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BLOG vom 06.04.2007


Das Emmentaler Innenleben nach Rausser-Art ergründet
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In einem seiner prächtigen und aussagekräftigen Fotobände (Titel: „Bern.Berne“) hat Fernand („Sepp“) Rausser, einer der talentiertesten und bekanntesten Schweizer Fotografen (81), einen Berg von Merängge mit Alpenidle (Meringue, Meringe mit Schlagsahne aus den Alpen) im Gasthaus Mettleralp festgehalten. Diese süsse, luftige Erhebung auf dem Teller ist das Zentrum des Geschehens, und im Hintergrund sind, durch einen Weichzeichnereffekt bei schwacher Beleuchtung etwas in die Unschärfe zurückgenommen Menschen zu sehen, die sich an solchen Lustbarkeiten gütlich tun.
 
Zumindest im gastronomischen Sinn sind solche Eiweiss-Berge das Herz des Emmentals im Kanton Bern. Und das geografische Herz dieser hügeligen Landschaft mit ihren heimeligen Dörfern, Weilern und Einzelhöfen könnte das Oberemmental nahe beim Gipfel des Napfs sein, vielleicht dort hinten im Fankhausgraben, auf der Mettlenalp auf 1060 m ü. M.
 
Die Reise auf die Mettlenalp
Von Langnau im Emmental aus folgt man der Ilfis, einem wilden Nebenbach der Emme, nach Osten bis Bärau (gehört zur Gemeinde Langnau i. E.), wo es eine erneuerte Heimstätte für Betagte und Behinderte gibt. Der Weg führt an der 1793 erbauten Fuhrenbrücke vorbei, eine einjochige Holzbrücke mit doppeltem Trapezhängewerk, und weiter bis Trubschachen (ehemals Lauperswilviertel, etwa 1600 Einwohner). Mitten im Dorf steht einer der schönsten Gasthöfe mit dem häufigen Namen „Zum Bären“ – es soll sogar der älteste „Bären“ überhaupt sein, falls mir kein Bär aufgebunden worden ist. Dieser Gasthof ist ein wunderschöner Ständerbau (senkrecht stehende Ständerkonstruktion) mit einem Ründegiebel (einer „Ründe“, wie die Emmentaler verkürzt sagen). In dieser Gegend sind also Handwerker tätig, die mit Holz umzugehen verstehen und Sinn für Ästhetik haben.
 
Bei Trubschachen biegt man nach Nordosten ins Tal der Trub ein, erreicht Längengrund und dann Trub, ein originales Emmentaler Bauerndorf, wo gerade die Umfahrungsstrasse in Reparatur und deshalb aufgerissen ist. Rechterhand begrenzt die Anhöhe Risisegg die Sicht. Etwa 1 km weiter oben teilt sich die Trub in den Brandöschbach und den Fankhausbach auf. Wir folgten dem Fankhausbach, tauchten also leicht nach rechts in den Fankhausgraben ein, eine wild-romantische Gegend neben dem von menschlichen Bändigungsversuchen gezeichneten Bach, an dessen Ufern gerade geholzt worden war. Nach Gold habe ich den Bach nicht abgesucht, auch wenn ich keine Berührungsängste zur vermuteten Goldader in der Napf-Nagelfluh gehabt hätte.
 
Wir erreichten dort am 31. März 2007 die Schneegrenze, welche von der Sonne, die sich ihren Weg zwischen Wolken, Hügeln und Tannenwäldern bahnte, soeben etwas nach oben versetzt wurde. Es tauchen weitere vereinzelte Gehöfte auf – Stockmatt, Mettlen, bis dann die Mettlenalp am Südfuss des Napfs in unser Blickfeld geriet. Dort lockt das Restaurant Mettlenalp (www.mettlenalp.ch), das seit 1994 von der Familie Peter und Vreni Siegenthaler geführt wird, mit einem Plakat, dem zu entnehmen ist, dass darin jederzeit Währschaftes nach Emmentaler Manier zubereitet wird: Hübeliwürste, Bauernbratwürste, Älplerrösti und dergleichen schmackhafte Energieträger für Leute, die im Leben hart zupacken müssen und auf Kalorien angewiesen sind. Von hier aus führt eine Warentransportbahn auf den Napf (1408 m ü. M.), der im Übrigen nur zu Fuss erreicht werden kann, und das ist einer seiner Vorzüge.
 
Als wir das (gemäss Auskunft aus 1. Hand) im Jahr 1818 erbaute und mit Sinn für Blumen und anderem Schmuck dekorierte Emmentalerhaus betraten, schüttelten uns Frau und Herr Siegenthaler zur Begrüssung herzlich die Hände. Sie hatten uns erwartet, weil sich Ursula Rausser-von Allmen als gewissenhafte Koordinatorin des Ausflugs vorher telefonisch erkundigt hatte, ob das Haus offen sei. Das Restaurant ist eigentlich eine heimelige Stube mit einfachen, zweckmässigen Möbeln und Wänden aus Nadelholz, das dort oben wächst, mit Holzschnitten an der Wand, welche das ländliche Jahr im Emmental mit seinem reichen Brauchtum und seiner mühseligen landwirtschaftlichen Arbeit vorführen. Wir bestellten für 4 Personen eine einzige Merängge, dazu Kaffee und andere Getränke. Der schwungvolle, dekorativ durchfurchte Hügel aus Eischnee und Rahm mit einer blauen Traube auf dem Kulminationspunkt bot mehr als genug für alle 4. War da vielleicht noch ein Hauch von Vanille im knusprigen Eischnee drin? Mir kam es so vor. Ganze 7 CHF wurden uns dafür in Rechnung gestellt.
 
Die Wirtin und der Wirt setzten sich zu uns, was das familiäre Gefühl verstärkte. Da war man daheim, gut aufgehoben. Wir erfuhren, dass man von hier aus schöne Napfwanderungen unternehmen kann, auch auf die andere Seite ins Entlebuch. Und sogar in die Merängge-Herstellung wurden wir eingeweiht; der Eischnee muss langsam gebacken werden, eigentlich ist das fast nur ein Trocknen auf höherer Temperaturebene (eine gute Stunde bei etwa 150 °C). Die Herstellung überlässt man meistens den Bäckereien. Die Nidle komme vom Hof, beteuerte Frau Siegenthaler, und das spürte man auch. Das war kein Industrieprodukt.
 
Oft werden auf der Mettlenalp gemütliche Familienfeste veranstaltet, und im Spycher (Speicher) nebenan können bis 28 Personen übernachten. Der Bauernhof wird von der Familie des Sohns betrieben, und die Schwiegertochter Annekäthi hilft bei Bedarf bei der Gästebetreuung mit: ein Familienbetrieb also, wie er im Buche steht. Kein Wunder, dass dieses Bijou in Raussers Bern-Buch Einzug hielt.
 
Sepp zertrümmerte, ja sprengte die Meringue mit dem Geschick des erfahrenen Bergmanns: Er steckte einen Löffel in jene Zone, wo die Merängge noch eine Spur von einer sirupartigen Konsistenz bewahrt hat und schlug mit der Handfläche bei dosiertem Schwung auf den Löffelstiel, damit sich der süsse Fels in Stücke trennte und wir alle ebenfalls zuschlagen konnten. Die Emmentaler Atmosphäre war perfekt, auch ohne Emmentalerkäse.
 
Vielleicht ist nicht das Herb-Rezente, sondern das Zuckersüsse der im Emmental vorherrschende Geschmack. Diesen Eindruck verstärkte sich mir im Fabrikladen der Firma Kambly in CH-3555 Trubschachen, wo man das ganze Biskuit-Sortiment degustieren und sackweise günstig kaufen kann, darunter auch die Bretzeli und Tuiles aux Amandes, wie man sie seit bald 100 Jahren kennt, falls man alt genug ist. Das international tätige Unternehmen beschäftigt etwa 400 Mitarbeiter und hat seiner Seriosität wegen einen guten Ruf.
 
Der Weiler Ried bei Zollbrück
Ein ortskundigerer Reiseführer als Sepp dürfte schwer zu finden sein. Er erläuterte uns die Besonderheiten von jeder Ortschaft, von jedem Weiler und führte uns auf dem Rückweg unterhalb von Langnau (bei Zollbrück, Gemeinde Rüderswil) über die Riedematten zum Weiler Ried, der zwischen dem Oberen und Unteren Frittenbachgraben wie ein längliches, kompaktes Band aus Gehöften unter schweren, schützenden Ziegeldächern zur Lobpreisung der Emmentaler Holzbauweise in der Abendsonne auf uns zu warten schien. Wir waren vom Charme dieser Ansammlung stattlicher Emmentaler Wohnbauten und Speicher entzückt. Ein Reisbesen, der sich an ein Treppengeländer anlehnte, war das Symbol für die Sauberkeit und Ordentlichkeit, von denen dieses Dörfchen ebenso geprägt ist wie vom Traditionsbewusstsein, typische Eigenheiten dieser Gegend. Dass es so etwas noch gibt: Bemalte Türen mit handgeschmiedeten Schlössern. Sprossenfenster mit gehäkelten Vorhängen, verzierte Veranden und Dachträger, angebracht von Zimmerleuten mit Sinn für Statik und Eleganz der Form, Bauerngärten mit Buchseinfriedungen in fantasievollen geometrischen Formen und Schweinen in einem Gehege, welche die Frühlingsluft lustvoll beschnupperten! Eine Erinnerung an Jeremias Gotthelf, der ganz in der Nähe (nach Ramsei in Lützelflüh) das Treiben im Emmental beobachtet und beschrieben hatte, wobei er gewisse erzieherische Absichten nicht verhehlte.
 
Umschau in der Umgebung der Lueg
Nach Hasle-Rüegsau steuerten wir zum Ausklang die Lueg an. In der Rinderweid in CH-3416 Affoltern i. E. verlockte uns ein Ab-Hof-Verkauf in einem Häuschen am Strassenrand dazu, uns mit Schwartenwürsten, Schafswürsten, Goldmelissensirup und einem eigenen Kirsch (50 %, 26 Fr.) einzudecken; mehr stand nicht auf der Etikette. Ob das Gebrannte gut sei, frage ich den Bauern, Peter Mumentaler, zur Sicherheit. „Schmöked emol draa!“ (riechen Sie einmal daran!). Ich öffnete den Schraubverschluss: Ein delikates, feines und doch kräftiges Aroma. Die Würste, die wir in den folgenden Tagen daheim genossen, erinnerten an die derben, bissfesten Hausmachererzeugnisse von früher, die das Landleben in kompakter Form auf die Zunge brachten.
 
Über die Landschaft fuhren wohl ein Dutzend Ballone in geringer Höhe – wir waren unverhofft in die Emmentaler Ballonwoche geraten. Und einer der Heissluftballone wurde in der Nähe von Biembach bei der Landung von einer Böe erfasst und kam mit einer Elektrizitätsleitung in Kontakt; der Strom fiel sofort aus. Die Passagiere kamen mit dem Schrecken davon, wie ich später aus den Radionachrichten vernahm. Im Gebiet um Hasle-Dorf gab es eine Zeitlang keine Elektrizität mehr.
 
Zum Ausklang und um uns für die Rückfahrt nach Raussers Wohnort Bolligen BE zu stärken, kehrten wir noch im Landgasthof zum Hirschen in CH-3413 Kaltacker ein, ein uns bekanntes Haus, das sich der gepflegten Gastlichkeit verschrieben hat, ohne den Bezug zu den Emmentaler Eigenheiten zu verwässern. Sogar die grassierende Anti-Raucher-Kampagne wurde dort besonders elegant gelöst. Auf den Tischen des Speiselokals stehen kleine Zettelchen: „Rauchen? Kein Problem. Aber es wäre schön, wenn Sie sich während der Hauptessenszeit ein bisschen zurückhalten könnten. Herzlichsten Dank!“
 
Die Emmentaler verstehen es, ein persönliches Fluidum zu schaffen, Zeitzeichen diplomatisch zu begegnen und die eigene Kultur nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, so dass man sich bei ihnen wohlfühlt. Und unsere prominente Reiseleitung hatte sich bei der Auswahl des Typischen selber übertroffen.
*
 
Hinweise auf Rausser-Bücher zum Thema
Imfeld, Niklaus (Herausgeber): „Augenblicke. Der Fotograf Fernand Sepp Rausser“, Verlag Stämpfli+Cie AG, Bern, und Westiform Boos+Hahn, Niederwangen-Bern 1996. ISBN 3-7272-9574-0.
 
Dieses biografische Werk bietet einen einzigartigen Einblick in Raussers Schaffen und seine Art des Sehens, der Wahrnehmung. Aus dem Vorwort von Joseph Marti: „Rausser gibt uns einen anderen Blickwinkel, er bestimmt den Ausschnitt, er gestaltet das Bild nach seinem subjektiven Empfinden. Damit gibt er uns eine Wegrichtung des Betrachtens, überlässt uns aber die Arbeit, aus seiner ‚Aussicht’ die Schlussfolgerungen zu ziehen.“ Ja, das Buch ist faszinierend, enthält faksimilierte Reportagen aus der Zeitschrift „Die Woche“, aber auch Pressebilder, die auf leisen Tönen fussen, dennoch eine unwahrscheinliche Aussagekraft entfalten und von tiefer Menschlichkeit mit all deren auseinander strebenden Lebensäusserungen geprägt sind. Fernand Rausser ist immer der künstlerisch tätige Hoffotograf, ob er nun einen Bettler oder die Fürstin Gracia Patricia von Monaco ins Bild rückt. Zudem ist er ein begnadeter Cartoonist. Mit solchen aufrüttelnden Illustrationen hat Fernand Rausser auch unser gemeinsames Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ (Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005) trefflich und zugleich amüsant illustriert.
*
Rausser, Fernand: „Bern. Berne. Kaleidoskop eines Kantons“, Verlag Stämpfli+Cie AG, Bern, 2003. ISBN 3-7272-1167-9.
 
Dieses einmalige Werk spiegelt ein Stück Heimat meistens in nebeneinander gestellten Gegensätzen. So ist neben einem (vegetarischen) Früchtekorb der Kindlifresserbrunnen in Bern abgebildet – und neben der kleinen Kirche Würzbrunnen im Grünen das Berner Münster, das von einem Meer aus Ziegeldächern umspült ist. Und neben der erwähnten Merängge auf der Mettlenalp ist der Festsaal des Grand Hotels Victoria-Jungfrau in Interlaken zu sehen, wo auch Ursula, geborene von Allmen, und Sepp am 1. April 2005 ihre festliche Hochzeit feierten. Bei alledem geht es dem Fotografen um facettenreiche Kulturäusserungen, die er selber nicht wertet. Zu seinen Gegenüberstellungen von formal ähnlichen, aber in der Aussage komplett gegensätzlichen Fotos schrieb Sepp Rausser im Vorwort bildkräftig: „Ich tue dies mit der Überzeugung, dass Müllers Bauernstube nicht mehr und nicht weniger wert ist als Meiers Salon. Dass Schmids Schrebergarten ebenso sinnvoll ist wie Hubers Sammlung alter Stiche.“ Er erfasst das Reizvolle in allem, und sein weltoffener Blick verschafft ihm und den Betrachtern seiner Werke immer neue, überraschende Einsichten.
 
Fernand Rausser ist Inhaber des Wegwarte-Verlags in CH-3065 Bolligen BE www.wegwarte.ch. In diesem unkonventionellen Verlag sind unter anderen zahlreiche originelle Geschenkbändchen erschienen.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Emmental
01.12.2006: Ein Besuch im Emmental: Milch und Käse bis über die Ohren
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