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BLOG vom 04.04.2007


Aus England: Zeit, wieder einmal meinen Kropf zu leeren
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Fluglärm
Als Frühaufsteher gehe ich meistens rechtzeitig schlafen, so auch gestern. Wenn die Bise, wie während der letzten Tage, kräftig aus dem Osten oder Nordosten bläst, überfliegen die Flugzeuge dröhnend Wimbledon – eine Maschine um die andere ohne Unterlass. Wimbledon befindet sich auf einem Hügel. Somit ist das Gedröhn für mich ohrenbetäubend. Andere Leute stopfen sich Zäpfchen in die Ohren. Ich aber kann diese nicht vertragen und erdulde den Lärm machtlos mit zunehmendem Ärger. Man merkt es: Ostern steht uns bevor.
 
Aus dem Norden fliegen die Zugvögel in den Süden. Das ist ihnen zu gönnen, wiewohl es bei uns oft wärmer ist als anderswo, weiter unten im Süden. Langsam, aber sicher geht das Zeitalter der Billigflüge zu Ende. Dann können nur noch die Reichen in den Süden fliegen. Das ist höchst ungerecht.
 
Ehe die Wochenmitte erreicht ist, geraten die „Daheimgebliebenen“ in den Gewaltsstau. Selbst die verbreiterten Autobahnen können so viele Autos einfach nicht mehr schlucken.
 
Aber bleiben wir bei den Flugzeugen: Der Tag mag mit strahlend blauem Himmel beginnen. Innerhalb weniger Stunden ist der Himmel vom Auspuff der Kriegsflugzeuge weiss durchzogen. Was als Kreidenstriche aus den Düsen quillt, verbreitert sich zu Wattebäuschen. Der blaue Himmel ist verpfuscht und vernebelt den Sonnenschein. Nein, es herrscht kein Luftkrieg in England. Es sind die unzähligen Übungsflüge dieser kriegslüsternen Nation, die den Himmel verschandeln. Diese Maschinen kommen wohl bald zum Einsatz, wo immer das abgetakelte Imperium seinen eingefleischten Herrscherwillen aufzwingen will.
 
Falklands
Vor 25 Jahren siegte die englische Armada 2:1 in diesem kleinen Inselreich, den Falklands, am Ende der Welt, wo ungleich mehr Schafe als Menschen leben, über die Besatzungsmacht der Argentinier. Nur 3 Zivilisten kamen ums Leben. Dieser Sieg kostete das Leben von 255 britischen Soldaten. Bei ihrer Niederlage verloren 640 Argentinier ihr Leben. Das Gerangel um den Besitz dieser Schatzinsel schwärt weiter. Mit viel Fanfare und Patriotismus feierte England übers letzte Wochenende seinen Sieg auf der Insel selbst und auch zuhause beim „National Army Museum“ im Chelsea (südwestlicher Londoner Stadtteil).
 
Der Völkermord in Tasmanien
Noch ein trauriger Schandfleck in der Geschichte Englands: 200 Meilen von Australien lebten einst abgeschieden rund 6000 Ureinwohner in Tasmanien, nicht weniger als 10 000 Jahre lang unbehelligt und von der Welt abgeschnitten, da die Landbrücke vom hochsteigenden Meeresspiegel überflutet worden war.
 
Zuerst landeten die Holländer vorübergehend auf dieser Insel. Als die Engländer auftauchten, richteten sie dort eine Strafkolonie ein. Die verbannten Schwerverbrecher aus England, unterstützt von der Regierung, metzelten die Einwohner auf grausamste Weise nieder. 1803 gab es noch mehr als 5000 „Aborigines“ (wie die Ureinwohner auch in Australien genannt werden) – 1833 überlebten noch 300. Heute gibt es keinen Einzigen mehr. Innert 75 Jahren wurde eine Rasse systematisch ausgelöscht. Selbst Fragmente aus der Geschichte dieser Ureinwohner fehlen. Ich kann es kaum schreiben: Die Ermordeten wurden den Hunden zum Frass vorgeworfen. Die Tasmanier wurden als das „fehlende Glied“ zwischen Menschen und Affen bezeichnet, Bibel hin oder her.
 
Jetzt, wo England gezwungen wird, sich für das den Sklaven zugefügte Leid zu entschuldigen, ist es zu spät, bei den Tasmaniern Abbitte für den Genozid zu leisten. Sie wurden allesamt ermordet.
 
Nochmals eine Insel: Ein Paradies für Affen
Auf 6 Zwerginseln bei Monrovia an der Küste von Liberia werden Schutzgebiete für ausgediente Laboratorien-Schimpansen eingerichtet. 70 Affen wurden dort bereits angesiedelt. Es gefällt ihnen dort derart gut, dass sie viele Affenbabys zeugen – ein wahrer Babyboom. Deswegen wird geplant, sie jetzt zu sterilisieren … Immerhin sind Tierliebhaber froh, dass Affen nicht länger auf „humane“ Art getötet werden, sobald sie von den Laboratorien nicht mehr gebraucht (lies: missbraucht) werden. Hoffentlich folgen den Schimpansen-Schutzgebieten auch solche für Rhesusaffen, Urang-Utans, Gorillas und andere Artverwandte. Man möge sie in Frieden lassen.
 
Zum Gerangel zwischen England und Iran
Was würden Sie tun, wenn Ihr Nachbar Ihnen ins Gehege käme? Die Küstengewässer zwischen Irak und Iran sind umstritten und folglich im wahrsten Sinne flüssig. Und die Engländer sind nicht einmal Nachbarn dieses Landes, sondern seit alters her Störenfriede.
 
Aus dem Hinterhalt hat ein bewaffnetes iranisches Schnellboot 14 britische Marinesoldaten als Geiseln aufgegriffen und in Teheran zum Fernsehspektakel aufgespielt. Die Engländer sollten sich für diese vermeintliche Grenzverletzung tunlichst entschuldigen. Aber genau das wollen sie nicht tun. Die Vereinten Nationen äusserten sich vorderhand zurückhaltend zu diesem Vorfall. Nur der Büffel (Präsident George W. Bush) hat wieder einmal seinen beschränkten Sprachschatz überzogen und die Iraner zusätzlich aufgewiegelt.
 
Jetzt besteht die Gefahr, dass gemässigte Stimmen in Iran von den Streithähnen überschrieen werden. Nebenbei die Frage: Was hat die Mutter (Fayne Turney) eines Kleinkindes in der britischen Armee mitten im Krieg verloren?
 
Hoffentlich endet dieses diplomatische Ränkespiel bald. Oder wollen es die Iraner als Ablenkungsmanöver in die Länge ziehen, um ihre Urananreicherung voranzutreiben?
 
Am Montag, 2. April 2007, endeten die persischen Neujahrsfeiern (Norouz) mit dem beliebten Picknick weiter Kreise der Bevölkerung auf dem Land. Sie haben kaum wahrgenommen, was sich an der Küste abgespielt hat.
 
Der Pensionsskandal spitzt sich zu
Wie gut, dass der „Freedom of Information Act“, den Kanzler Gordon Brown zwang, Farbe zu bekennen, als er im Budget vor 10 Jahren die englische Pensionskassen ausgeplündert und sich dabei souverän selbst über die Opposition in der eigenen Partei hinweg gesetzt hat. (Er hat u. a. die Steuerkredite auf die Dividende der Pensionskassen aufgelöst). Ein weiterer Raubzug auf die Pension war auch im letzten Budget kaschiert und wird sich ab 2008 nachteilig auf das Einkommen vieler Pensionierten auswirken, die es ohnehin schon schwer genug haben, mit ihrer mageren Pension durchzukommen. Er selbst hat es ungleich besser: Eine Pension von £ 53 000 pro Jahr steht ihm bevor, doppelt so viel, wenn er Ministerpräsident wird. (Die Malaise um Pensionen hat viele Facetten, die in tausenden von Paragraphen versteckt sind.)
 
Das „if“ – also „wenn überhaupt er PM wird“ – ist erst jetzt in der Presse aufgeflitzt. Die Leute haben genug von seinen fiskalen Pokerspielen. Gordon Brown hoffte umsonst, sich mit seinem Abstecher nach Afghanistan und dank den bevorstehenden Ostern von den Folgen seiner Manipulationen mit den Pensionskassen entzogen zu haben. Meines Wissens gibt es kein anderes Land in Europa, das derartige Raubzüge auf Pensionen unternimmt.
 
Die Niederlage der Supermarktkette Tesco in Finchley (London)
Dies ist die 2. Niederlage für Tesco innert einer Woche. Auf allen Schleichwegen versucht diese Kette, immerfort neue Läden in bereits dicht von Ketten besiedelten Strassen einzurichten. Diesmal verlor Tesco die Baubewilligung für einen Selbstbedienungsladen auf einer ehemaligen Tankstelle in Finchley. Versteckt hinter dem Rücken einer anderen Firma wollte sich Tesco die Bewilligung sichern.
 
Dank dieses Entscheids des „municipal council“ (Quartierrat) ist das Bestehen von 24 unabhängigen Geschäften vorderhand gesichert. Auch wir kaufen in Supermärkten ein: Vieles ist billiger und die Auswahl grösser. Aber wie ich feststellen konnte, sind die Preise im kleinformatigen Tesco-Laden oben in Wimbledon höher als unten beim Broadway Wimbledon. Es hat mehr als genug Kettenläden aller Art in London, die ich stinklangweilig finde.
*
Jetzt ist meine Familie ernstlich besorgt, dass ich wegen meines aufsässigen Blogs bald des Landes verwiesen werde … Ich hoffe, dass es kein Engländer über Ostern liest.
 
Hinweise auf weitere Blogs zum Leben in England
21.04.2005: Monster und Lichtblicke: Was alles in der Zeitung stand
19.03.2005: Den Parksündern in London platzt der Kragen
05.01.2005: Abschied vom Londoner Routemaster
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