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BLOG vom 06.03.2007


Abbau im Raum Auenstein: Vom Jakobsberg zum Jakobsloch
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Wer ein Bauwerk aus Beton baut, gräbt anderen eine Grube. Vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann man sich unter anderem im Materialabbaugebiet „Jakobsberg-Steinbitz-Unteregg-Oberegg“ in Auenstein und Veltheim AG, vis-à-vis von Wildegg, überzeugen. Als sich am Sonntagnachmittag, 25. Februar 2007, die Regenwolken verzogen hatten und ein herrlicher Sonnenschein die Landschaft in ein vorfrühlingshaft-jungfräuliches Licht tauchte, machte ich mich in jenes Gebiet auf, um etwas Bewegung zu finden und um seit langem wieder einmal festzustellen, wie sich der Abbau von jährlich rund 200 000 Kubikmetern Kalk und Mergel zum Zwecke der Zementfabrikation in den Jura-Cement-Fabriken JCF Wildegg in der Juralandschaft bis jetzt ausgewirkt hat.
 
Das Gebiet Jakobsberg beginnt in der Au, nordwestlich der Ortsverbindungsstrasse Auenstein – Veltheim auf der linken Aareseite, gewissenmassen in der Kniekehle dieses Flusses; denn im Au-Schachen dreht die Aare nach Norden ab, ohne sich vom quer stehenden Jurahügelzug irritieren zu lassen. Dort ist auch die Postautohaltestelle Jakobsberg.
 
Das Materialabbaugebiet ist über eine überdeckte Förderanlage, die sich wie ein Riesenwurm durch die Landschaft schlängelt und über ein elegantes, 1963 erstelltes Brückenbauwerk mit Rundbogen die Aare überquert, mit der Zementfabrik Wildegg verbunden. Dieser Förderkanal ist der Nachfolger der Transportseilbahn, die 1963 das Zeitliche segnete. Auf der Landeskarte 1:25 000 („Aarau“, Ausgabe 2003) steht der Begriff „Jakobsberg“ sinnigerweise nicht mehr, denn ein abgetragener Berg ist schliesslich kein Berg mehr, sondern eher ein Loch, eine Einbuchtung, eine Riesengrube, in der sich statt Steinböcken die Amphibien wohlfühlen. Tatsächlich ist der weitgehend abgetragene Jakobsberg einem Amphibien-Laichgebiet von nationaler Bedeutung gewichen. Die liebenswürdigen doppellebigen Frösche, Kröten und Molche, die auf Tümpel angewiesen sind, haben sich nicht ums Zutrittverbot zum Abbaugebiet gekümmert. Und in diesen Landschaftswunden siedeln sich oft auch Pionierpflanzen-Arten an, die sonst kaum noch einen Lebensraum finden. So machen Abbaugebiete also auf andere Art wieder einen Teil des ästhetischen Schadens gut.
 
Das Gebiet Jakobsberg liefert seit 1891 den zur Zementherstellung nötigen Mergel, eine sedimentäre Tonstein-Varietät mit Calcit und Dolomit ohne Reinheitsanspruch. Auch Quarz, Glimmer, Pyrit und Gips dürfen in ihm enthalten sein. Der Mergel im Jakobsberg hat einen verhältnismässig hohen Kalkanteil. Im Jura haben übrigens viele Wald-, Feld-, Wiesen-und Wanderwege einen Mergelbelag, der auch bei nasser Witterung nicht schmiert, weil sich die lehmigen Feinteile im unteren Bereich angesiedelt haben und oben immer kleine, sauber gewaschene Kalksteine sind. Es gibt keine Unterlage, auf der ich lieber wandere als auf trittsicherem, leicht unebenem Mergel, der Stabilität verleiht, ohne steinhart zu sein.
 
Im unteren Teil der wohl einen Viertel eines Quadratkilometers einnehmenden Grube sind 4 Berge mit Altreifen ordentlich aufgetürmt, die in den Zementöfen verheizt werden. Ihre letzte Fahrt.
 
Das Gebiet, das ursprünglich im Rolllochverfahren (horizontale Schächte und Trichter nach oben) ausgebeutet worden war, ist von Werkstrassen durchzogen und macht bei aller Tristesse einen aufgeräumten Eindruck. An den Baumkränzen am oberen Rand kann die ehemalige Geländeform abgelesen werden. Im oberen Teil bei der Förderbandröhre befinden sich eine grosse Fläche aus fast reinem Lehm und daneben ein mit Winterweizen bepflanzter Acker. Dort, in der Moosmatt, beginnt ein wertvolles Landwirtschaftsgebiet.
 
Das Förderband, das oben in einem viereckigen Wehrturm vorübergehend verschwindet, nimmt seinen Weg hangwärts und taucht im Gebiet Oberegg im Wald unter. Dort führen verschiedene Strassen wie die Veltheimerstrasse vorbei, und die Aussicht auf die nahen Neubauten mit den Satteldächern und ins Aaretal ist angenehm – nicht umsonst gibt es dort eine Panoramastrasse, an der eine ausladende, gut in die Landschaft integrierte Villa den Blick auf sich zieht, die vom Volksmund des Schrägdachs wegen „Seilbahnstation“ genannt wird. Wie das Schloss Auenstein an der Aare unten gehört auch sie der Familie Roger Reller. Ich vermutete zuerst, es handle sich um ein öffentliches Gebäude. Man staunt überhaupt, wie Auenstein dort oben gewachsen ist.
 
Wo das Förderband den Wald erreicht, ist ein grobmaschiger, hoher Zaun, der den Zutritt zum Kalkstein-Abbaugebiet Oberegg verhindert; die Absturzgefahr wäre sonst gross. Doch ist es möglich, auf einem breiten Mergelweg, dessen Umgebung auch als Hundeeldorado dient, nach Westen zu spazieren und gelegentlich durch einen Gebüsch- und Waldstreifen an den oberen, ebenfalls eingezäunten Rand der Abbauschlucht zu gelangen und einen Blick in die Tiefe zu werfen. Das dort zu erblickende und in den letzten Jahrzehnten entstandene Tal ist schätzungsweise 800 m lang und etwa 250 m breit. Am schrägen, vom Regenwasser erodierten Nordhang ist dunkler Opalinuston zu sehen. Der Name geht auf den Ammoniten Leioceras opalinum zurück, der in der dunkelgrauen Masse manchmal als Versteinerung enthalten ist. Die Materialentnahmestelle hat bei der Egg am Fusse des Veltheimerbergs seinen Endpunkt erreicht – dort ist Abbau-Ende. Die Kalksteinfelsen scheinen überhängend zu sein und wirken bedrohlich.
 
Dem Verkehrssicherheitszentrum wird der Boden abgegraben
Zement ist wieder gefragter denn je. Und deshalb hat die JCF im Gebiet Unteregg (östlich unter der Oberegg) den dortigen Steinbruch, der stillgelegt war, reaktiviert und mit dem Materialabbau begonnen. Aber genau dort befindet sich das Verkehrssicherheitszentrum Veltheim, das demnächst in einen Steinbruch bei Schafisheim verlegt werden soll, wenn die Beschwerden aus der Fahrbahn geräumt sein werden; die üblichen Abläufe im Baubewilligungsverfahren haben das Projekt etwas ins Schleudern gebracht. Für etwa 300 CHF können Auto-, Motorrad- und Lastwagenfahrer vorderhand weiterhin im bisherigen Driving Center Veltheim an einem Tagskurs teilnehmen, Geschicklichkeit, Koordination erleben und hinderliche Automatismen ablegen. Zudem gibt es eine offenbar spiegelglatte Schleuderpiste, auf der sich viele Autos wie beim Walzertanzen drehen.
 
Die bereits erwähnten Materialentnahmestellen bleiben in Betrieb, um die richtige Mischung der Rohprodukte für die Zementherstellung zu gewährleisten. Doch der Abbau in der Unteregg ist angelaufen, und die Übungspisten des Verkehrssicherheitszentrums sind talseitig etwas gekappt, wodurch der Kursbetrieb leicht eingeschränkt ist.
 
Zudem suchen die JCD nach neuen Abbaugebieten. Aus der Vorselektion sind 3 mögliche Abbaugebiete hervorgegangen. Sie befinden sich in den Gemeinden Effingen/Unterbözberg, Schinznach Dorf sowie Thalheim. Wie geharnischt darauf Effingen reagiert hat, habe ich im Blog vom 28.04.2006  Der globalisierte Zement und die „Schlacht am Bözberg“ dargestellt.
 
Ein Kapitel Zementgeschichte
Die Jura-Cement-Fabriken sind 1882 von Friedrich Rudolf Zurlinden gegründet worden, der noch in jenem Jahr das Zementwerk in Aarau errichtete und dieses 1891 durch das Zementwerk in Wildegg ergänzte. 1966 kam das Zementwerk in Cornaux NE hinzu, und 2001 wurde die JCF von der irischen Baustoffgruppe Cement Roadstone Holding (CRH) übernommen. In Wildegg hat das Unternehmen etwa 130 Arbeitsplätze. Der Zement wird vor allem in der Nordwestschweiz, im Grossraum Zürich und im Lötschberg-Basistunnel verwendet – überall ist eine Dosis Auenstein, wie der örtliche Gemeinderat einmal feststellte. Die betroffenen Gemeinden werden mit günstiger Fernwärme (Wildegg) und Entschädigungen für den Rohmaterialabbau in der Höhe von jährlich mehreren hunderttausend Franken für ihre Nachsicht belohnt.
 
Und schliesslich heisst es, die Zeit heile alle Wunden. Im Moment werden allerdings noch neue klaffende Landschaftsverletzungen herbeigeführt, auf dass die Zeit wieder etwas zu heilen habe.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte von Walter Hess
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