kraftwerke AG). Aber schon damals war die Gegend nicht mehr jungfräulich; denn bereits in den Jahren 1864–1866 war es zum Zwecke der Verhinderung von Überschwemmungen zu einer umfangreichen Aarekorrektion (im Sinne einer Eindämmung) gekommen.
 
Im Auensteiner Schachen wurde eine umfangreiche künstliche Aufschüttungsfläche aus kiesigen und sandigen Materialien angelegt, und nördlich davon befindet sich das Dorf Auenstein in einer sanften Mulde, die mit Schwemm- und Rutschmaterial vom Hang der Gislifluh (Gisliflue) aufgefüllt worden ist. Vor allem der Bau des Unterwasserkanals (vom erwähnten Kraftwerk bis auf die Höhe der Jura-Cement-Fabriken Aarau und Wildegg (JCF) in Wildegg AG brachte in diesem Gebiet die tiefgreifendsten Veränderungen. Originalton Gerhard Ammann (auf Seite 143 des erwähnten Buchs): „Auf der ganzen Länge vom Kraftwerk abwärts bis zur Wildegger Brücke wurden mit den Aushubkubaturen des Kanals wie auch der Aarevertiefung Aufschüttungen vorgenommen. Ganz besonders deutlich kann man dies im Schachen erkennen. Eine derart ebenmässige Talsohle kann keine natürliche Bildung sein.“ Und weiter auf Seite 147: „Waldrodungen, Ausbaggerungen, Aufschüttungen, Dammbauten, das Stauwehr und das Maschinenhaus, Brückenbauten, Seitenkanäle usw.: All dies führte zu einer totalen Veränderung der damaligen, bis dahin noch relativ natürlich gebliebenen Aaretallandschaft. Heute würde man sagen, dass auch die Ökologie dieser Landschaft tiefgreifendst beeinträchtigt und umgestaltet worden sei.“
 
Und mit Staunen nimmt man zur Kenntnis, dass für diese Landschaftsveränderungen 35 km Geleise (Spurweite: 750 mm) verlegt wurden und 30 Dampflokomotiven, 3 Dieseltraktoren und 526 Rollwagen sowie 17 Bagger im Einsatz standen. Nach getaner Arbeit leuchteten die hellen Betonplatten der Uferdämme und die Blockwurfpartien weithin; inzwischen hat die Natur mit ihrer Patina und ihrer Lust am Besiedeln und Überwachsen vieles kaschiert. Auch die Kraftwerkgesellschaft hatte sich sehr um Begrünungsmassnahmen bemüht; sie legte am Ufer kleine Schlickinseln an und bepflanzte diese mit Schilf und Weiden, und inzwischen hat sich hier eine wertvolle, reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt eingefunden.
 
Die Inselzunge bei Auenstein
Eines der Resultate der Umkrempelungsmassnahmen unterhalb des Wasserkraftwerks ist die Inselzunge, welche den 2,5 km langen Unterwasserkanal auf der Auensteiner Seite und den alten Aarelauf, der eben auch nicht mehr ursprünglich ist, sondern begradigt wurde, voneinander trennt. Sie ist von der Brücke aus mit Wanderwegen versehen und zu einem angenehmen Erholungsraum geworden. Am östlichen Ende gibt es zwar Einrichtungen für Fähren, aber keine Brücke, so dass man den Weg zurück wieder auf der Inselzunge nehmen muss, zum Beispiel jenen ganz in Ufernähe auf der Auensteiner Seite, innerhalb eines recht urtümlich anmutenden Schachenwalds mit einer Mischung aus Laubbäumen und Büschen, die sich in Wassernähe ebenfalls wohlfühlen.
 
Die alte Aare, die beim Eingang zum Zementikanal auch einen Absturzrücken aus Beton erhielt, führt mit mindestens 5 Kubikmetern pro Sekunde nur verhältnismässig wenig Wasser; doch dient sie dazu, in Zeiten von Hochwasser (bis 1300 m3 pro Sekunde) die überschüssigen Wassermassen abzuführen. Das Kraftwerk nützt normalerweise etwa 350 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zur Stromproduktion.
 
Beim grossen Rundgang wählten wir also von der Bücke Rupperswil–Auenstein aus den rechtsufrigen Weg der alten Aare entlang, der einiges zur Lockerung der Fussgelenke beiträgt. Man beschreitet zuerst (im oberen Farschachen), wo sich auch der Fussballplatz befindet, einen etwa 400 m langen alten Damm aus grossen, abgeschliffenen Steinblöcken, die Erinnerung an die frühe Aare-Bändigung durch die Rupperswiler, die von den Überschwemmungen genug hatten und diese gern der Nachbarschaft überliessen. Bald kommt man zur Einmündung des Steinerkanals in die Aare. Beim Einlaufbauwerk gibt es eine Holzbrücke. Der Steinerkanals mit seinem offensichtlich reinen Wasser ist ein Giessen, das heisst ein von Grundwasser gespeistes Gewässer. Dieser Kanal wurde früher durch die danebenliegende Spinnerei industriell genutzt. Das liebliche Gewässer beginnt im Bereich des Aarschächlis bei Rohr AG.
 
Zement-Orgien
Nach dieser Einmündung beginnt sozusagen das industrielle Zeitalter. Man erreicht auf einem gut ausgebauten Uferweg die Abwasserreinigungsanlage (ARA) Wildegg, an die sich gleich die JCF-Anlagen zur Zementproduktion anschliessen, wozu ein kapitaler, runder Brennstoffbehälter als Rundturm (Schweröl) und Berge von ausgedienten Autoreifen gehören, die bis zu 10 % des Brennstoffbedarfs decken. Die Zementfabrik in Wildegg nahm 1891 den Betrieb auf, und zwischen 1927 und 1929 wurden diese Industrieanlagen vollständig umgekrempelt (die Fabrik in Aarau wurde stillgelegt). Die Fabrikanlagen, in die selber riesige Zementmengen eingebaut worden sind, wurden ständig erweitert und neuen technischen Erkenntnissen angepasst. Zementstäube überzogen einst die Landschaft, und Holderbank wurde zum „Dorf der weissen Dächer“; ich kann mich selber noch daran erinnern. Selbst die Blätter der Bäume hatten jeweils im Herbst einen gräulichen Überzug. An Spurenelementen und Mineralstoffen bestand dort keinerlei Mangel. Doch dann wurde Ende der 1960er-Jahre ein Hochkamin von 126 m Höhe errichtet, der zusammen mit leistungsfähigen Elektrofiltern die Zementfeinstäube nicht nur weiträumiger verteilte, sondern wegen der filtertechnischen Begleitmassnahmen massiv reduzierte.
 
Die einzelnen Zementbaukörper der Zementfabrik sind durch in Kanäle eingebundene Förderbänder miteinander verbunden. Und ein leistungsfähiges, 3,7 km langes Transportförderband führt von der JCF aus über eine elegante, im Juli 1963 in Betrieb genommene Brücke über die Aare, alsdann auf Pfeilern über die anschliessende Wiese und schliesslich via Jakobsberg bis zur Oberegg, wo das für die Zementproduktion geeignete Material (Mergel, Kalkmergel, Kalkstein) abgebaut wird. Auch Gips wird dem Zement beigemischt; damit wird die Abbindezeit reguliert.
 
Neuerdings entnahm man das Material insbesondere den Gebieten Jakobsberg (Mergel) und Oberegg (Kalkstein), die sich weitgehend auf Auensteiner Gebiet befinden, und 2005 wurde mit dem Materialabbau im reaktivierten Steinbruch Unteregg in der Nähe des Driving Centers Veltheim, das nach Schafisheim umziehen will, begonnen. Die Auswirkungen der Sprengungen werden jeweils streng überwacht.
 
Es war selbstverständlich immer vorteilhaft, wenn sich eine Zementfabrik in der Nähe von geeignetem Rohmaterial befanden. In Wildegg waren diese Voraussetzungen erfüllt, und wie oben die Aarelandschaft, so nahm dort unten auch der Jurahügel neue Formen an, in den mit Sprengungen tiefe Wunden gerissen wurden. Steinbrecher zerkleinerten das Kalkgestein in faust- bis nussgrosse Stücke, die dann die Reise ins Fabrikzwischenlager antraten.
 
Die Rückwanderung Richtung Auenstein machten wir auf der Hangseite; es war ein sonniger Januar-Sonntag, und wir begegneten nur 2 Reitern, aber keinen Spaziergängern; es handelt sich also um kein ausgesprochenes Erholungsgebiet. Der Weg ist manchmal etwas aufgerissen, und die dunkle Erde klebt an den Schuhen.
 
Auenstein mit Schloss und Kirche
Auensteiner Bauten haben sich im Gebiet Far (Fahr) bis nahe ans Aareufer vorgewagt. Dort gibt es auch ein grosses Lager von vorfabrizierten Zementartikeln. In Ufernähe erblickt man bald einmal das denkmalgeschützte Schloss Auenstein, das seine jetzige Gestalt im Rahmen einer umfassenden Renovation 1928/29 erhielt und einen gepflegten Eindruck macht. Die Besitzerin war damals die inzwischen verstorbene Frau A. Hoffmann. Früher stand es auf einem 7 m hohen Felsen im Aarewasser, auch Ende des 16. Jahrhunderts hatte es noch innerhalb des ehemaligen Aareniederlaufs gestanden. In einer Dorfchronik steht dazu: 
„Zu Auenstein ein Veste war
Auf einem Felse in der Aar.
Daraus vor Zeit Bärn ward getratzt,
Drumb auch der Bär das Schloss zerkratzt.“ 
Heute, nach all den natürlichen und künstlich herbeigeführten Landschaftsveränderungen, hat das Schloss trockene Füsse. Ursprünglich (im 12. Jahrhundert) war es eine Wehranlage gewesen. Möglicherweise gehörte es dem Geschlecht Mangold von Gowenstein und dann (sicher) den Rittern von Reinach im heutigen Aargau. Bei einem Feldzug der Berner wurde die Burg am 10. Januar 1389 bis auf die Grundmauern niedergebrannt – weil man der Macht offenbar „getratzt“ (getrotzt) hatte. Das Schloss, jetzt bestehend aus Burgturm (11×11,5 m) mit Zeltdach und ostseitig angebautem Wohntrakt mit 14 Räumen, wurde im Stile des Historismus auf den Grundmauern aus Kalk- und Tuffsteinen wieder aufgebaut und wechselte häufig den Besitzer; seit dem 19. Jahrhundert ist es in Privatbesitz. Seit 1970 ist das idyllische, umzäunte Schloss mit seinem parkartigen Wäldchen im Besitze der Bauunternehmerfamilie Reller. Die letzte Bewohnerin war die vor wenigen Jahren verstorbene Frau Anna Reller-Löhrli; ihr früher verstorbener Mann, ein erfolgreicher Zürcher Bauunternehmer, bezahlte damals dafür und die 111 Aren Umschwung (inkl. Forellenteich) 700 000 CHF. Die Familie nahm hier ihren Wohnsitz. Seit dem Tod von Frau Anna Reller ist das Schloss wieder verwaist; doch der Unterhalt ist offensichtlich sichergestellt.
 
Beim Weiterwandern treten sogleich weitere Gebäude des Dorfs Auenstein, ehemals eine typische Rebbausiedlung, ins Blickfeld, vor allem die schlichte Kirche, ein romanischer Sakralbau aus dem 11. Jahrhundert, dessen Turm aus dem 14. Jahrhundert stammt. 1653 wurde das Schiff unter der Leitung des Lenzburger Steinmetzes und Maurermeisters Michel Meyer erweitert, und 1966 erhielt die Kirche ein neues Geläute mit 4 (bis dahin 2) Glocken.
 
Auenstein ist ein reizvolles, in sich gekehrtes, ländliches Dorf mit einem an vergangene Zeiten erinnernden Dorfzentrum, zu dem wir in der Nachbargemeinde wohnenden Bibersteiner nur wenige Beziehungen haben, obschon die Bezirksgrenze (Aarau–Brugg), die dazwischen liegt, unsichtbar ist. Aber wie bei uns in Biberstein nutzen viele Leute die Südlage unterhalb der Gisliflue auch in Auenstein, um sich niederzulassen und sich wohnlich einzurichten. Und dazu wurden in den letzten Jahren hier wie dort enorme Zementmengen aufgewendet. Ich weiss jetzt, woher dieser kommt.
 
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