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BLOG vom 24.03.2007


Maloja & Co.: Damit's bei Alpen-Rundwanderungen rund läuft
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
„... ich habe den Golf von Neapel zu allen Tages- und Nachtzeiten, die Normandie und die Bretagne von allen Seiten bewundert, ich habe Ozeane konsumiert und Meere aller Art durchkreuzt, das Golden Gate von San Francisco hat sich vor mir aufgetan, und auch die Rivieren sind mir nicht fremd, ich habe vom Pincio Rom und von Fiesole auf Florenz geblickt, doch ich gebe sämtliche Meere und Seen und Gebirge und Blicke und unbekannter- und ungeschauterweise auch alle Canyons, Fjorde, Watten, Halligen und Haffe, Pampas, Prärien, Heiden und Savannen, inklusive Südsee, Antillen und Goldenes Horn bereitwillig und lächelnd für das kleine Stückchen Erde von Maloja hinunter nach Silvaplana.“ So schwärmte der Wiener Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel in seinem in den 1960er-Jahren erschienenen Büchlein „Lern dieses Volk der Hirten kennen“ – ein Loblied an die Schweiz. Reiseberichte von Ausländern tönen immer euphorisch, und allmählich verstehe ich das.
 
Während meines Berufslebens war ich häufig im Ausland auf Exkursionen, in Osteuropa, im Nahen Osten, in Sibirien, Asien, auf dem amerikanischen Kontinent usf., so dass ich gar nicht dazu gekommen bin, die Schweiz gründlich genug zu studieren. Ich hob diese Aufgabe für die hyperaktive Zeit nach der Pensionierung auf und geniesse nun das Naheliegende in vollen Zügen. Ich war von fremden Ländern oft überwältigt, doch darf ich nun vergleichsweise feststellen, dass die Schweiz durchaus mithalten kann. Unser Land ist dicht von Attraktionen, ja Sensationen übersät. Weigels sich in Superlativen überschlagender Feststellung wird immer aufs Neue bestätigt: „Es gibt viel Schönes auf der Welt und manches Schönste. Doch hier ist für mich das Schönste vom Schönsten.“
 
Ich war zusammen mit meiner Frau 1984 am Silsersee in den Ferien; wir hatten uns in einer einfachen, familiären Pension, dem Restaurant Murtaröl an der Hauptstrasse 3 in CH-7517 Plaun da Lej, eingemietet und fühlten uns gut aufgehoben; besonders die Fischgerichte und die Pizokel (eine Spätzle-Variation mit Käse und Kartoffeln) taten es uns an. Wir erkundeten bei jener Gelegenheit das Malojagebiet gründlich, selbstverständlich auch das berühmte Gletschermühlenreservat auf rund 1860 m ü. M. Die 30 runden oder ovalen bis zu 7 Meter breiten Gletschertöpfe tauchen im Arvenwald bis 11 Meter tief in den harten Bergeller Granit ein. Sie sind die Hinterlassenschaften des Fornogletschers, welcher auf seinem Rückzug kleinere und grössere Steine wie Bohrkreisel unter der Eismasse zum Rotieren brachte.
 
Diese phantastische Landschaft in der Nähe des Schlosses Belvedere, heute ein Schutzgebiet der Pro Natura, kam uns in ihrer Intensität beinahe unheimlich vor. Bei einem Gebüsch lagen Pickel, Äxte, Sägen und Schaufeln, unordentlich hingeworfen – aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wenig später begegneten uns auf den gottverlassenen, gewundenen Wegen 2 merkwürdige Gestalten, eine jüngere Frau und ein Mann, die wir der Weltanschauung des Existenzialismus zuordneten. Sie würdigten uns keines Blicks und keines Grusses. Waren es Schmuggler, Kriminelle? Nach Italien (über den Passo del Muretto nach Sóndrio) war es ja nicht allzu weit, und an Deckung fehlte es hier nicht. Dann kam uns ein junger Mann mit einem grossen Stein entgegen und verschwand damit im Arven-Dickicht. Wollte er die Tiefe eines Lochs ausloten? Waren da vielleicht Umweltschützer im Einsatz? Das Landschaftserlebnis erhielt eine zusätzliche Dimension, auf die wir allerdings weniger erpicht gewesen waren, und das Rätsel blieb uns bis heute erhalten.
 
Die wunderschöne Maloja-Gegend ist selbstverständlich auch im neuen Buch „Die schönsten Rundwanderungen in den Schweizer Alpen“ aus dem AT Verlag, Baden CH, beschrieben, und zwar als Rundwanderung Lunghin–Septimer, die nur geübten Wanderern mit dem gebührenden Durchhaltevermögen und Trittsicherheit zu empfehlen ist. Der Septimerpass, der das Oberhalbstein und das Bergell verbindet, hat eine grosse Geschichte, wurde aber durch die Strassenbauwerke über den Julier- und den Splügenpass konkurrenziert. Laut dem Autor des erwähnten AT-Buchs, David Coulin, erinnern heute nur noch vereinzelte Saumwegpartien und 2 Informationstafeln an die grosse Vergangenheit dieses bescheidenen Passes.
 
Bergwanderungen müssen sorgfältig vorbereitet sein, besonders wenn sie mehrere Stunden dauern wie die Umrundung des Piz Lunghin von Maloja aus (im Gegenuhrzeigersinn) bis zum Septimerpass und weiter nach Maroz Dora und Casaccia an der Malojastrasse – das dauert etwa 7 Stunden. Der Piz Lunghin (2780 m ü. M.) ist die Dreiwasserscheide, von wo aus 3 Flüsse in 3 Meere fliessen: der Inn fliesst in die Donau und ins Schwarze Meer, die Julia speist den Rhein und endet in der Nordsee und die Maira erreicht via Po das Mittelmeer.
 
Gerade Rundwanderungen erfordern oft besonders lange Wanderzeiten, und es ist nötig zu wissen, welche Höhendifferenzen zu überwinden sind und ob es Möglichkeiten gibt, die Tour unterwegs vorzeitig abzubrechen, falls man seine physischen Kräfte überschätzt hat.
 
Das vorliegende AT-Buch ist ein Schaustück und ein praktischer Ratgeber zugleich. Darin hat der Publizist David Coulin (geb. 1967) 50 Rundwanderungen in allen Regionen der Schweizer Alpen und auch im Jura in verschiedener Länge und mit unterschiedlichem, gut bezeichnetem Schwierigkeitsgrad zusammengestellt, wobei aber alle die vorgestellten Routen ohne spezielle Ausrüstung begangen werden können. Zu jeder Wanderung werden hilfreiche Informationen zur Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto geboten.
 
Das Buch liefert auch wenig bekannte Informationen. So habe ich aus dem Begleittext zum Wandervorschlag um den Creux-du-Van („Tanz auf der Felsenburg“) im Kanton Neuenburg erfahren, dass die Fontaine Froide (die kalte Quelle) am Fuss der 200 m hohen, markanten Felswand vom auftauenden Permafrost am Grund der Felsen gespeist wird; dieser Text stammt von Guido Gisler (geb. 1960), Grafiker und Maler.
 
Ich konnte dies zuerst kaum glauben, fand das dann aber in den Forschungsberichten von Reynald Delaloye und Mitarbeitern von der Universität Neuenburg bestätigt; Delaloye hat den Permafrost in tiefen Lagen (1200 m) erforscht. Während mehrerer Jahre zeichnete er die Temperaturen an verschiedenen Stellen der Geröllablagerung auf. Dabei konnte er einen Ventilationsmechanismus nachweisen, der zuvor noch nie beschrieben worden war: Im Winter ist die Luft in der Geröllablagerung 0 bis 5 Grad C wärmer als ausserhalb (–10 Grad C): Dadurch ist sie leichter und steigt durch das Geröll auf; sie entweicht und bewirkt damit das Eindringen von kalter Luft auf den Grund des Gerölls. Diese Zufuhr von kalter Luft erzeugt einen „Kühlschrank-Effekt“ und bewirkt ein umfassendes Gefrieren des Bodens bis in grosse Tiefen. Im Sommer verharrt der bedeutende Kaltluftvorrat in der Tiefe des Gerölls. So liegen die Durchschnittstemperaturen in den unteren Schichten des Gerölls im Jahresdurchschnitt um 3 bis 7 Grad tiefer als die durchschnittlichen Aussentemperaturen (Quelle: http://www.unifr.ch/main/news/detailD.php?nid=257) .
 
So führen also selbst Bücher zu Neuentdeckungen, wie jede Wanderung dann selbstverständlich ebenfalls. Neben dem gesundheitlichen Gewinn stellt sich immer auch eine Zunahme des Wissens ein. Aber es wäre ein Fehler, sich aufs Studium von Wanderliteratur zu beschränken – die eigene Bewegung und Wahrnehmung sind unersetzlich. Ebenso mangelhaft wäre es, sich nicht auf die Bekanntschaft mit einem Gebiet vorzubereiten und dieses hinterher nicht nachzubearbeiten – auf der Grundlage zuverlässiger Literatur. Der Mühen Lohn wäre nur halbbatzig.
 
Buchhinweis
Coulin, David, und Gisler, Guido: „Die schönsten Rundwanderungen in den Schweizer Alpen“, AT Verlag, CH-5401-Baden. ISBN 978-3-038000-233-8.
 
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