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BLOG vom 28.03.2007


Steinbruch Schümel in Holderbank AG: Offenes Geologiebuch
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Wie ein offenes Geologie-Geschichtsbuch liegt er da, der Steinbruch Schümel, der das Dorf CH-5113 Holderbank (Bezirk Lenzburg AG) am westlichen Fuss des Chestenbergs (Kestenberg) in 2 Teile teilt. Ursprünglich handelte es sich beim Schümel um einen mehr als 60 m hohen Kalksteinhügel. Dann wurde er als Rohstoff für die Zementproduktion benützt. Aus der Not einer gravierenden Landschaftswunde wurde hier nach dem Abbau-Ende ein geologisches Freilichtmuseum gemacht, das wirklich eindrücklich geraten ist. Glücklicherweise haben die Abbauer von Kalksteinen und Mergel für die ehemalige Zementfabrik Holderbank (heute: Holcim) die ans Licht gekommenen geologischen Strukturen als Naturrelief erkannt und mit landschaftsgestalterischem Geschick unbeschädigt belassen.
 
Die einzelnen Schichten (obere Effinger-Schichten, Gerstenhübelkalk, untere Effinger-Schichten als fossilienreicher Malm mit Eisen- und Mangankruste, der auf den Doggerschichten wie den Birmenstorfer-Schichten, Spatkalk und den Parkinsoni-Schichten liegt) sind während der Jurazeit vor 210 bis 140 Millionen Jahren abgelagert worden, horizontal, eine auf der anderen. Während der Jurafaltung vor ungefähr 6 Millionen Jahren – also vor relativ kurzer Zeit – wurden sie aus der Horizontale gerissen, schräg oder steil gestellt und manchmal übereinander geschoben und verfaltet. Bei dieser Gelegenheit haben sich auch Klüfte herausgebildet. Man erhält den besten Anschauungsunterricht zur Erklärung des Begriffs Faltenjura. Der grösste Teil des Juragebirgs wird diesem Faltenjura zugeordnet. Unterabteilungen sind der Kettenjura (mehrere parallel verlaufende Ketten) und der Jura der Freiberge (Plateaujura) mit seinen leicht gewellten Hochebenen.
 
Der Augenschein
Um die Beine etwas zu bewegen, habe ich am späteren Sonntagnachmittag, 25. März 2007, eine kleine Exkursion ins Schümel-Gebiet mitten in Holderbank unternommen. Bei der Temperatur um 8 °C schmolz der in den Vortagen gefallene Schnee, der mit dem Frühling gekommen war, gerade. Das Schmelzwasser bildete Bächlein, und aus einer Gerstenhübel-Kalkschicht trat das Schmelzwasser als kleiner, lebenssprühender Wasserfall hervor und verschwand weiter unten wieder im zerklüfteten Untergrund. Die teilweise mit Schilf bewachsenen Tümpel im Steinbruchareal, die zu einem künstlich angelegten Entwässerungsnetz gehören, waren randvoll und dürften den Amphibien bei der Auslebung ihrer Frühlingstriebe sehr willkommen und dienlich sein. Schilfaufhäufungen am Rand der kleinen Gewässer waren Indizien dafür, dass sie durch den Einsatz von Naturschützern vor dem Verlanden bewahrt wurden. Tatsächlich gibt es zur Pflege des 18 Hektaren umfassenden Naturschutzareals (1996 wurde es dazu erklärt) die Schümel-Naturschutzstiftung, die bei der „Holderbank“ Management und Beratung AG domiziliert ist. Die finanziellen Mittel (750 000 CHF) dafür stammen aus den Zinsen des Stiftungsvermögens, das die „HCB Holderbank Cement und Beton“ eingebracht hat.
 
Der Steinbruchbetrieb, der 1913 aufgenommen worden war, ist seit 1978 eingestellt. Bis dahin sind alljährlich etwa 425 000 Tonnen Fels pulverisiert worden und in die Zementöfen abgewandert. Die Grubensohle wurde dann mit Aushubmaterial aus dem Bözbergtunnel (A3) aufgefüllt, und darauf soll ein neues Dorfzentrum für Holderbank entstehen; 4 Wohnblöcke sind bereits bezogen. An einem davon macht eine Tafel darauf aufmerksam, dass am 17.2.2006 der Damian das Licht dieser urtümlichen Welt erblickt habe. Weiter oben blieb das Gebiet im Wesentlichen unverändert (etwa 2 Drittel des Gesamtareals), und sogar ein kleiner Stollen wurde erhalten, der verschiedenen Tierarten wie Fledermäusen und Amphibien dient.
 
Im unteren Teil des Steinbruchareals wurde eine haushohe Felsnase stehen gelassen (hinter dem Restaurant Felsgarten). Dort startete ich meine kleine Wanderung – an der Nordseite des Steinbruchareals (vom Birkenweg und Lilienweg aus). Auch weiter oben gibt es alte asphaltierte Strässchen, wohl aus der Zeit des Materialabbaus, die plötzlich aufhören, dann wieder Mergelwege oder kleine Fusswege, und an einer schönen Aussichtsstelle wartet eine Holzbank auf müde Wanderer durch die Vergangenheit des Jurahügelzugs. In den 3 Tagen, seitdem etwas Schnee dort lag (23. bis 25. März 2007), hatte sich vor mir nur gerade ein einziger Mensch mit einem guten Sohlenprofil dorthin verirrt, wie aus den Spuren abzulesen war. Ich selber genoss die Einsamkeit beim Vordringen in die Erdgeschichte, begegnete keinem Menschen – und das mitten in Holderbank.
 
Im oberen Teil macht das Steinbruchtal eine leichte Biegung nach Nordost (Richtung Chärnenberg, Kernenberg), wo sich die aargauische Heilstätte Effinger-Hort (Effingerhort) befindet, eine Rehabilitationsklinik für alkoholkranke und medikamentensüchtige Männer und Frauen mit Langzeitschäden an aussichtsreicher Lage. Auch die Aussichten für die dort während Monaten behandelten Menschen sollen verbessert werden. Die ältesten Gebäude mit den Giebeldächern und den grünen Fensterläden stammen aus dem 17. Jahrhundert – das grösste hat ein metallenes Türmchen auf dem Dachfirst. Die Klinik existiert seit 1914. Die Anlage wurde häufig umgebaut und durch einen grobklotzigen Flachdachbau erweitert. Zwischen 1961 und 1979 war die Klinik im Besitze der Zementfabrik Holderbank, wurde dann aber „in heruntergekommenem Zustand“ vom Kanton Aargau zurückgekauft.
 
Der Steinbruch-Oberteil befindet sich in ihrer Nähe. Dort oben, am Grubenrand, kommt man, ständig an Höhe gewinnend, in die Chestenberg-Waldungen, fast reine Buchenwälder. 2 kleine vorspringende Kuppen, die aus dem steilen Wald herauswuchsen, waren fast vollständig mit Bärlauch bewachsen. Die grünen Blätter mit ihrem delikaten Knoblauchgeruch hatten sich erfolgreich aus dem Schnee herausgearbeitet. Ich zupfte eine Handvoll davon ab, die ich noch am gleichen Abend daheim in einer rahmigen Kartoffelsuppe wiederfand. Die Naturschützer mögen mir diesen Frevel bitte verzeihen. Doch hatte ich bei der unendlichen Fülle dieses Bärlauchangebots das bestimmte Gefühl, der Natur keinerlei Schaden zuzufügen.
 
Der Weg führte im oberen Teil über einen kleinen Holzsteg und dann ziemlich steil aufwärts und bot immer neue faszinierende Ausblicke in die Abgründe des Steinbruchs, gewissermassen ins jurassische Innenleben. Ich trug Wanderschuhe mit einem guten Profil, das aber bei dem schlüpfrigen Matsch nicht eben viel weiterhalf. Und besonders der Abstieg gestaltete sich recht schwierig; ich konnte aber immerhin noch verhindern, auf dem Hosenboden hinunterrutschen zu müssen.
 
Natur-Informationen
In der Nähe eines mit Schilf bewachsenen Weihers auf einer grösseren Terrasse findet sich ein Informationspunkt in Form von 3 zu einem Dreieck gefügten Informationstafeln. Der interessierte Wanderer erfährt dort, wie es möglich ist, dass an sich standortgebundene Pflanzen in einen Steinbruch einwandern können, um dort einen neuen Wuchsort zu finden: Sporen, Samen oder Früchte dienen als Ausbreitungseinheiten, und der Wind hilft dabei mit – die Pflanzen wählen also den Luftweg. Andere kommen als blinde Passagiere dank Vögeln und Säugetieren ins Gebiet. Auf diese Weise haben sich im Naturschutzgebiet Schümel die Traubeneiche, der Gefranste Enzian, die Bienen-Ragwurz, die Purpurweide, der Huflattich, der Bergahorn, der Hügel-Waldmeister, die Fächer-Steinmispel, die Hundsrose und der Blaustern eingefunden.
 
Der Steinbruch liegt in einem artenreichen Gebiet: In der Nähe sind das Auengebiet der Aare und die Jurakette des Chestenbergs mit seinen Buchenwäldern. Das ehemalige Hügelgebiet Schümel („Länzbiger Rebe“ = Lenzburger Rebe, „Chilerai“) war seinerzeit mit Reben bepflanzt, oder aber es gab Halbtrockenrasen, Säume, Dornhecken, Föhren- und Eichenwäldchen. Einige Pflanzenarten wie der Wohlriechende Handwurz und die Spitzorchis sind verschwunden, andere wie der Krautige Backenklee und das Rauhgras sind hinzugekommen.
*
Ich bekam das Gefühl, der ehemalige Steinbruch sei in guter Obhut, werde sorgfältig gelenkt, ohne dass dadurch die natürliche Dynamik behindert wird. Das aufgeschlagene Geologiebuch gilt als Geheimtipp für die Natur- und insbesondere Geologiefreunde, vermittelt geradezu sensationelle Ein- und Ausblicke, auch zu den ehemaligen Zementfabrikationsanlagen, wo jetzt „Fixit“ steht, und weiter bis zur Gislifluh.
 
Bei aller Ehrfurcht vor dem ökologischen Wert alter Steinbrüche und Kiesgruben hoffe ich aber doch, dass die Gislifluh, unser Bibersteiner Hausberg, nicht auch noch abgetragen wird, auch wenn das Baugewerbe mit seinem Zementbedarf ja wieder gute Zeiten hat.
 
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