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BLOG vom 18.04.2007


Bündner Canyon: Die Geröllhalden-Faszination der Ruinaulta
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH
 
Der Kanton Graubünden hat viele Landschaften von urtümlichem Charakter, welche die Einsicht vermitteln, dass der Evolutionsprozess noch alles andere als beendet ist. Hier werden erdbewegende Gewalten spürbar, und genau das ist das Faszinierende daran. Eine solche und dazu weltberühmte Urlandschaft, die noch intensiv in Bewegung ist, heisst in der rätoromanischen Sprache Ruinaulta, was „hoher Steinbruch“ oder „hohe Geröllhalde" bedeutet. Das Wort hat auch etwas mit „Ruine“ zu tun.
 
Die Schlucht im Bergsturzschutt
Angesprochen ist damit die Schlucht im Bündner Vorderrheintal zwischen Ilanz und Reichenau. Hier hat sich vor etwa 14 000 Jahren ein Felssturz ungeheueren Ausmasses ereignet, der wahrscheinlich grösste in den Alpen: Etwa 15 Milliarden Kubikmeter von Steinen durchsetztes, feines Kalkmaterial brach oberhalb des heutigen Flims, zwischen den Bergen Flimserstein und Piz Grisch ab und verschütteten das Vorderrheintal auf 15 km Länge. Dadurch wurde der Vorderrhein zu einem grossen See aufgestaut, dem Ilanzersee, der sich etwa 25 km die Surselva hinauf erstreckte. Der Rheingletscher hatte sich zurückgezogen, und die zu Bergen gewordenen Gesteinshaufen verloren das stabilisierende Element; auch am Eiger hat sich wegen des auftauenden Gletschers ein Bergsturz ereignet (siehe Blog vom 24. Juli 2007 Vom Staunen und Stauen: Der Eiger bleibt uns erhalten), allerdings in Miniaturausgabe.
 
Das kalkhaltige Bergsturzmaterial wurde während des Abbruchs grossenteils zu einem feinen Mehl zerrieben, wie es die Zementindustrie ebenfalls zu tun pflegt, und so ist denn eine Art ungebrannter Mörtel entstanden, der zwar eine gewisse Festigkeit hat, doch offensichtlich ausgesprochen erosionsanfällig ist und wunderschöne Bio-Strukturen hervorbringen konnte. Dem Vorderrhein war es möglich, sich durch das Material zu pflügen. Der Stausee lief aus; die Flutwelle soll die Talebene von Reichenau überschwemmt und das Hinterrheintal bis nach Thusis hinauf geschwappt sein; damals war das Gebiet noch unbewohnt.
 
Der Berg kommt immer wieder
Ob sich der Bergsturz in einem einzigen Rutsch oder in Etappen beziehungsweise einigermassen kontinuierlich während längerer Zeit ereignet hat, weiss ich nicht. Jedenfalls ist das Gebiet noch immer in Bewegung, und auch grössere Steine, die weit oben in Steilhänge eingebettet sind, scheinen nur darauf zu erwarten, den Sprung in die Tiefe zu wagen.
 
Der letzte bekannt gewordene, einigermassen folgenschwere Bergsturz ereignete sich am 5. Januar 2007 bei der Station Valendas-Sagogn der Rhätischen Bahn. Bei einer Lawinengalerie baute ein Felssturz einen Schuttkegel auf, der gegen 22.40 Uhr eine Lokomotive der Rhätischen Bahn zum Entgleisen brachte, wodurch 4 Stützpfeiler der Galerie zerstört und die Lok sowie der nachfolgende Gepäckwagen unter der einstürzenden Decke teilweise verschüttet wurden. Die rund 30 Passagiere konnten evakuiert werden und gelangten zu Fuss zu den Stationen Valendas-Sagogn und Versam-Safien; der Sachschaden ging in die Millionen; die Dörfer Valendas und Versam sind hoch oberhalb der Steilfelsen.
 
Die Galerie war in diesem „lebendigen“ Gebiet zum Zeitpunkt unserer Exkursion noch nicht repariert; Armierungseisen schauten hervor. Doch die Züge fuhren längst wieder. Zwischen Valendas und Versam schützen grosse Wälle aus Bergsturzmaterial, über die der Wanderweg führt, die weiter unten vorbeiführende Schmalspurstrecke der Rhätischen Bahn, auf der gerade auch der Glacier-Express verkehrte. Diese Bahn arrangiert sich mit den Berggefahren immer aufs Neue. Der Vorderrhein ist allerdings nicht mehr so ungestüm wie einst, denn sein Abflussregime (die Hydrologie in der Rheinschlucht) wird weitgehend durch die Ilanzer Kraftwerke bestimmt – die Auenwälder aber wären auf gelegentliche Überschwemmungen angewiesen. Immerhin gibt es schon noch wilde Nebenbäche wie der Ual da Mulin bei der Station Valendas, der eine milchige Brühe herbeiführte, und der Carrerabach etwas weiter unten.
 
Solche Wildbäche und die von ihnen ausgefrästen Waldtobel sind oft schwer zugänglich und gerade darum ökologisch ausserordentlich wertvoll; wenn sie ihre Wildheit und Ursprünglichkeit behalten dürfen. Die Bündner Schluchtwälder werden von Grauerlen, Eschen, Bergahorn und Traubenkirsche geschätzt, auf der Sonnenseite auch von Föhren. Diese kleinräumigen Landschaften mit ihren Erosionsanrissen, Wasserfällen, Kolken (Vertiefungen durch strudelndes Geröll) und Tosbecken verändern sich dauernd und zaubern immer neue wildromantische Landschaftsbilder hervor. Betonmauern verhindern solche Prozesse – aber im Bereich der geschützten Rheinschlucht gibt es sie nur zum Schutze von Infrastrukturanlagen wie dem Bahntrasse und kleinen Strassenüberhängen. Das Bahntrasse wird gelegentlich mit elastischen stählernen Sicherheitsnetzen mit Ringen geschützt.
 
Was blüht denn da?
Am Sonntag, 15. April 2007, nahmen Eva und ich an einer von den Bündner Wanderwegen (BAW) (www.buendnerwanderwege.ch) veranstalteten und von Ueli Hintermeister aus CH-8910 Affoltern am Albis geleiteten Exkursion zwischen Castrisch und Versam teil, für die wir wegen der vielen Marschhalte zur Beobachtung der erwachenden Flora und einer Pause zur Verspeisung des Rucksackinhalts bei der Carrarabachmündung etwa 4 Stunden brauchten.
 
Bei der Wanderung hatten wir alle Auge voll zu tun: Neben den Pflanzen war der frei fliessende Vorderrhein mit seinen vielen Windungen ein Erlebnis. Natürlich kam man nicht darum herum, seinen Blick immer wieder zu den Talwänden schweifen zu lassen, die mit ihren bizarren Formen, dunklen, tunnelartigen Höhlen (schwarze Löcher), spitz zulaufenden verfestigten Säulen aus dem hellen, fast weissen Gesteinsmaterial, das von einer sommerlich warmen Sonne intensiv beleuchtet wurde, vom künstlerischen Schaffen der Natur zeugten. Senkrecht stehende Landschaften. Dagegen verblasst jede noch so gekonnte, von Menschen ausgeführte Bildhauerarbeit, schon wegen der Dimensionen. Weil es jammerschade wäre, den Blick nur dem Boden zuzuwenden, stolpert man halt manchmal über eine Unebenheit wie eine Wurzel.
 
Auch botanisch Interessierte kamen nicht zu kurz. Der Hobbybotaniker Hintermeister, mit dem Standardwerk „Flora Helvetica“ bewaffnet, lehrte, dass der Blütenbau die Pflanzenfamilie bestimmt und man dadurch eine unbekannte Pflanze, entsprechendes familiäres Wissen vorausgesetzt, wenigstens grob zuordnen kann.
 
Beim Bahngeleise bei Castrisch sprossen Schachtelhalme wie junge Spargeln aus dem Boden, auch das Labkraut. In den lichten Föhren-Mischwäldern und Auenwaldrestbeständen mit den vielen Schwarzerlen und Waldreben begegnete die etwa 40 Personen umfassende Gesellschaft mit orangefarbenen Flechten überzogenen Holunderbüschen und Wolfsmilchgewächsen wie dem Wald-Bingelkraut, das früher zur Heilung der Wassersucht eingesetzt worden war. Auch Vertreter der Storchenschnabel-Familie waren präsent. Selbst die ehrenwerte Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae) war mit der Platterbse vertreten. Sumpfdotterblumen (Bachbumbele), Scharbockskraut, Pestwurz, Huflattich und Leberblümchen säumten den Weg, neben vielen anderen kleinen Schönheiten. Berühmt ist diese Rheinschlucht mit ihren kalkreichen Böden auch für das grosse Orchideenvorkommen und die etwa 350 Schmetterlingsarten, die hier leben, einschliesslich seltener Arten.
 
Aktiver BAW
Die Organisation BAW hat sich viel Mühe gegeben, dem Wanderer etwas Komfort zu bieten. Über feuchte Stellen wurden kleine Holzstege gebaut, und es gibt Rastplätze und gute Kartendarstellungen, die Auskunft über den eigenen Standort und die weitere Umgebung vermitteln. Unterhalb des Bahnhofs Valendas (in Richtung Versam) wurde der Wanderweg neuerdings vorübergehend zu einem Höhenweg, wodurch eindrückliche Ausblicke in die Rheinschlucht möglich werden.
 
Kontakte
Meine Beziehungen zur BAW-Organisation sind beinahe familiärer Natur, zumal meine Nichte Alma Holzner in der Geschäftstelle dieses Unternehmens in Chur tätig ist und mich schon mehrmals mit wertvollem Bündner Informationsmaterial versorgt hat; ich nehme die Gelegenheit war, dieser liebenswürdigen und hilfsbereiten Person auch im Namen des Blogateliers herzlich zu danken.
 
Wanderungen und Wandervorbereitungen selber sind immer auch Gelegenheiten für menschliche Kontakte. Bei der Talwanderung in der Rheinschlucht kam die Begegnung mit einem kleinen, zwar nicht ganz frisch geschorenen weissen Pudel mit grossen schwarzen Augen und schwarzer Nase hinzu, der mit seinem glänzenden Fell beileibe keinen ungepflegten Eindruck machte. Er hatte beim Laufen etwas Schlagseite, was auf rheumatische Erscheinungen schliessen liess. Und es schien mir ein tierfreundlicher Akt zu sein, als ihn seine Begleiterin in ihren Rucksack stopfte, so dass nur noch der Kopf mit den wehenden Ohren zu sehen war. Dem sympathischen Tier schien diese Art der Fortbewegung ausserordentlich gut zu behagen, und es schaute höchst interessiert in die Landschaft, die eine solche Aufmerksamkeit durchaus verdiente.
 
„Grand Canyon der Schweiz“
Diese Landschaft in der Surselva (= ob dem Wald, romanischer Name für das Vorderrheintal) wird manchmal auch als „Grand Canyon der Schweiz“ bezeichnet; nur der Rhein wird nicht in Colorado umbenannt ... Die Rheinschlucht ist eine Landschaft von schweizerischer Bedeutung (BLV Nr. 1902, also ein Element des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung). Die Ruinaulta (BLN-Gebiet Nr. 1902) liegt auf dem Gebiet der Gemeinden Bonaduz, Versam, Valendas, Castrisch, Schluein, Sagogn, Laax, Flims und Trin.
 
Das Gebiet ist nicht allein für Wanderer attraktiv, sondern auf dem 18 km langen Flussabschnitt zwischen Ilanz und Reichenau befindet sich die längste durchgehende Riverraftingstrecke in der Schweiz. Paddelboote bringen Farbe in die weisse und grüne Schlucht. In Versam ist eine bekannte Kanuschule (www.kanuschule.ch) angesiedelt, welche die Beherrschung des Kajaks und des Kanadiers innerhalb eines Naturwunders lehrt.
 
Castrisch bis Trin
Wir kehrten mit der Rätischen Bahn nach Castrisch (mit Betonung aufs A, Bezirk Surselva) zurück (Strecke Disentis–Chur) und genossen noch einmal die leuchtend weissen, phantasievoll strukturierten, gigantischen Wände. Das gemischtsprachige Ackerbauerndorf Castrisch (deutsch und rätoromanisch) hat gut 400 Einwohner. Bei einer Dorfwirtschaft löschten viele Leute im Freien an der Sonne ihren Durst. Viele weisse Häuser mit den winzigen Fenstern von Kästris (deutsche Schreibweise) haben grosse Toreinfahrten. Die Bauten scharen sich um die Kirche Sogn Gieri mit der barocken Haube auf dem romanischen Turm. Wir tranken herrlich kühles Wasser von einem Brunnen und füllten unsere Flaschen damit, denn unser Programm wies noch etliche Positionen auf. Leider lag auch kein Augenschein im Safiental mehr drin, in dem Walser Siedler einst ödes Land in duftende Weiden verwandelt haben. Meine Frau, geborene Pfosi, hat wahrscheinlich Walser Wurzeln.
 
Auf der strassengebundenen Weiterfahrt warfen wir noch einige Blicke auf die 3 Dörfer der Gemeinde Trin (ehemals Trins, Bezirk Imboden): Trin, Digg und Mulin an der Hauptstrasse zwischen Chur und dem Oberalppass, die durch einen 2 km langen Strassentunnel vom Durchgangsverkehr entlastet sind. Das Dorf mit der spätgotischen Kirche und dem Wehrturm auf dem Hügel Canaschal östlich der Kirche vermittelte noch einmal einen Eindruck von einem Kanton, der mit den Bergen eine Symbiose eingegangen ist, deren Schönheiten und aussichtsreiche Lagen er zu nutzen und deren Gefahren er zu parieren weiss.
 
Nach einer einleuchtenden Legende soll auf einer stark befestigten Felsenplattform (Crap Sogn Parcazi, „St. Pankrazfelsen") Pippin der Kurze, der Begründer der karolingischen Dynastie, eine königliche Festung errichtet haben. Auf derselben Anhöhe bauten später die Herren von Hohentrins ihre Burg, die bis ins 15. Jahrhundert bewohnt war. Der Felsen war zwar uneinnehmbar, doch konnte er beliebig lange belagert werden, und die Gefahr für die Bewohner bestand im Verdursten. Deshalb wurde das Regenwasser im Burghof aufgefangen, durch ein klug angelegtes Filtersystem gereinigt und in einer runden Zisterne gesammelt. Eine gemeinsame Verteidigungsanlage verband diesen Hochsitz mit dem oben erwähnten Turm, der zusammen mit der Kirche noch heute das Dorfbild beherrscht.
 
Über die Lenzerheide
Wegen noch fälliger Verwandtschaftsbesuche wählten wir die Route über Bonaduz–Thusis–Tiefencastel, diesmal dem Hinterrhein die Ehre erweisend, und dann über die Lenzerheide, weiter zur Bündner Herrschaft, wo alles besonders üppig und mit Vorsprung blühte. Im Gebiet von Parpaner Rothorn (Osten) und Stätzerhorn (Westen) herrschte noch Winterstimmung in Weiss, und weiter unten auf der Passhöhe war bereits der Sommer da. Unglaublich, wie die Bautätigkeit die „Heid“ (so sagen die Eingeborenen) in den letzten Jahrzehnten mit einer weit ausladenden zusätzlichen Kruste aus Wohn- und Ferienhäusern versehen hat. Das bei Erosionen anfallende Baumaterial kann eben anderweitig wieder verwertet werden.
 
Die sparsamen, abgehärteten Bündner, die uns trotz unserer unangekündigten Ankunft mit Kartoffeln aus dem Solarkocher, duftendem Salsiz und einer Zizerser Spätlese 2001 festlich bewirteten, verstehen es seit je, aus nichts oder aus bzw. auf Bergsturzmaterial etwas Wertvolles zu machen.
 
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